Nicht alle „großen“ Pkw-Reifenmarken leisten Großes – manch „kleine“ arbeitet sich vor

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Fragt man Autofahrer nach ihnen bekannten Reifenmarken, dann dürften gemessen an der Zahl der Nennungen auch heute noch in der Regel die „üblichen Verdächtigen“ – in alphabetischer Reihenfolge: Bridgestone, Continental, Dunlop, Goodyear, Michelin und Pirelli – auf den vorderen Rängen liegen. Ein meist ähnliches Bild ergibt sich, wenn man auf die alljährlichen Pkw-Reifentests von deutschen Zeitschriften wie denen der AutoBild-Gruppe, von Auto Motor und Sport, Autozeitung, Sportauto etc. oder von Automobilklubs wie ADAC, ACE und Co. sowie Organisationen wie der Gesellschaft für technische Überwachung (GTÜ) schaut. Eine Auswertung sämtlicher dieser 2020 durchgeführten Produkttests hat – wie im Übrigen schon für 2018 und 2019 – einmal mehr jedoch ergeben, dass es keine Regel ohne Ausnahme gibt. Aktuell identifiziert eine entsprechende aktuelle Preis-Leistungs-Analyse einerseits zumindest eine Topmarke, deren eher hochpreisige Vermarktung nicht so recht zu ihrer bei den letztjährigen Tests auf die Straße gebrachte „Power“ passen will. Andererseits gibt es umgekehrt die eine oder andere in günstigeren Preisregionen verortete Marke, die sich in Bezug auf die Leistung ihrer Pkw-Reifen den diesbezüglich besten langsam, aber sicher immer weiter annähert.

Das zeigt jedenfalls die Analyse sämtlicher 2020 veröffentlichter Pkw- und SUV-Reifentests deutscher Automobilmagazine, Automobilklubs sowie Prüforganisationen durch die NEUE REIFENZEITUNG (NRZ) im Vergleich mit den entsprechenden Auswertungen für die beiden Jahre davor. Unsere Vorgehensweise dabei ist immer dieselbe. Bei allen (diesmal insgesamt 24) Einzelproduktvergleichen wurden die Leistungen der jeweils Besten – also der Testsieger mit der höchsten Punktzahl bzw. der besten Note – auf 100 Prozent normiert. Über alle so von einer Marke eingefahrenen Relativbewertungen wurde anschließend jeweils gemittelt, sofern sie wenigstens insgesamt dreimal bei einem der letztjährigen Produktvergleiche mit am Start war. Die entsprechenden Durchschnittswerte sind anschließend ein weiteres Mal normiert worden auf den höchsten von ihnen. Das heißt nichts anderes, als dass die Marke, die über alle Tests im Mittel das beste Ergebnis eingefahren hat, das 100-Prozent-Niveau definiert und sich alle anderen folglich mit Werten darunter hinter ihr anschließen. Bei alldem hat sich für 2020 einen neuer „Leistungssieger“ ergeben: Michelin hat Continental die Krone abjagen können, die letzterer Hersteller 2019 und 2018 für sich hatte reklamieren können.

Dazu muss festgestellt werden, dass die Luft an der Spitze doch recht dünn ist und diejenigen Marken, welche die Tests mehr oder weniger regelmäßig anführen, nur wenige Prozentpunkte auseinanderliegen. Das Toptrio hinsichtlich der Leistungswertung komplettiert gemäß der jüngsten NRZ-Auswertung abgesehen von der aus Frankreich stammenden auf dem ersten Platz und Continental – nun sogar auf den dritten Rang „abgerutscht“ – noch Goodyear als Zweite. Ungeachtet der diesbezüglich aktuell auf Rang vier liegenden Marke BFGoodrich, die in den beiden Jahren davor bei unseren Analysen gar nicht dabei war, weil von ihr stammende Profile bei weniger als drei Reifentests Berücksichtigung gefunden hatten, hat sich vor allem Bridgestone ein Stück näher an das Toptrio heranarbeiten können. Das ist selbstredend vor allem dem Umstand geschuldet, dass der japanische Hersteller bei den Winterreifentests 2020 mit seinem „Blizzak LM005“ Siege quasi in Serie hat einfahren können. Das zeigt sich umso deutlicher, wenn man die Leistungen der einzelnen Marken getrennt nach den jeweiligen Produktgattungen – Sommer-, Ganzjahres- sowie eben Winterreifen – betrachtet mit demselben, oben bereits beschriebenen Ansatz.

Dabei dürften Bridgestone und die im NRZ-Gesamtranking der „Leistungssieger“ noch davor platzierten Marken in die Karten gespielt haben, dass der im Wintersegment bei Reifentests üblicherweise stark aufspielende Wettbewerber Continental die ursprünglich für die Umrüstsaison 2020/2021 geplante Einführung des „WinterContact TS 870“ als Nachfolger des vielfach siegreichen Vorgängers „WinterContact TS 860“ bedingt durch die Corona-Krise auf dieses Jahr verschoben hat. Zusammen mit dem nach Informationen dieser Fachzeitschrift ebenfalls für 2021 erwarteten „SportContact 7“ für das Sommersegment könnte die Sache in diesem Jahr unter Umständen dann schon wieder ein wenig anders aussehen. Aber das wird dann erst eine umfassende Analyse der 2021er-Reifentests bestätigen oder widerlegen können. Jedoch steht schon jetzt fest, dass Dunlop zu den Marken zählt, die zuletzt gegenüber den Vorjahren ein wenig Federn hat lassen müssen, was ihr Abschneiden bei den üblichen Produkttests deutscher Automagazine und Verbraucherorganisationen betrifft. Scheinbar rückt Goodyear seine Hauptmarke mehr und mehr in den Fokus zuungunsten ihrer Schwestermarke Dunlop.

Deren letzte Produktneuvorstellungen liegen mit Blick auf den 2015 für die kalte Jahreszeit präsentierten „Winter Sport 5“ sowie die Sommerprofile „Sport BluResponse“ (2013) und „Sport Maxx RT 2“ (Anfang 2016) mittlerweile immerhin schon fünf und mehr Jahre zurück. Gleichwohl hat Dunlop seit vergangenem Spätherbst mit dem „Sport All Season“ nach noch längeren Jahren ohne aktuelles Modell dieser Gattung bei den Pkw-Ganzjahresreifen wieder ein Eisen im Feuer, das jedoch genauso wie die beiden neuen Conti-Modelle frühestens bei den diesjährigen Reifentests Berücksichtigung finden könnte. Nach einem Zwischenhoch 2019 ist zwar auch Cooper wieder auf das Leistungslevel von 2018 zurückgefallen und hat zudem noch Yokohama einiges an Federn lassen müssen, doch beständig an Boden verloren hat gemäß der aktuellen NRZ-Analyse vor allem Pirelli. Was die von den Pkw-Reifen der italienischen Marke in den letztjährigen Tests gezeigten Leistungen betrifft, bewegen sie sich mittlerweile in etwa auf dem Niveau, das Kleber-, Sava-, Kumho- oder Toyo-Profile an den Tag legen. Verstecken braucht man sich damit freilich nicht – nur will so etwas irgendwie nicht so recht zu dem Premiumanspruch Pirellis passen.

Denn hinsichtlich ihrer Preisstellung liegen die Reifen der Italiener (noch?) deutlich weiter oben in einem entsprechenden Ranking. Letzteres hat die NEUE REIFENZEITUNG analog zur Leistungsauswertung der 2020er-Produktvergleiche auf Basis der dabei von den Testern jeweils recherchierten Verkaufspreise vorgenommen. Soll heißen: Auch dort wurden die Anschaffungskosten der jeweils teuerste Reifen auf 100 Prozent normiert, dann für alle Marken ein Mittelwert gebildet und eine weitere Normierung auf den sich dabei herauskristallisierenden teuersten Anbieter vorgenommen. An dieser Front hat es übrigens keinerlei Änderung an der Spitze des Feldes gegeben: Michelin reklamiert auch bezüglich der Preispositionierung Rang eins für sich und hat diese Stellung eher noch ausgebaut. Denn bei den insgesamt 24 Einzeltests war die Marke 21-mal am Start und erwies sich dabei in 19 Fällen als teuerstes Produkt – einmal davon zusammen mit einem anderen Hersteller. Doch aus Verbrauchersicht ist bekanntlich ein Faktor viel entscheidender als nur der Preis eines Reifens oder nur dessen Leistungen bei Tests: Es kommt vielen vor allem auf das Preis-Leistungs-Verhältnis an.

Denn wohl die Mehrzahl der Autofahrer dürfte sich fragen, warum sie für ein Reifenmodell der Marke X deutlich mehr zahlen sollte als für das des Herstellers Y, wenn Letzteres bei Tests genauso gut oder womöglich gar noch besser abschneidet als das andere. In derartigen Fällen könnte sich also durchaus und im wahrsten Sinne des Wortes eine Betrachtung eben jenes Preis-Leistungs-Verhältnisses „auszahlen“ wie es die NEUE REIFENZEITUNG basierend nach dem mehrfach erläuterten Prinzip für die einzelnen Produktsegmente Sommer-, Ganzjahres- und Winterreifen ebenfalls noch vorgenommen hat. Dass dabei weniger Marken in Erscheinung treten als insgesamt, ist dabei dem Umstand geschuldet, dass hier für eine Auswertung ebenso wieder mindestens jeweils drei Teilnahmen bei Vergleichen von Produkten aus den drei Gattungen vorliegen mussten. Dabei zeigt sich dann, welche Marken für ihren Preis eher zu wenig Leistung bieten wie Semperit bei den Winterreifen oder Yokohama und Kleber bei den Sommerreifen. Dafür zeigen beispielsweise Apollo, Falken-, Nexen-, Vredestein und vor allem Maxxis-Reifen für die warme Jahreszeit, dass es auch andersherum geht. Bei Winterreifen trifft selbiges am ehesten auf Profile der Marken Hankook, Falken und wiederum Maxxis zu. Jedenfalls für den Moment. Angesichts zu erwartender neuer Reifen in diesem Jahr dürfte die bald beginnende Frühjahrstestsaison sicherlich weitere Erkenntnisse mit sich bringen. christian.marx@reifenpresse.de

Hinweis: Dank Anzeigenkunde Goodyear ist die eigentlich Abonnenten der NEUE REIFENZEITUNG vorbehaltene Langfassung dieses in Heft 2/2021 erscheinenden Beitrages für jedermann frei lesbar.

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  1. […] Marke Maxxis des taiwanesischen Herstellers Cheng Shin hat bei den Reifentests hierzulande zuletzt stetig bessere Resultate einfahren können. Bei dem aktuellen Produktvergleich des schwedischen Magazins Vi Bilägare (zu deutsch: Wir […]

  2. […] und dem Preis – für ihn zahlten die Tester gerade einmal rund die Hälfte wie für die wieder einmal teuerste Marke Michelin des Vergleiches – aufgrund seines „mäßigen Nässegrips in Kurven und vergleichsweise träger […]

  3. […] die diesbezügliche Spanne zwischen dem teuersten Profil im Test – diesmal übrigens nicht wie sonst meist üblich von Michelin gestellt – und dem günstigsten von gut 110 Euro je Reifen bis hinunter zu ziemlich genau […]

  4. […] für das Jahr 2021 gekürt, wobei man sich anders als unlängst die NEUE REIFENZEITUNG nicht allein auf Pkw-Reifenmarken beschränkt, sondern insgesamt rund 1.300 Marken vieler verschiedener Branchen analysiert hat. Dazu zählen die […]

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