Kommentar: Pfeifen im Walde

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Wie üblich haben Vorstand und Geschäftsführung des Bundesverbandes Reifenhandel und Vulkaniseurhandwerk e.V. (BRV) kurz vor dem zurückliegenden Jahreswechsel ein erstes vorsichtiges Fazit zum Geschäftsjahr 2019 gezogen. Selbst wenn stichhaltigeres Zahlenmaterial zum Reifenersatzmarkt Deutschland noch eine Weile auf sich warten lassen wird, fällt die vorläufige Bilanz – zumindest aus BRV-Sicht – doch eher positiv aus. Schön wär’s ja.

Die Branchenvertretung sieht basierend auf ersten Hochrechnungen die eigenen Prognosen vom vergangenen Frühjahr jedenfalls tendenziell bestätigt. Soll heißen: Für das abgelaufene Jahr hält der BRV im Pkw-, 4×4-/SUV- und Llkw-Reifen umfassenden Consumer-Segment das Erreichen des vorhergesagten gut einprozentiges Absatzwachstums im Geschäft Handel an Verbraucher (Sell-out) für nicht unwahrscheinlich. „Auch die Prognose von plus 0,3 Prozent im Stückabsatz Lkw-Reifen könnte erreicht werden, wobei sich hier bereits im Jahresverlauf gezeigt hat, dass Runderneuerte, wie im Vorjahr, wiederum besser abschneiden als Neureifen“, sagt der Reifenhandelsverband. Zugleich konstatiert er im Consumer-Segment weitere Verschiebungen zugunsten von Ganzjahres- und zulasten von Sommer- und Winterreifen.

Ob sich das alles so bewahrheitet, wird abzuwarten sein. Schließlich zeichnet das vom Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie (WdK) erhobene sogenannte Sell-out-Panel mit Datenstand Ende November ein etwas anderes Bild: vor allem, was den bezogen auf Stückzahlen größten Marktbereich der Consumer-Reifen betrifft. Mit Blick auf die ersten elf Monate 2019 ist da zwar ebenfalls von einer gut einprozentigen Veränderung gegenüber dem Vergleichszeitraum 2018 die Rede, doch mit einem Minus anstelle eines Plus als Vorzeichen. Ungeachtet dessen berichtet der BRV in seiner vorläufigen Bilanz für das zurückliegende Geschäftsjahr auch in puncto Umsatzentwicklung von einem zu erwartenden „leicht positiven Ergebnis“ im Reifenfachhandel.

„Insgesamt gehen wir von einem geringfügigen Umsatzwachstum aus, was primär auf den für den Reifenfachhandel günstigen Produktmix sowie auf steigende Dienstleistungserträge im Reifen- und Autoservice zurückzuführen ist“, wie es dazu weiter heißt. Vor dem Hintergrund zuletzt ausnahmslos positiver Indexwerte bei seinem quartalsweisen Branchenbarometer kommt der BRV zusammen mit den ihm vorliegenden Absatz- und Umsatzindikatoren „zu dem Schluss, dass 2019 im Großen und Ganzen ein gutes Jahr für den Reifenservicesektor war und die Branche somit auf guter Basis ins Geschäftsjahr 2020 starten kann“. Aus Verbandssicht sollte der Reifenfachhandel in seiner Gesamtheit – individuelle Abweichungen nach oben oder unten gibt es ja immer – also mit (leichtem) Rückenwind ins neue Jahr gehen können.

Das ist nicht so zu verstehen, als sei alles eitel Sonnenschein. Zumal bei alldem schon auf die eine oder andere „Baustelle“ innerhalb der Branche verwiesen wird. Dazu gehören ein im Großen und Ganzen stagnierender Stückzahlabsatz im deutschen Reifenersatzgeschäft, aus dem in einem Verdrängungskampf der verschiedenen Vertriebskanäle ein entsprechender Druck auf die Produktpreise resultiert. Zumal der Markt eher von einem Warenüberangebot denn von Lieferengpässen geprägt ist. Gleichzeitig weist der BRV auf eine zunehmende Komplexität hin, nicht nur was die Dimensionsvielfalt betrifft, sondern vor allem insbesondere beim Thema Reifen-/Fahrzeugtechnik. Auf Dinge wie unter anderem die bevorstehende Einführung von Reifendruckkontrollsystemen (RDKS) bei Nutzfahrzeugen, vernetzte bzw. „intelligente“ Reifen oder einen steigenden Anteil an Fahrzeugen mit alternativen Antrieben müssten sich Reifenservice-/Werkstattbetriebe einstellen, heißt es.

Dafür bedürfe es einerseits gut ausgebildeter Fachkräfte. Andererseits gelte es „in erheblichem Maße“ in die Betriebs- und Werkstattausstattung zu investieren. Doch woher nehmen, wenn am Verkauf des Reifens kaum mehr etwas zu verdienen ist? Angesichts dessen dürfte sich vor dem Hintergrund eines gesunden Selbsterhaltungstriebes das Verschenken von Dienstleistungen eigentlich von selbst verbieten: Denn wo, wenn nicht über die Serviceerträge, soll das Geld dafür herkommen, den eigenen Betrieb fit für die Zukunft zu machen. Das hat aber wohl noch immer nicht jeder verinnerlicht, weshalb der BRV beständig einem – wie Verbandspräsident Stephan Helm es der letztjährigen Mitgliederversammlung sagte – „marktkonformen Preisniveau beim Service“ das Wort redet. Als sei all dies nicht schon genug der Herausforderungen, kommen noch weitere Faktoren hinzu.

So etwa der Onlinedirektvertrieb der Industrie in Richtung Endverbraucher. Außerdem hat zwar noch kein Kinderchor dem Auto ein entsprechendes Liedchen gewidmet wie kürzlich der des WDR Großmüttern. Dennoch gilt der Individualverkehr in der Öffentlichkeit schon länger und immer öfter als vermeintliche „Umweltsau“ verbunden mit einer gewissen Verunsicherung der Verbraucher, wie denn die Mobilität der Zukunft wohl aussehen mag. Nicht umsonst werden für das neue Jahr rückläufige Pkw-Neuzulassungszahlen erwartet. Weniger Autos, die zu bewegen durch immer strengere Umweltauflagen (Fahrverbotszonen) bzw. höhere Kosten (Kohlendioxidbepreisung) immer weniger attraktiv wird, brauchen langfristig schließlich auch weniger Reifen. Umso mehr muss sich insofern erst noch zeigen, ob der vermeintliche Rückenwind mehr als ein laues Lüftchen ist oder nicht doch eher das redensartliche Pfeifen im Walde. christian.marx@reifenpresse.de

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  1. […] das zurückliegende Reifenjahr gelaufen sein mag, will der Bundesverband Reifenhandel und Vulkaniseurhandwerk e.V. (BRV) nicht zuletzt mit seinem […]

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