Kommentar: Aussterbende Spezies Reifenhandel?

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Worte sind ein mächtiges Werkzeug. Einzeln, aber mehr noch zu Sätzen geformt, können mit ihrer Hilfe Informationen übermittelt werden. Diese müssen jedoch nicht zwingend wahr sein, wie wir im Zeitalter von Fake News wissen. Ob es jemand willentlich darauf anlegt oder manches ohne jegliche Absicht einfach nur missverständlich formuliert bzw. aus dem Zusammenhang gerissen wird: Einer Einordnung des zum Ausdruck Gebrachten bedarf es eigentlich immer.

Oberflächlich betrachtet könnte man etwa die Aussage, ATU habe bei der jüngsten Serie von Werkstatttests der Zeitschrift AutoBild als „beste freie Kette“ abgeschnitten, als Lob auffassen. Doch viel mehr wert als ein Jodeldiplom wäre das Ganze nicht. Zumal das Blatt nach der Überprüfung von jeweils acht vertragsgebundenen Betrieben/Autohäusern dreier Fahrzeugmarken sowie ebenso vieler Filialen der Werkstattketten ATU, Euromaster und Pit-Stop zusammenfassend von der „höchsten Fehlerquote aller Zeiten“ bei ihnen spricht. Da nutzt es dann nicht viel, wenn man sich quasi als Einäugiger unter Blinden präsentieren und die anderen beiden noch schlechteren Freien hinter sich lassen kann.

Ist dieser Fall, bei dem es eher keine zwei Meinungen geben dürfte, noch recht einfach gelagert, muss das natürlich nicht immer so sein. Man kann beispielsweise trefflich darüber streiten, ob Euromaster eher als Reifenhandelskette mit zusätzlichem Autoserviceangebot zu sehen ist oder als freie Werkstattkette mit besonderer Stärke im Reifengeschäft. Wobei: Müssten sich eine analoge Frage prinzipiell nicht immer mehr Reifenfachhandelsbetriebe stellen, zumal sie sich mittlerweile ja immer öfter zusätzlich im Autoservice engagieren? Und wohin führt der Versuch einer Beantwortung?

„Wie trennscharf ist denn der Übergang von der freien Werkstatt zum Reifenfachhandel definiert? Ist Reifenhändler nur der, der keinen Autoservice anbietet? Oder ist die Werkstatt, die einen bestimmten Reifenumsatz macht bereits zum Reifenfachhandel zu zählen? Die Trennung von Reifenfachbetrieb und freier Werkstatt ist nicht mehr zeitgemäß, da es kaum noch Reifenhändler gibt, die keinen qualifizierten Autoservice anbieten. Und die, die noch da sind, werden es nicht mehr lange sein“, hat unlängst ein Leser der NEUE REIFENZEITUNG zu bedenken gegeben.

Dies vor dem Hintergrund unserer Berichterstattung zu Umfrageergebnissen der DAT (Deutsche Automobiltreuhand) im Zusammenhang mit dem saisonalen Radwechsel, bei denen branchenüblich zwischen an eine Fahrzeugmarke gebundenen Kfz-Betrieben (Autohäusern), freien Werkstätten und unter anderem eben dem Reifenhandel unterschieden wurde. Dabei seien – wie es in auch in der aktuellen Studie der BBE Automotive GmbH zum deutschen Reifen(ersatz)geschäft heißt – „heute neben den Reifenhändlern nahezu alle Fahrzeughändler und der Großteil der freien Werkstätten in dem Markt aktiv“.

Schließlich hätten Letztere erkannt, dass man mit Reifen nicht nur Geld zu verdienen könne, sondern dass sie heute zum Standardrepertoire einer Werkstatt gehörten. „Die Grenzen zwischen Pkw-Reifenhandel und freier Werkstatt werden zunehmend aufgeweicht, der Verbraucher wird Unterschiede in nur wenigen Jahren kaum mehr wahrnehmen“, meint Wolfgang Alfs, Projektleiter und Geschäftsführer der BBE-Muttergesellschaft ABH Market Research GmbH. Umgekehrt wird die „zu beobachtende Gegenreaktion der Reifenhändler auf die Reifenaktivitäten der Werkstätten in Form eines aktiven Autoserviceangebotes“ von BBE als ebenfalls zielführend angesehen.

Doch was sagt uns das alles? Die Spezies Reifenfachhandel scheint in einem laut BBE seit 2012 auf einem Niveau von etwa 50 Millionen Pkw- und Transporterreifen mehr oder weniger stagnierenden Ersatzmarkt demnach also vor dem Aussterben zu stehen. Wenngleich es in diesem Fall wohl die bessere Wortwahl ist, von einer Weiterentwicklung hin zu einer mehr oder weniger auf Reifen spezialisierten freien Werkstatt zu sprechen. Man wird aber abwarten müssen, ob der in den zurückliegenden Jahren sich abzeichnende Trend in diese Richtung tatsächlich weiter anhalten wird. Ob das dann gut oder schlecht wäre, steht dabei auf einem ganz anderen Blatt. Das kann erst die Zukunft zeigen. christian.marx@reifenpresse.de

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  1. […] zwischen Reifenhandelsbetrieben auf der einen und freien Kfz-Werkstätten auf der anderen Seite verschwimmt zwar immer mehr. Doch würde man derlei Unschärfen ausblenden, so könnte man der Auflistung „Deutschlands […]

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