Kommentar: Große Wellen erzeugen mitunter kleinere Verwirbelungen

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Das Thema Nachhaltigkeit ist derzeit in aller Munde – vor diesem Hintergrund will Netzwerkkoordinatorin Christina Guth nicht zuletzt mittels AZuR-Aktivitäten den Marktanteil runderneuerter Pkw-Reifen in Deutschland eigenen Worten zufolge auf „vielleicht zehn Prozent“ steigern (Bild: AZuR)

Basierend auf Material der Deutschen Presseagentur (DPA) hat ein in den vergangenen Tagen in verschiedensten Medien mehr oder weniger gleichlautend veröffentlichter Beitrag es geschafft, äußerst öffentlichkeitswirksam den Blick auf das Thema Pkw-Reifenrunderneuerung zu lenken. Wenn auf so breiter Front über Reifen gesprochen wird, dann ist das natürlich immer gut. Doch manches der Veröffentlichungen könnte das Bemühen von Unternehmen wie Reifen Hinghaus oder des auch unter dem Namen AZuR (Allianz Zukunft Reifen) auftretenden Innovationsforums Altreifen konterkarieren, die Pkw-Reifenrunderneuerung aus ihrem „Dornröschenschlaf“ zu erwecken bzw. ihr wieder zu mehr Marktbedeutung zu verhelfen.

Denn es steht zu befürchten, dass solche über besagte DPA-Meldung verbreitete Aussagen, wonach Runderneuerte und billige Neureifen dasselbe Qualitätsniveau hätten, den „Schuss“ durchaus nach hinten losgehen lassen könnten. Selbst wenn hierzulande unzweifelhaft ein gewisser Trend zu Budgetreifen zu verzeichnen ist, sind wir von Verhältnissen wie etwa im britischen Markt, wo billig und immer billiger in Bezug auf Reifen deutlich stärker im Vordergrund steht, zwar noch einiges entfernt. Doch welcher Autofahrer würde schon bewusst von sich sagen wollen, er möchte „Billigreifen“ an sein Fahrzeug montieren, sofern nicht zwingende wirtschaftliche Gründe anderes erst gar nicht erlauben? Zumal die so bezeichneten „Billigreifen“ in den üblichen Reifenvergleichstests der großen Automobilzeitschriften außerdem noch ziemlich regelmäßig „abgewatscht“ werden.

Insofern sind die hinter dem entsprechenden Begriff stehenden billigen Neureifen von vielen spontan wohl eher mit etwas Negativem verbunden. Dann runderneuerte Pkw-Reifen, die ja gerade von ihrem Stigma befreit und wieder „salonfähig“ gemacht werden sollen, mit ihnen in einem Atemzug zu nennen, könnte sich als kontraproduktiv erweisen. Wobei: So war die Aussage eigentlich wohl gar nicht gemeint, wie sie seitens DPA offensichtlich verbreitet wurde. Das hat jedenfalls Christina Guth, AZuR-Netzwerkkoordinatorin und Geschäftsführerin der Werbeagentur CGW GmbH, auf Nachfrage der NEUE REIFENZEITUNG durchblicken lassen. Demnach sei in einem lockeren Gespräch – „kein Interview“, wie sie klarstellt – vielmehr die Rede davon gewesen, dass billige Neureifen mittlerweile denjenigen Teil des Marktes erobert haben, den früher Runderneuerte für sich reklamierten. Im Übrigen sei die Initiative in dieser Sache zudem gar nicht von der Allianz Zukunft Reifen ausgegangen, sondern DPA auf das Netzwerk zugekommen.

In der besagten breit gestreuten Veröffentlichung wird Guth darüber hinaus das Zitat „Bis Tempo 160 hätte ich keine Bedenken“ mit Blick darauf die Eignung runderneuerter Pkw-Reifen für höhere Geschwindigkeiten zugeschrieben. Wäre das wirklich so gemeint, käme es rein sachlich betrachtet quasi einem „Todesurteil“ für besagte Produktgattung gleich. Zumindest könnte man dann sämtliche Hoffnungen auf einen möglicherweise wieder höheren Marktanteil am Pkw-Reifenabsatz im Ersatzgeschäft begraben. Welches moderne Auto ist heute denn noch homologiert bis maximal 160 Kilometer pro Stunde? Nicht umsonst ist der Anteil an Pkw-Reifen mit Geschwindigkeitsindex Q (bis 160 km/h) gemessen am Gesamtabsatz im deutschen Ersatzmarkt verschwindend gering: Laut Angaben eines Reifenherstellers bewegt er sich hierzulande unterhalb von einem Prozent.

Dabei peilt AZuR nach Angaben von Netzwerkkoordinatorin Guth eigentlich einen Vorstoß in andere bzw. doch etwas höhere Regionen an. Der Marktanteil runderneuerter Pkw-Reifen soll mit Unterstützung der eigenen Partner und mit Dingen wie einer eigenen Website zu dem Thema – der Launch ist für die nächsten Wochen geplant – sowie vor allem dem von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) geförderten Projekt „Ökologische und ökonomische Bilanzierung der Runderneuerung von Fahrzeugaltreifen“ gesteigert werden auf nach ihren Worten „vielleicht zehn Prozent“. Dies zöge für die Umwelt und in Bezug auf Ressourcenschonung „einen deutlich größeren Effekt“ nach sich als beispielsweise das Verbot von Wattestäbchen aus Plastik, wie sie argumentiert. Runderneuerte seien schließlich ein perfektes Produkt der Kreislaufwirtschaft bzw. ein Paradebeispiel dafür. Mit Blick auf den Anteil runderneuerter Lkw-Reifen am Gesamtersatzmarkt in diesem Segment hält sie dabei sogar „sicher 50 Prozent“ und damit eine Steigerung vom aktuellen Wert um etwa 20 Prozentpunkte für erreichbar.

Doch zurück zu runderneuerten Pkw-Reifen. Bestünden tatsächlich ernsthaft Zweifel an einer Eignung für höhere Geschwindigkeiten jenseits der Marke von 160 km/h, könnte man sich jegliche Aktivitäten in dieser Richtung im Autobahnland Deutschland gleich ad acta legen. Es sei denn, man würde auf ein generelles Tempolimit hierzulande spekulieren oder darauf, dass an Beliebtheit gewinnende Elektroautos aus Gründen der Reichweitenproblematik ihrer Batterien ohnehin nicht so zügig bewegt werden. Doch ernsthaft: Guths Aussagen „Tempo 160“ betreffend waren ihren Angaben zufolge ebenfalls so nicht gemeint, wie sie letztlich bei dem einen oder anderen beim Lesen der DPA-Meldung „rüberkommen“ könnten. Dass besagtes Zitat nun einmal im Raume steht und nicht „zurückgeholt“ werden kann, bedauert Guth dabei selbst wohl am meisten. Zurück geht es demnach in erster Linie aber auf ihr persönliches Fahrverhalten, wie sie darüber hinaus im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG erklärt hat.

„Ich fahre halt ohnehin so gut wie nie schneller als 160 km/h“, sagt sie. Daher habe sie gegenüber DPA halt zu Protokoll gegeben, dass sie keinerlei Bedenken habe, dabei dann eben auch auf Runderneuerten unterwegs zu sein. Damit hätte sie – wie die AZuR-Netzwerkkoordinatorin außerdem noch hinzufügt – ganz sicher keinerlei technische Aussage treffen oder gar irgendwelche Grenzen aufzeigen wollen. Zumal Runderneuerte durchaus bei deutlich höheren Geschwindigkeiten im Motorsport eingesetzt würden. „Ich bin Netzwerkerin und keine Technikerin“, wie Christina Guth unterstreicht. Somit lässt sich zusammenfassen: Bei genauerem Hinsehen kann aus einer großen Welle mit kleineren Verwirbelungen tatsächlich sehr schnell ein redensartlicher Sturm im Wasserglas mittlerer Kategorie werden – der sich dann sicher aber genauso schnell wieder legt. christian.marx@reifenpresse.de

2 Kommentare
  1. Reifen Moses GmbH says:

    Das Problem der PKW Runderneuerung liegt nach meiner Meinung in den Karkassen. Es müssten immer gleiche Karkassen montiert werden. Ob dies kostengünstig darstellbar ist, ist die große Frage!

    Antworten

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] Angesichts einiger Passagen wird wohl befürchtet, das Ganze könnte eher sogar (Vor-)Urteilen bzw. Vorbehalten gegenüber der Runderneuerung Vorschub leisten. Das wäre dann also eher schlecht, ist die Wiederverwendung abgefahrener Reifen, die mit neuem […]

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