Vermeintlich „unverschämter Empfehlung der Reifenindustrie“ aufs Profil gefühlt

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Der neueste Reifentest in der morgen erscheinenden AutoBild-Ausgabe dürfte für weitere hitzige Diskussionen innerhalb der Reifenbranche sorgen, nachdem unlängst schon Michelin-Chef Jean-Dominique Senard für ein Rumoren gesorgt hat. Denn er hatte in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zum einen nicht nur die Ansicht vertreten, in Deutschland bräuchten die meisten Autofahrer gar keine Winterreifen, sondern Ganzjahresreifen würden genügen. Dass er dabei freilich vornehmlich solche aus eigener Produktion wie den „CrossClimate +“ meint, versteht sich von selbst. Darüber hinaus hat er zum anderen in besagtem Interview zugleich auf deren Leistungsfähigkeit bis hinunter zum gesetzlichen Profillimit von 1,6 Millimetern verwiesen und damit bzw. mit der dahinter stehenden Konzernstrategie der „Long Lasting Performance“ noch ein weiteres Reizthema in der Branche aufs Tableau gehoben. Und genau an dieser Stelle kommt nun besagter AutoBild-Test ins Spiel. Dessen Ziel war dem Blatt zufolge nämlich herauszufinden, was es mit der „scheinbar unverschämten Empfehlung der Reifenindustrie“ – mit Ausnahme eben von Michelin – auf sich hat, Reifen nur bis drei Millimetern Restprofil (Sommerreifen) bzw. vier Millimetern (Winterreifen) und damit jeweils nur zu etwa der Hälfte ihrer Ausgangsprofiltiefe zu nutzen.

In diesem Zusammenhang hat das Magazin einerseits ein weiteres Mal Ganzjahresreifen aufs Profil gefühlt, andererseits aber erstmals auch mit entsprechend größerem Aufwand untersucht, wie sich die Leistungen sechs ausgewählter Probanden der Größe 185/65 R15 – Goodyears „Vector 4Seasons“ zweiter Generation, Hankooks „Kinergy 4S“, Michelins „CrossClimate +“, Nokians „Weatherproof“, Pirellis „Cinturato All Season“ sowie Vredesteins „Quatrac 5“ – mit abnehmender Profiltiefe verändern. Konkret wurden die üblichen Tests bei Schnee, Nässe und Trockenheit ergänzt um die Kapitelwertung Kosten im Neuzustand außer wie üblich im Neuzustand zusätzlich noch bei vier und zwei Millimetern Restprofiltiefe durchgeführt und bewertet. In der Tat zeigen die Ergebnisse Bemerkenswertes. So brauchen sich die Leistungen der Allwetterkandidaten mit Blick auf diejenigen eines mitgetesteten reinrassigen Referenzwinterreifens in vielen Disziplinen durchaus nicht zu verstecken, was tendenziell aber schon andere Produktvergleiche zuvor genauso gezeigt hatten. Mehr noch wird allerdings zwei der Probanden bescheinigt, mit ihnen könne man „sicher und mit einer deutlich höheren Kilometerleistung gut über die Runden kommen“. Zumindest bei Michelin mit der diesbezüglich eindeutigen Positionierung über die „Long-Lasting-Performance“-Strategie dürfte man das gerne hören.

Nicht zuletzt deshalb, weil der „CrossClimate +“ dieses Herstellers letztlich zum Testsieger gekürt wird inklusive der ihm verliehenen Prädikate „vorbildlich“ im Neuzustand und „gut“ unter Einbeziehung der Leistungen im teil- und beinahe völlig abgefahrenen Zustand. Anders als so manch anderes der Modelle habe er auf Schnee etwa deutlich weniger an Traktion eingebüßt mit abnehmender Profiltiefe, heißt es. Und in diversen weiteren Disziplinen bewegt sich der Franzose mit zwei Millimetern Restprofil auf dem Niveau anderer Kandidaten mit vier Millimetern. Selbstredend verschlechtern sich bei allen Reifen die meisten Eigenschaften (Ausnahmen: Trockenhandling/-bremsen, Rollwiderstand), wobei die Tester in Sachen Geräusch keinen eindeutigen Trend in die eine oder andere Richtung feststellen konnten. Doch zeigt der „CrossClimate +“ AutoBild zufolge bei alldem in der Tat das beste Ergebnis, wenn es um einen möglichst geringen Leistungsabbau geht. Insofern könnte man die Ergebnisse durchaus als einen Beleg der Wirksamkeit von Michelins „Long-Lasting-Performance“-Ansatz werten. Das Blatt beschreibt ihn jedenfalls als „vorbildliches Allroundtalent mit ausgewogenen Fahrleistungen und den geringsten Leistungseinbußen über die gesamte Lebensdauer“. Der Reifen schwächele lediglich kurz vor dem Erreichen der Abriebgrenze bei Aquaplaning, während sein höherer Preis durch eine als hoch beschriebene Laufleistung ausgeglichen werde.

Damit ist klar, dass er seitens des Magazins als einer der auch im (teil-)abgefahrenen Zustand noch sicheren Modell gesehen wird. Das zweite in diese Kategorie fallende ist demzufolge der „Vector 4Seasons“, der im aktuellen Test Platz zwei einfährt mit den Beurteilungen „gut“ (Neuzustand) bzw. „befriedigend“ (Gesamtwertung). Der Goodyear-Reifen, der sich zugleich noch mit dem Titel als „Eco-Meister“ schmücken darf, wird als „Allrounder mit besten Fahrleistungen auf nasser und verschneiter Piste“ beschrieben – im Neuzustand und mit vier Millimetern Restprofil. „Das zunächst mäßige Gripniveau auf trockener Fahrbahn verbessert sich mit abnehmender Profiltiefe“, so die Tester weiter, die dem Modell zudem noch „gute Wirtschaftlichkeit dank guter Laufleistung und moderatem Preis“ attestieren. „Für vier der sechs Kandidaten ist es aus Gründen der Fahrsicherheit tatsächlich ratsam, sie bereits bei halber Profiltiefe auszutauschen“, lautet demgegenüber das Fazit der AutoBild-Redakteure Dierk Möller und Henning Klipp bezogen auf den Rest des aktuell angetretenen Wettbewerberfeldes. Denn unter Einbeziehung ihrer Leistungen bei allen drei überprüften Profiltiefenabstufungen kommt im Gesamtergebnis keiner von ihnen über die Einstufung als lediglich „bedingt empfehlenswert“ hinaus. Gleichwohl werden alle vier im Neustand für „befriedigend“ gehalten.

„Nur im Neuzustand ordentliche Leistung auf Schnee und guter Grip bei Nässe. Die Winterqualitäten rutschen vier Millimetern Restprofil aber in den roten Bereich“, schreibt AutoBild etwa zu Pirellis „Cinturato All Season“. Zudem könne er im Kostenkapitel „mit seiner zu niedrigen Laufleistung und dem hohen Rollwiderstand keine Pluspunkte sammeln“. Ein sicheres Fahrverhalten auf verschneiter und nasser Piste wird Hankooks „Kinergy 4S“ bescheinigt, was auch bei ihm demnach allerdings nur im Neuzustand gilt. „Mit abnehmender Profiltiefe verbessern sich die Qualitäten auf trockener Fahrbahn, dafür sinkt das Leistungsniveau auf Schnee und Nässe“, berichten die Tester, die zudem von einer enttäuschend geringen Kilometerlaufleistung des Reifens sprechen. Ein ausgewogenes Leistungsniveau im Neuzustand wird dem Vredestein bescheinigt, dessen Winter- und Nässequalitäten sich mit halber Profiltiefe und im abgefahrenen Zustand aber stark reduziert haben sollen. Zudem werden die nur geringen Aquaplaningreserven des „Quatrac 5“ bemängelt, der sich in Sachen Abrieb/Verschleiß dafür aber zumindest einen Platz im Mittelfeld sicher konnte. Als Schlusslicht des Vergleiches ist der „Weatherproof“ aufgrund starker Leistungsverschiebungen bei abnehmender Profiltiefe aufgefallen. „Im Neuzustand überzeugend auf Schnee und Nässe, aber schwach beim Bremsen auf trockener Piste. Mit zwei Millimetern Restprofil miserabel bei Nässe und überzeugend auf trockener Piste“, wird über den Nokian-Reifen geurteilt, dem außerdem noch eine schwache Laufleistung attestiert wird. christian.marx@reifenpresse.de

1 Antwort
  1. Scour says:

    Der Michelin ist auf Schnee mit 2mm nicht mal eine Note schlechter als im Neuzustand? Nicht zu glauben.

    Er wäre damit sogar so gut wie ein neuer Pirelli Sottozero 3?

    Will Michelin in Zukunft stark an Kosten sparen und nur noch GJR herstellen?

    Naja, für mich als Wissender und anspruchsvoller Vielfahrer sind GJR keine Option, zumindest nicht für den Sommer. Die durchschnittlich 6m mehr Bremsweg bei Trockenheit sind zu viel, bei höheren Temperaturen wirds dann noch schlimmer.

    Vom Fahrverhalten in Kurven ganz zu schweigen

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