Kommentar: Vollbremsung – Warten auf den Neustart

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Wer konnte sich Anfang März eine so auf den Kopf gestellte Welt vorstellen? Die Herausforderungen sind und bleiben noch für eine Weile gewaltig. Dennoch: Es wird auch ein Leben nach Corona geben.

Niemand kann momentan auch nur einigermaßen verlässlich ein Datum für die Rückkehr zur Normalität nennen. Niemand weiß, ab wann die Wirtschaft wieder zu einem neuen Aufholrennen starten kann, und doch melden sich jetzt schon wieder die Superoptimisten zu Wort, die in jeder Krise eine Chance sehen und gestärkt daraus hervorgehen wollen. So klingt das Pfeifen kleiner, ängstlicher Kinder im dunklen Walde.

Jedermann ist klar, dass Corona zumindest deutliche Schleifspuren hinterlassen wird. Aber es besteht Hoffnung, dass in der Reifenbranche viele Kaufentscheidungen nur verschoben worden sind und viel im weiteren Verlauf des Jahres noch aufgeholt werden kann, sobald die Kunden das Vertrauen in die Zukunft zurückhaben. Doch Branchen wie Gastronomie und Hotellerie haben nichts aufzuholen: Das Ostergeschäft 2020 zum Beispiel wird weder nach- noch aufgeholt, es fällt aus.

Kritiker, Weltverbesserer, auch die so bezeichneten Gutmenschen scheinen genau zu wissen, dass nichts mehr so sein wird, wie es war, und sie wissen dennoch nicht, wie es denn nun mal sein wird, was auf uns alle zukommen wird. Woher auch? Im Zuge der durch die Lehman-Pleite ausgelösten weltweiten Finanzkrise war unvorstellbar, dass Banken je wieder diese hochriskanten Geschäftsmodelle verfolgen würden. Heute wäre zu fragen, was die Finanzwelt „nach Lehman“ von der „vor Lehman“ unterscheidet. Börsenwerte galten als vernichtet, die Conti-Aktie fiel auf 15 Euro, um danach kontinuierlich anzusteigen bis zu rund 250 Euro. Auf den Sparbüchern gibt es seither keine Zinsen mehr. Im letzten halben Jahr erlebt die Aktie einen Rückgang von rund 150 Euro auf nun 50 bis 60 Euro. Der Aktionär sieht momentan wieder recht alt aus. Er braucht jetzt das, was allgemein nachgefragt ist: Geduld! Ob der Kurs bei 60 oder 160 Euro liegt, es ist immer noch derselbe Konzern. Es ist mit einiger Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass die an der Börse angeblich vernichteten Vermögen wieder nachwachsen.

Herausragende Zeiten fordern alle Unternehmen und Unternehmer gleichermaßen heraus. Als kleinster gemeinsamer Nenner sollte eigentlich Respekt voreinander, Rücksicht im Umgang miteinander und zusammenhaltendes Verhalten selbstverständlich sein.

Das klingt einfach, ist aber doch sehr schwer. Kaum hat die Regierung einschränkende Maßnahmen beschlossen, Rettungspakete geschnürt bzw. in Aussicht gestellt, werden sie schon missbraucht. So ging es der Regierung darum, eine Schicht zu schützen, die finanziell notgedrungen seit eh und je von der Hand in den Mund leben muss. Wenn diese Menschen jetzt wegen Kurzarbeit oder anderer Einschränkungen nicht in der Lage sind, die Miete ganz oder auch nur mit Verzug bezahlen zu können, sollen Vermieter dies jetzt nicht als Einfallstor zur Wohnungskündigung nutzen können. Das ist ja wohl nicht unvernünftig.

Auch im gewerblichen Bereich wird es Hilfen geben müssen. Dabei geht es nicht allein um Aussetzung der Pacht allein für ein paar wenige Monate, sondern Verpächter befürchten, dass ihre Pächter selber die Gunst der Stunde zur Reduzierung der Pachthöhe zu nutzen versuchen.

Ausgerechnet der von einem Milliarden-Euro-Rekordergebnis zum nächsten rennende Adidas-Konzern geriert sich unfreiwillig als brutal-rücksichtsloses Vorbild, greift rigoros durch und will Pachtzahlungen glashart ab sofort aussetzen. Nachdem ein Aufschrei wegen derartiger Unverschämtheiten durchs Land ging, sah sich das Unternehmen zu irgendwelchen Klarstellungen veranlasst. Tenor: Der „kleine Verpächter“ soll sein Geld erhalten.

Klingt wenigstens ganz gut. Sollte Adidas aber in den Trump-Buildings Läden haben, wären Pachtaussetzungen ein geradezu genialer Marketingschachzug und Anlass, dass die Menschen dafür zum Musizieren und Dankesagen auf den Balkon gehen. Anhaltender Applaus.

Heute mal mit Nina Ruge, Fernsehmoderatorin und Ehefrau des Aufsichtsratschefs des Conti-Konzerns Prof. Dr. Wolfgang Reitzle: „Alles wird gut.“ klaus.haddenbrock@reifenpresse.de

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