Ganzjahresreifen nur „eingeschränkt wintertauglich“?

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Ganzjahresreifen haben nach wie vor so ein bisschen was von dem, was uneheliche Kinder in früheren Zeiten waren: Sie sind zwar schon lange geboren, sind gesund und sehen auch ganz niedlich aus (Kinder) bzw. sind schon einige Zeit im Markt, tragen der Nachfrage der Autofahrer Rechnung und genügen den Ansprüchen des einen oder anderen Kunden völlig (Reifen), doch so richtig bekennen zu ihnen mochte/mag in beiden Fällen niemand.

So finden sich Allwetterreifen mittlerweile zwar bei immer mehr Reifenherstellern im Lieferprogramm, doch immer wieder meinen Unternehmen wie jüngst etwa Goodyear oder Pirelli betonen zu müssen, dass diese sich ja eigentlich hauptsächlich nur für den Stadtverkehr in schneearmen Regionen oder schwächer motorisierte Fahrzeuge eigneten. Ins selbe Horn stößt da jetzt der TÜV Rheinland im Rahmen seiner Warnung davor, dass Winterreifen, die lediglich eine M+S-Kennung auf der Seitenwand tragen, nicht aber das Schneeflockensymbol, häufig nur „eingeschränkt wintertauglich“ seien, selbst wenn die damit den gesetzlichen Anforderungen genügten.

Dies gilt nach den Worten des Unternehmens nämlich offenbar genauso für Ganzjahres- oder Allwetterreifen. Das wirft natürlich unmittelbar die Frage danach auf, ob dies denn tatsächlich so gemeint ist, vor allem da es ja auch Ganzjahresreifen gibt, die zusätzlich zur M+S-Kennung das Schneeflockensymbol tragen. Wie will man die denn von genauso gekennzeichneten Winterreifen unterscheiden?

Zumal vor den Augen des Gesetzes beide Gattungen ohnehin als Winterreifen gelten und jüngst Produkttests veröffentlicht wurden, bei denen sich Ganzjahresreifen hinsichtlich ihrer Leistungen auf winterlichen Fahrbahnen fast auf Augenhöhe mit reinrassigen Winterreifen bewegen bzw. sie diesbezüglich zum Teil gar hinter sich lassen können. Auf konkrete Nachfrage der NEUE REIFENZEITUNG relativiert Hans-Ulrich Sander vom TÜV Rheinland das Ganze dann auch ein wenig. Allwetterreifen seien eben ein Kompromiss und im Winter halt nicht so gut wie Winterreifen und im Sommer nicht so gut wie Sommerreifen. Von daher würden sie sich eignen – wie er es formuliert – „für diejenigen, die nicht zwingend auf ihr Auto bei starken Schneefällen, Eis oder Tauwetter angewiesen sind“.

Es scheint jedenfalls, als würde es doch noch ein wenig länger als gedacht dauern, bis Ganzjahresreifen (innerhalb der Branche) als allgemein akzeptiert angesehen werden können. Dass es aber irgendwann so kommen dürfte, ist nach den jüngsten Entwicklungen in diesem Bereich absehbar – schließlich ist unehelicher Nachwuchs heutzutage ja auch schon lange kein Aufreger mehr. christian.marx@reifenpresse.de

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