Kommentar: Wenn der beste Winterreifen eigentlich ein Ganzjahresreifen ist

Mittwoch, 23. September 2015 | 0 Kommentare
 
 
 

Andere Länder, andere Sitten – dies kommt so manchem sicherlich als Erstes in den Sinn, wenn er oder sie an den Linksverkehr in Großbritannien denkt oder daran, dass die Uhren in England zeitzonenbedingt eine Stunde hinter denen in Deutschland hinterherhinken. Doch Reifentests auf dem bzw. für den Inselmarkt zeigen zum Teil ebenfalls recht bemerkenswerte Ergebnisse. Beim aktuellen Ganzjahresreifentest des britischen Magazins Auto Express schaffte es mit dem Maxxis „Allseason AP2“ beispielsweise ein vermeintlicher „Underdog“, an den Modellen „Cinturato All Season“ und „A001“ sowie gleichbedeutend damit an solch namhaften Wettbewerbern wie Pirelli respektive Bridgestone vorbeizuziehen.

Doch die eigentliche „Sensation“ dürfte sein, dass es gleich zwei der insgesamt sechs zum Produktvergleich angetretenen Ganzjahresreifen – der Testsieger Nokian „Weatherproof“ und der zweitplatzierte Goodyear „Vector 4Seasons“ der zweiten Generation – gelungen ist, den zum Vergleich mitgeprüften „WinterContact TS 850“ von Continental nicht nur in der Gesamtwertung auf Distanz zu halten, sondern vor allem in den Schnee- bzw. Winterdisziplinen. Mit anderen Worten: Zumindest aus Sicht der Briten ist der derzeit beste Winterreifen ein Ganzjahresreifen. Schließlich ist das Conti-Modell nicht irgendein Winterreifen, sondern konnte und kann – nicht zuletzt 2014 bei Auto Express selbst, aber aktuell auch beim diesjährigen GTÜ-Produktvergleich oder dem des ADAC – immer wieder Siege bei den diversen Winterreifentests einfahren.

Das wirft unmittelbar die prinzipielle Frage auf, wie sinnvoll und zeitgemäß angesichts all dessen eine Unterscheidung zwischen Sommer-, Ganzjahres- und Winterreifen überhaupt noch ist. Vor den Augen des Gesetzgebers gelten die beiden Letztgenannten in der Regel so oder so als Winterreifen, sofern sie mindestens die M+S-Markierung auf der Seitenwand tragen und mit zusätzlich vorhandenem Schneeflockensymbol erst recht. Gleichzeitig zeigt sich zwar einmal mehr, dass Sommerreifen – wie der bei Auto Express außer Konkurrenz ebenfalls mitgetestete Dunlop „Sport BluResponse“ zeigt – bei winterlichen Bedingungen nun wirklich „keine Sonne“ sehen. In den Trockendisziplinen hatte er dafür gegenüber den Allwetterreifen durchaus einen gewissen Vorsprung, der aber mit jedem anderen Sommerreifen (insbesondere mit einem nicht dem Premiumsegment zuzurechnenden) vermutlich aber tendenziell eher kleiner ausgefallen wäre.

Was lehrt und das? Zuallererst einmal lässt sich wohl unzweifelhaft festhalten, dass die Grenzen zumindest zwischen Ganzjahres- und Winterreifen immer unschärfer werden. Zumal in besagtem britischem Test Nokians „Weatherproof“ offenbar genauso als Winterreifen hätte durchgehen können wie Contis „WinterContact TS 850“ als Ganzjahresreifen. Und dabei ist noch nicht einmal berücksichtigt, dass Michelin sein Allwettermodell „CrossClimate“ ja bekanntlich als „Sommerreifen mit Winterzulassung“ verstanden wissen will. Man mag dies auf den ersten Blick als reines Marketinggetöse abtun wollen, doch in der Sache steckt wohl ein Fünkchen Wahrheit: Eigentlich macht nur eine Unterscheidung in Reifen mit oder eben ohne Eignung für winterliche Bedingungen Sinn. Nicht umsonst werfen die Kollegen von Auto Express die Frage auf, ob die Bezeichnung Ganzjahresreifen nicht nur den Zweck erfüllt, Verbrauchern das schlechte Gewissen zu nehmen, wenn sie saisonal nicht umrüsten.

Kann es vor diesem Hintergrund wirklich noch jemanden verwundern, wenn immer mehr Autofahrer ihre Winterreifen den Sommer über durchfahren und sie damit quasi im Do-it-yourself-Verfahren zu Ganzjahresreifen machen? Aktuelle Umfrageergebnisse legen nahe, dass diese Fraktion in Deutschland inzwischen einen Anteil irgendwo im Bereich von zwei Prozent (AutoScout24-Erhebung) bis zehn Prozent (ADAC-Reifenmonitor 2015) für sich reklamiert. Bezieht man noch die „echten“ Ganzjahresreifenfahrer in die Betrachtung mit ein, wobei die Angaben dazu bei AutoScout24 (13 Prozent) und im jüngsten ADAC-Reifenmonitor (16 Prozent) nicht allzu weit auseinanderliegen, dann wird eines völlig klar: Der Trend hin zu einer ganzjährigen Nutzung der Fahrzeugbereifung lässt sich nicht leugnen. Und dabei ist ein möglicher „Dammbruch“ aufseiten der Erstausrüstung, wo die Zahl der Ganzjahresreifenfreigaben wie kürzlich beispielsweise für den neuen Audi A4 noch vergleichsweise überschaubar ist, noch gar nicht mit einbezogen. Gefallen muss einem das nicht – zur Kenntnis nehmen aber schon. christian.marx@reifenpresse.de

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Kategorie: Markt, Produkte

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