Kommentar: Das Problem Michelins mit seiner LLP-Strategie …

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… ist deren Komplexität. Das dürften selbst blutige Laien bzw. in Reifendingen gänzlich Unerfahrene oder Desinteressierte sofort erkennen, wenn Sie auch nur einen ganz kurzen Blick auf eine Ende August dazu veröffentlichte Pressemitteilung zu der Thematik werfen. Unter der Überschrift „Sicherheit, Umwelt, Kaufkraft – Transparenz nutzt uns allen“ versucht der französische Reifenhersteller darin zu erklären, worum es (ihm) bei LLP bzw. seiner damit gemeinten Long-Lasting-Performance-Strategie im Zusammenhang mit Reifen geht. Denn nicht weniger als sieben Fußnoten begleiten den Text, was dem Ganzen fast schon den Anstrich einer wissenschaftlichen Abhandlung verleiht. Allerdings müssen in heutiger Zeit die Antworten auf Probleme bekanntlich möglichst einfacher Natur sein.

Fundierte Fakten mögen den Fachmann interessieren, doch die breite Öffentlichkeit meldet sich bei komplexeren Sachverhalten einfach mal ab. Vor einem solchen Hintergrund, wo feinste Details nur vergleichsweise wenig interessieren, fällt es Michelin im Zusammenhang mit LLP offenbar umso schwerer, bestimmte und dann auch noch technische Zusammenhänge klar und für jedermann leicht verständlich „rüberzubringen“. So hatte man ganz zu Beginn bei Ausrufen der Strategie anlässlich des Pariser Autosalons im Herbst 2016 beispielsweise davon gesprochen, Michelin-Reifen seien sicher bis zum Erreichen des gesetzlichen Profiltiefenlimits von 1,6 Millimetern. Klar verbessert sich der Rollwiderstand mit abnehmendem Profil genauso wie sich der Bremsweg im Trockenen verkürzt. Doch gerade die Nässeeigenschaften verschlechtern sich im Gegenzug unweigerlich.

Im Eifer des Gefechtes in der Kommunikation rund um den LLP-Konzeptansatz insofern wohl leicht über das Ziel hinausgeschossen, hagelte es folglich harsche Kritik von allen Seiten der Branche. Mit der Aussage, Michelin-Reifen seien bis zum Erreichen der gesetzlichen Mindestprofiltiefe „kompromisslos sicher“, würden Kunden schlicht „fehlgeleitet“ so stellvertretend etwa die Bedenken eines Conti-Reifenentwicklers. Dass diese nicht allein der natürlichen Rivalität mit einem Mitbewerber im Markt, sondern schlicht technischen Zusammenhängen geschuldet sind, hat aktuell ein AutoBild-Vergleichstest belegt. Bei dem mussten drei Reifenmodelle der Marken Conti, Goodyear und selbstredend Michelin bei jeweils vier Profiltiefenabstufungen angefangen beim Neuzustand bis hinunter zu 1,6 Millimetern gegeneinander antreten.

Doch selbst wenn die französische Marke mit zunehmend verringertem Restprofil dabei im Vergleich zur Konkurrenz (leicht) ins Hintertreffen geraten zu sein scheint, ist dies trotzdem für den Konzern noch lange kein Widerspruch zu seiner von ihm verfolgten LLP-Strategie. Zumal Michelin damit weniger andere Premiumhersteller ins Visier nimmt, sondern im Gegenteil bei früherer Gelegenheit sogar explizit verlautbaren ließ, dass diesem Segment gemeinhin zuzurechnende Anbieter durchaus bei geringeren Profiltiefen entsprechend genauso performante Reifen produzieren (können). Nicht umsonst war besagtem Conti-Reifenentwickler insofern überhaupt nicht bange, die vom Wettbewerber aus Frankreich im Zusammenhang mit der zukünftigen Homologation von Reifen befürworteten Nassbremstests im abgefahrenen Zustand mit den eigenen Produkten erfüllen zu können.

Da das Ganze bezüglich Goodyear sicher nicht viel anders aussehen dürfte, ist besagter AutoBild-Test augenscheinlich weder als Plädoyer gegen Michelins Long Lasting Performance noch dafür zu werten. Er hat lediglich anschaulich nachgewiesen, was ohnehin ein jeder weiß oder zumindest wissen sollte: je höher die Geschwindigkeit und je niedriger die Profiltiefe der Reifen eines Fahrzeuges, desto länger dessen Bremsweg auf nasser Fahrbahn. Wäre es dem Blatt vornehmlich um LLP gegangen, so wäre aus einem solchen Blickwinkel nur folgerichtig gewesen, hätte das Magazin zusätzlich noch Reifen aus dem Qualitäts- und Budgetsegment in seinen jüngsten Produktvergleich mit einbezogen.

Zumal Umwelt(-schutz) und Kaufkraft(-erhöhung) über eine längere Reifennutzung vom Konzern zwar ebenso als Motivation für seine (Premium-)Strategie angeführt werden, doch bei den Franzosen – wie bei anderen Herstellern auch – trotzdem vor allem wohl das Sicherheitsargument im Vordergrund steht. Heißt: Dass mehr „gute“ Reifen an Autos montiert werden sollen und weniger solche, mit denen Fahrer „ins Schwimmen“ kommen könnten, steht bei LLP nicht hintenan. Insofern wäre besagter Test erst richtig interessant geworden mit Profilen, die nicht dem Premiumsegment zuzurechnen sind, sowie dann etwa noch mit solchen der Michelin-Marken Kleber/BFGoodrich bzw. Kormoran/Tigar/Orium darunter … christian.marx@reifenpresse.de

1 Antwort
  1. Feger says:

    Das Problem liegt in der Unprofessionalität des Tests.
    1. In der Gazette ist einmal die Rede von 130 km/h, dann von 120 km/h, welche Geschwindigkeit war es denn nun?
    2. Wenn etablierte Testverfahren bei 80 km/h und einer Wassertiefe von 1 mm ablaufen, warum wird hier diese Geschwindigkeit um 50% ( oder mehr) überschritten? Um einen größeren Effekt zu generieren?
    3. Welcher verantwortungsbewusste Autofahrer fährt bei Starkregen 130 km/h? Das ist bereits lebensgefährlich alleine aus Gründen der Sichtverhältnisse, auch bei 8 mm Profiltiefe.
    4. Die Nennung der konkreten Testprobanden (Typ und Herstellungszeitraum) ist unterblieben. Die Nennung der Herstellerfirmen hätte daher ebenfalls unterbleiben können. Es sei denn, man möchte ein unternehmen herausstellen, dann macht es natürlich Sinn.
    5. Das bereits genutzte Komponenten in verschiedenen Bereichen weniger leistungsfähig sind, als neue, ist eine Binsenweisheit. Keiner wäre wohl überrascht, wenn ein Fahrzeug mit 180.000 km Laufleistung bei einem Bremsentest gegenüber einem Neuwagen schlechter abschneiden würde, trotz gültiger HU. Ein Fahrzeugführer sollte in der Lage sein, den Verschleiß seines Fahrzeugs zu berücksichtigen. Ansonsten ist wäre außer „Neu“ lebensgefährlich. Aber vielleicht sollte genau dieser Eindruck entstehen. Cui bono?

    Es bleibt ein fader Beigeschmack. Ein reißerischer, unprofessioneller Artikel, der dem Handel womöglich nützt, zumindest einem Reifenkonzern ebenfalls. Seriös geht anders. Zufällig zu einer Zeit, in der bei der EU über Testverfahren bezüglich der Leistungsfähigkeit von Reifen bei Nässe auch im „gebrauchten“ Zustand nachgedacht wird. Ein Schelm…

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