Kommentar: Contis Kommunikationsversagen provoziert politisches Gewäsch

Die beabsichtigte Werksschließung von Continental in Aachen ist für die betroffene Belegschaft ein deren Lebensgrundlagen bedrohendes Drama. Die Folgen werden bei vielen Familien hart einschlagen und auf Jahre hinaus Spuren hinterlassen. Eine über pure Sozialverträglichkeit hinausgehende Betriebsvereinbarung muss daher für den Arbeitgeber nichts weiter als bare Selbstverständlichkeit sein und kann nicht als besondere Leistung gewürdigt werden.

Harte Maßnahmen erfordern aber zumindest sehr gute Begründungen. Doch in dieser Hinsicht agiert der Vorstand unglücklich. Vor einigen Monaten bereits hatte der Vorstand äußerst unglücklich agiert bzw. kommuniziert. Wegen zwei – zudem kurz aufeinander folgenden- „Gewinnwarnungen“ und einem als peinlich empfundenen Vorstandsbrief an die Belegschaft hatten Conti-Chef Degenhart und mit ihm der gesamte Vorstand viel Vertrauen verloren; ein lausiger Aktienkurs lässt grüßen. Das scheint sich nun fortzusetzen.

Dieses Mal sind wohl keine Briefe gewechselt worden, dennoch erwies sich der Ablauf als ähnlich desaströs, denn die Belegschaft beklagt nicht allein eine unzureichende Kommunikation, sondern viele wollen das Unheil gar aus Zeitungen erfahren haben. Ein feiger Vorstand wolle sich der Sache nicht stellen, heißt es in Aachen.

Auch aus der Düsseldorfer Staatskanzlei sind schmetternde Trompetenstöße zu vernehmen. Ministerpräsident Armin Laschet verweist auf in NRW gewachsene Usancen im Umgang miteinander und meint damit die „ohne Vorabstimmung mit seinem Kabinett“ gefällte Schließungsmaßnahme. Laschet hat recht, man hätte ihn zumindest vorab in Kenntnis setzen, sich ihm und seinen Fragen stellen können. Allerdings wäre es dabei weniger um Abstimmung als um Erläuterung der Schließungsmaßnahme gegangen. Eine solche, unabhängig davon, ob 20 oder 1.800 Arbeitsstellen in Fortfall geraten, kann ja immer nur Ultima Ratio sein.

Auch NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann haut mächtig auf die Pauke, bezichtigt den Continental-Konzern „kapitalistischer Rambomethoden“ und meint, das Werk erwirtschafte Gewinne, somit „gehört das Geld nach Aachen und nicht nach Osteuropa.“  Jedenfalls stimme die gesamte Landesregierung dem Vorgehen in Aachen nicht zu, sagt Laumann, der vom politischen Gegner schon mal als „Sozialdemagoge“ bezeichnet wird, von Freunden indes als „Polterer für soziale Sachen.“ Laumanns lautstarke Rufe sind vorliegend leider bloßer Populismus, der wohl selbst in Aachen als solcher erkannt wird. Die Landesregierung und er müssen der Schließung nicht zustimmen und können sie nicht untersagen. In unserer sozialen Marktwirtschaft sind gelegentlich harte Maßnahmen vonnöten, um die Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit eines Konzerns erhalten zu können.

Wenn Laumann meint, das Geld gehöre nach Aachen, wird er durchaus Applaus bekommen. Doch der Polterer für soziale Sachen sollte sich sodann auch vor Conti-Belegschaften in Niedrigkostenländern stellen und diesen erklären, dass sie das Glück gepachtet haben, arm zu sein und arm bleiben zu dürfen.

Politiker fühlen sich sehr schnell verführt, mit dem Finger auf von ihnen so bezeichnete kapitalistische Rambos zu zeigen. Die Art und Weise wie Laumann vor Wochen lautstark gegen einen der größten Fleischverarbeiter öffentlich zu Felde zog, in dessen Unternehmen Corona-Ausbrüche zu verzeichnen waren, war bemerkenswert genug. Man hätte glatt vermuten können, dass die Landesregierung und er weder von Leiharbeitern noch vom Umgang mit ihnen oder deren Unterbringung, ganz egal in welchen Branchen, jemals etwas gehört hätten. Empört zeigte sich der Herr Minister, während sich doch das wählende Volk eher empört zeigen sollte, dass Politiker über die Jahre hinweg so wenig auf die Kette bekommen haben.

Den Aachener Reifenbauern hilft alles das nicht. Wenn der Beschluss zur Werksschließung dem entspricht, was man als Ultima Ratio versteht, muss auch „die Politik“ Fakten anerkennen und hat kein Recht, die verantwortlichen Manager als gewissenlose Gesellen zu brandmarken.

Ob es aber tatsächlich auch Ultima Ratio ist, kann ich nicht beurteilen. Angesichts der von vielen Seiten vernehmbaren, äußerst kritischen, ja sogar hasserfüllten Bemerkungen vermute ich, dass eine Begründung, wenn überhaupt, jedenfalls nur sehr unzureichend versucht worden ist. Und so verfestigt sich das Bild einer um die nackte Existenz kämpfenden Belegschaft, die aber keinen adäquaten Ansprechpartner gefunden hat; der Vorstand hat entschieden, aber er hat sich nicht gestellt.

Ginge es um Gewinnmaximierung und allein um die Interessen der Aktionäre, dann müsste sowieso jeder Vorstand unverzüglich verjagt werden. Aber Conti hat bekanntlich die Stakeholder im Blick. Liest man zumindest immer wieder mal.

klaus.haddenbrock@reifenpresse.de

2 Kommentare
  1. Willy Matzke says:

    Conti kann sich mit vw in eine Reihe stellen. Zugegeben Konzerkommunikation ist ein Himmelfahetskommando, aber wer das nicht beherrscht, richtet die Firma zugrunde.Haddenbrock legt wie immer souverän den Finger in die tief blutende Wunde. Conti hat die besteEntwicklungstruppe aber miserable Manager in Kommunikation und Marketing, schade um die tollen Techniker, die sie vergebens denArsch aufreißen, wie bei Vw eben. armes Deutschland ! Wgm

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  2. Udo Brandes says:

    Da stimmt was nicht!
    Continental verfügt über ausreichend qualifizierte Kommunikatoren. Als ehemaliger Insider habe ich in den letzten Jahren miterleben können, wie sehr das Unternehmen seine Kommunikation deutlich verbessert hat. Im Fall “Aachen” ist offensichtlich recht viel schiefgelaufen… mangelnde Planung/Abstimmung, fehlende Erfahrung mit Krisen-Kommunikation? Die Schäffler-Übernahme und all ihre kommunikativ bedingten, negativen Begleiterscheinungen werden wieder wach. Bis vor wenigen Tagen befand sich das Unternehmen noch auf der Image-Überholspur, diese wurde abrupt verlassen, zum Leidwesen aller Beteiligten. Jahrelanges, erfolgreiches Investment wurde binnen kürzester Zeit hinfällig.

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