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Kommentar: Hat der Reifenfachhandel (k)eine Zukunft?

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Als wir im Frühjahr auf unseren Webseiten unter www.reifenpresse.de über das vermeintliche Verbot von Luftreifen ab dem Jahr 2030 berichteten, war das Ganze relativ schnell und völlig zu Recht als einer der alljährlichen Aprilscherze der NEUE REIFENZEITUNG enttarnt. Was aber, hätten wir gemeldet, dass es in etwas mehr als zehn Jahren keinen Reifenfachhandel mehr gibt so wie wir ihn heute noch kennen? Wie heftig wäre der Widerspruch mit Blick auf eine solche Hypothese ausgefallen? Und hätte es überhaupt welchen gegeben? Blickt man auf die aktuellen Entwicklungen im Markt, gewinnt man schließlich den Eindruck, dass mehr und mehr Unternehmen die Lust am Reifengeschäft zu verlieren scheinen.

Gründe dafür gibt es offenbar genug. Da wäre zuallererst einmal der stagnierende bis leicht rückläufige Stückzahlabsatz im deutschen Reifenersatzgeschäft anzuführen. Nennenswertes Wachstum gibt es einzig und allein noch im Segment der Ganzjahresreifen. Zugleich damit wird jedoch schon gleich ein weiteres Problem aufgeworfen: Die Zahl der Einlagerungen der saisonal gerade nicht benötigten Reifensätze ist damit tendenziell ebenso rückläufig wie die mit dem zweimal jährlichen Umstecken generierten Dienstleistungserlöse. Das geht freilich zwar nicht nur dem Reifenfachhandel so, sondern betrifft dessen Hauptwettbewerber (Autohäuser/freie Kfz-Werkstätten) genauso, macht es aber nicht besser.

Laut der jüngsten Distributionsanalyse des Bundesverbandes Reifenhandel und Vulkaniseurhandwerk e.V. (BRV) ist der Reifenfachhandel nach wie vor der führende Vertriebskanal im deutschen Reifenersatzgeschäft. Doch im Geschäft mit Pkw-Bereifungen liegen Autohäuser und die freien Kfz-Werkstätten zusammengenommen ihm dennoch mittlerweile auf Augenhöhe. Jedenfalls sehen sich die Unternehmen der Branche schon seit Längerem einem gehörigen Konkurrenz- und damit Preis- bzw. Margendruck ausgesetzt, der nur noch dadurch verschärft wird, dass parallel zu alldem darüber hinaus der Onlinevertrieb von Reifen/Kfz-Teilen zulegt.

Die Zukunft dürfte jedoch durchaus noch weitere Herausforderungen mit sich bringen. Damit sind weniger Dinge wie autonomes Fahren oder ein irgendwann vielleicht doch noch kommender E-Mobilitäts-Boom gemeint: Denn auch die dabei eine Rolle spielenden Fahrzeuge werden vorerst und auf absehbare Zeit weiterhin Reifen benötigen. Aber die Automobilhersteller könnten noch weit mehr als bisher geneigt sein, das Thema Reifen für sich zu vereinnahmen. Pirellis immer wieder betonte „Perfect-Fit“-Strategie mit speziell auf die jeweiligen Fahrzeuge abgestimmten Erstausrüstungsreifen etwa könnte nur ein Vorbote von Weitreichenderem sein: Reifen, die nicht mehr das Logo ihres jeweiligen Herstellers auf der Seitenwand tragen, sondern das der betreffenden Automarke.

Derlei Bestrebungen sind der NEUE REIFENZEITUNG durchaus schon zu Ohren gekommen. Wenn dann zusätzlich möglicherweise noch proprietäre Technologien etwa in Form immer „intelligenterer“ Sensorik in den Reifen zum Einsatz kommen im Zusammenspiel mit immer komplexeren Fahrzeugsicherheits- bzw. -assistenzsystemen, dann könnte es für freie Reifenservicebetriebe zunehmend eng werden. Haben selbst heute – beinahe vier Jahre nach deren verpflichtender Einführung bei Neufahrzeugen der Klasse M1 – Branchenbetriebe mitunter noch so ihre Probleme mit dem Thema Reifendruckkontrolle, könnte immer mehr „Intelligenz“ im Reifen einige schlichtweg überfordern.

Insofern zöge eine immer engere Verzahnung von Reifen und Rad mit dem Rest des Fahrzeugs einen ähnlichen Effekt nach sich wie derjenige, der im Zuge einer immer moderneren Mulimediaausstattung heutiger Wagen im Zusammenhang mit dem Nachrüstgeschäft in Sachen Autoradios zu beobachten war/ist: War es früher nichts Außergewöhnliches, ein Auto ohne gleich ab Werk eingebautes Gerät zu ordern und stattdessen selbst eines für den guten Klang beim Fahren einzubauen bzw. einbauen zu lassen, ist so etwas mittlerweile die absolute Ausnahme. Schon allein wegen der Anforderungen hinsichtlich der fahrzeugspezifischen Bauformate und Kommunikationsschnittstellen. Warum sollte ein Automobilhersteller analog dazu einen potenziellen Reifenersatz an einem von ihm hergestellten Fahrzeug dem freien Handel zu einfach machen, wenn er den Kunden doch lieber in der eigenen (Vertrags-)Werkstatt sähe?

Vor dem Hintergrund all dessen verwundert kaum, dass so mancher sein Heil im Verkauf des eigenen Unternehmens sieht. Selbst Firmen, von denen man dies weniger bis eher nicht erwartet hätte, werden aufgekauft. Prominenteste Beispiele sind nicht zuletzt Reiff Reifen und Autoservice oder Reifen Krieg, die vor Kurzem unter dem Dach von European Fintyre Distribution ein neues Zuhause gefunden haben, sowie ganz aktuell die Hammelburger Firma Reifen-Müller mitsamt ihrer Runderneuerung. Mit deren Erwerb will der südkoreanische Reifenhersteller Hankook Tire seine globale Wettbewerbsfähigkeit stärken. Ist jetzt also tatsächlich der richtige Zeitpunkt, um sich vom Reifenhandelsgeschäft verabschieden? Unter der Mail-Adresse christian.marx@reifenpresse.de hören wir gerne Ihren Widerspruch. christian.marx@reifenpresse.de

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