ATV-/Quad-Reifen: Nur eine weitere Marktnische?

In den vergangenen zwei Jahren sind die Zulassungszahlen neuer ATVs (All Terrain Vehicles) stark gestiegen. Von diesen auch Quads genannten, leichten vierrädrigen Kraftfahrzeugen – Zwitter aus Motorrad und Pkw – wurden nach Angaben des Kraftfahrtbundesamtes mehr als 24.000 neue Fahrzeuge in Deutschland zugelassen. Damit dürfte der Bestand, der im Verlauf des Jahres 2003 bereits um 204 Prozent auf 23.317 Einheiten zugelegt hatte, zum Ende des zurückliegenden Jahres bereits an der 50.000er-Marke gekratzt haben. Der aus den USA nach Europa herübergeschwappte Trend zu solchen Spaßmobilen eröffnet der Reifenbranche neue Perspektiven. Sei es aufseiten der Industrie, wo mit Bridgestone kürzlich ein „Großer“ des Marktes in dieses Segment eingestiegen ist, oder im Handel, wo sich unter anderem mit Mayerosch und Mefo einige Unternehmen als Spezialisten zu profilieren suchen.

Das Akronym ATV steht für die englische Bezeichnung All Terrain Vehicle, was bereits die prinzipielle Eignung der Fahrzeuge für jede Art von Untergrund oder Gelände impliziert. ATVs werden zwar nicht ausschließlich, aber doch hauptsächlich zum Spaß und abseits befestigter Straßen bewegt, sodass die Geländegängigkeit zu den hervorstechendsten Eigenschaften der Vehikel gehört. Da sie über vier Räder, eine vom Zweirad bekannte Lenkstange sowie eine motorradähnliche Sitzbank verfügen, lässt sich einerseits die Verwandtschaft mit dem Pkw, andererseits aber auch die mit dem Motorrad nicht leugnen. Wegen der vier Räder werden die Begriffe ATV und Quad häufig synonym verwendet, obwohl Puristen zwischen beiden Fahrzeugvarianten Unterschiede zu entdecken in der Lage sind. Festgemacht werden diese an der Optik, der Art des Antriebs, den Fahrwerkseigenschaften oder der Art des Einsatzes. ATVs haben demnach beispielsweise eher das Image des Nutzen bringenden Arbeitstiers etwa in der Land- und Forstwirtschaft, während bei den Quads der Spaßfaktor oder der Einsatz im Motorsport im Vordergrund stehen. Eine genaue Kategorisierung, wo ATV aufhört und Quad anfängt, dürfte sich angesichts dessen trotzdem mindestens ebenso schwierig gestalten, wie die exakte Unterteilung von 4×4-Fahrzeugen in Geländewagen und SUVs (Sport Utility Vehicles).

Obwohl ursprünglich für den Geländeeinsatz entwickelt, findet man in Deutschland dank entsprechender Zulassungserlaubnis immer mehr ATVs/Quads auch im normalen Straßenverkehr. Hier dürfen sie allerdings nur mit dem Führerschein der Klasse B (früher Klasse drei) oder der seit diesem Jahr neuen Führerscheinklasse S bewegt werden. Für die Klasse B muss man bekanntlich 18 Jahre alt sein, wobei dann auch Leistung oder Hubraum des Fahrzeugs keine Rolle spielen. Den Führerschein der Klasse S kann man demgegenüber schon ab einem Alter von 16 Jahren erwerben, wobei dann allerdings der Hubraum und die Höchstgeschwindigkeit eines damit gefahrenen Quads die Grenzwerte von 50 Kubikzentimeter bzw. 45 Kilometer pro Stunde nicht überschreiten dürfen. Trotz aller Verwandtschaft zum Motorrad dürfen Inhaber eines A- oder A1-Führerscheines ATVs nicht auf öffentlichen Straßen benutzen.

In den USA, Mutterland der ATVs/Quads, werden jedes Jahr – so Wolfgang Terfloth, Leiter Verkauf Motorradreifen bei Bridgestone – rund sechs Millionen Reifen für diese solche Fahrzeuge abgesetzt. Offenbar Grund genug für den Reifenhersteller, entsprechende Reifentypen in acht verschiedenen Größen für Felgen von acht bis zwölf Zoll und in den drei Kategorien „Dirt“, „Soft“ und „Mud“ auch in Europa anzubieten. In Deutschland sind diese Bridgestone-Reifen seit Juli ebenfalls erhältlich, auch wenn die jüngst vom Kraftfahrtbundesamt (KBA) veröffentlichten Zahlen zum ATV-/Quad-Absatz nach dem Boom der Vorjahre nicht mehr ganz so rosig aussehen. In den ersten sechs Monaten 2005 sind die Neuzulassungen in diesem Segment laut KBA-Statistik um immerhin 18,7 Prozent zurückgegangen, während beispielsweise die Motorradneuzulassungen „nur“ 7,9 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum 2004 verloren haben, Pkw sogar um 2,5 Prozent zulegten und das Nutzfahrzeuggeschäft ohnehin „brummt“.

Bridgestone ist damit unter den „Großen“ der Branche einer der wenigen, der im Segment ATV-/Quad-Reifen konsequent den Schritt nach Europa und Deutschland gewagt hat, wenngleich jüngst auch Goodyear in Großbritannien zwei neue ATV-Reifen im Markt eingeführt hat. Und bei den „Tracker EMT“ und „Mud Runner EMT“ genannten Modellen handelt es sich – wie der Zusatz EMT (Extended Mobility Technology) bereits erahnen lässt – um so genannte Runflat-Reifen: Auch wenn die Bezeichnung EMT bei Goodyear mittlerweile dem Namen „RunOnFlat“ gewichen ist, so können die Reifen – egal wie die sie letztendlich heißen – komplett ohne Luftdruck gefahren werden. Der „Tracker EMT“ ist in 14 Größen für die Erstausrüstung und den Ersatzmarkt gleichermaßen erhältlich, während der in zehn Größen verfügbare „Mud Runner EMT“ dem Ersatzgeschäft vorbehalten ist. Gefertigt werden die Pneus beider Hersteller – Goodyear und Bridgestone – in den USA.

Unabhängig von dem geweckten Interesse Bridgestones und Goodyears im Segment der Quad-Reifen in Europa scheinen es bislang jedoch vor allem die fernöstlichen Marken zu sein, die das ATV-Reifengeschäft dominieren. In den meisten in der jüngsten Vergangenheit wie Pilze aus dem Boden geschossenen Quad-Centern sucht man jedenfalls die im Pkw-, Lkw- oder Motorradreifengeschäft etablierten Markennamen oft vergeblich. Auch in vielen Onlineshops der Szene steht dem vereinzelten Angebot entsprechender Bereifungen etwa auch mit dem Dunlop-Schriftzug auf der Seitenwand eine schier erdrückende Vielfalt an Pneus der Marken Kenda, Duro, Cheng Shin, Shinko, Kings Tire, Vee etc. gegenüber. Zwar zählt Bridgestone eigenen Angaben zufolge mit Honda den Marktführer in diesem Fahrzeugsegment zu seinen Erstausrüstungskunden, doch nach Ansicht von Joachim Liebl, Geschäftsführer von Mefo Sport (Röthlein), waren es vor wenigen Jahren vor allem preisgünstige Fernosthersteller wie Kymco und dergleichen, die in Deutschland eine steigende Nachfrage nach Quads und in der Folge nach entsprechenden Pneus generiert haben.

„Zur Intermot 2000 sind die Taiwanesen mit erschwinglichen Fahrzeugen das erste Mal massiv im Markt aufgetreten und haben damit einen kleinen Boom bei dieser Gattung ausgelöst“, so Liebl. „Vorteil dieser Fahrzeuge ist, dass der Übergang vom Auto zum Quad vielen Fahrern leichter fällt als vom Auto zum Motorrad. Auch sind sie universeller einsetzbar“, meint Liebl, der Mefo Sport als Marktführer und erste Adresse im Segment ATV-/Quad-Reifen sieht. Schon von Anfang an habe man sich in diesem Markt engagiert und sich als Folge dessen jede Menge Know-how erarbeitet. Und so verwundert es nicht, dass viele der Fernostreifenmarken zum Portfolio des süddeutschen Großhändlers gehören. „In den zurückliegenden Jahren haben mit wir ATV-/Quad-Reifen zweistellige Umsatzzuwächse erzielen können“, sagt Liebl nicht ohne Stolz. Nichtsdestotrotz sieht auch er, dass der Boom beim Absatz neuer Fahrzeuge in diesem Jahr eine Pause einzulegen scheint.

„Ursache dafür ist angesichts der konjunkturellen Lage vermutlich die Verunsicherung der Verbraucher, sodass für Freizeitaktivitäten wie das Quad-Fahren derzeit halt nicht so viel Geld ausgegeben wird“, vermutet der Mefo-Geschäftsführer. Auch Wolfgang Terfloth geht davon aus, dass in naher Zukunft kein weiterer starker Nachfrageschub zu erwarten sei. „Ich glaube vielmehr, dass sich der Markt auf dem derzeitigen Niveau stabilisieren wird“, sagt er. Insofern konzentriere man sich zunächst auf die Reifendimensionen, die vor allem als Ersatz für die in der Erstausrüstung mit Bridgestone-Pneus ausgelieferten Fahrzeuge im Markt benötigt werden, sowie die volumenstärkeren Größen für den Gelände- bzw. Sporteinsatz. „Man kann jedoch ganz klar feststellen, dass bei ATVs bzw. Quads der Trend in Richtung mit E-Kennung versehener Reifen geht, weil die Fahrzeuge immer öfter auch auf der Straße gefahren werden“, sagt Terfloth. „Ohne E-Kennung geht heute gar nichts mehr“, stimmt dem Joachim Liebl zu. Trotzdem – glaubt Terfloth – wird das Geschäft mit entsprechenden Bereifungen eher ein Nischensegment bleiben. „Es macht zwar Spaß, mit so einem Quad ein bisschen herumzufahren. Aber dass viele Besitzer damit – wie etwa zum Vergleich mit dem Motorrad – eben mal so 100 oder 200 Kilometer an einem schönen Tag zurücklegen, halte ich doch eher für unwahrscheinlich“, meint Terfloth.

Insofern stellen Quad-/ATV-Reifen nach seiner Ansicht innerhalb des ohnehin schon nicht sehr volumenstarken Segmentes Motorradreifen eine noch viel kleinere Nische dar. „Wegen der geringen Stückzahlen legt sich der Handel solche Reifen so gut wie gar nicht ins Lager, sondern bestellt sie nur im Fall des Falles“, berichtet Terfloth von seinen Erfahrungen. Mit Handel ist damit allerdings wohl weniger der Reifenhandel gemeint, denn Joachim Liebl berichtet, dass Mefo rund die Hälfte des Umsatzes mit ATV-/Quad-Bereifungen mit dem Motorrad-/Fahrzeughandel bzw. spezialisierten Quad-Centern erzielt. Reifeneinzel- und -großhandel kommen bei dem Unternehmen aus Röthlein auf einen Umsatzanteil von jeweils 20 Prozent, zehn Prozent tragen Reifenverkäufe an Fahrzeugimporteure bei. Wie viele Einzelhändler die von Mefo oder irgendeinem anderen Anbieter bezogenen Reifen dann aber auch tatsächlich selbst an den Mann oder die Frau bringen, lässt sich daraus nicht ablesen. Anzunehmen ist allerdings, dass hierbei so mancher Reifenservicebetrieb seine Chance als Absatzmittler zwischen Großhandel und etwa dem vielleicht benachbarten Motorradhändler oder Quad-Center zu nutzen weiß.

Peter Mayerosch, Geschäftsführer von Mayerosch Offroadreifen (Linden), erzählt im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG, dass sein Unternehmen sogar nur rund drei bis vier Prozent aller ATV-/Quad-Reifen an den Reifenhandel liefert. „Das Geschäft mit ATV-/Quad-Reifen geht vollkommen am Reifenhandel vorbei“, sagt er. „Wir hatten sogar schon einmal einen Kunden, der extra aus Berlin zu uns gefahren kam, um sich seine Reifen abzuholen. Auf seinem Weg hierher ist er an einer Vielzahl von Reifenhändlern vorbeigefahren, die ihm eigentlich ebenso hätten weiterhelfen können müssen“, berichtet er. Damit wird außerdem deutlich, wie schwierig es ist, diese Marktnische in konkrete Zahlen zu fassen. „Der Markt für Quad-/ATV-Reifen in Deutschland ist nur sehr schwer einschätzbar. Auf europäischer Ebene werden solche Bereifungen meist in der Kategorie diagonaler Motorradreifen geführt und beispielsweise nicht separat in den Europool-Statistiken gelistet. In Deutschland gilt für die WdK-Zahlen mehr oder weniger das Gleiche, wozu erschwerend hinzukommt, dass die fernöstlichen Marken mangels WdK-Zugehörigkeit überhaupt gar nicht erfasst werden“, ergänzt Terfloth.

Laut Joachim Liebl gehören aber gerade diese vom „normalen“ Pkw-Reifengeschäft her eher unbekannteren Marken zu den Rennern im ATV-/Quad-Segment. Marktführer sind seinen Worten zufolge und in dieser Reihenfolge die Pneus von Maxxis, Kenda und Duro. Dass er in dem Markt trotz momentan zurückgehender Fahrzeugneuzulassungen dennoch weiteres Potenzial sieht, davon zeugen die Pläne, mittelfristig unter dem Markennamen Mefo Sport auch eine eigene ATV-/Quad-Reifenfamilie anbieten zu wollen. Anders als die schon seit Längerem unter diesem Label verkauften Motorradreifen sollen die Quad-Reifen dann aber nicht im Reifenwerk Heidenau, sondern in Fernost produziert werden.

Wie die Spezialisten aus Röthlein will aber auch Mayerosch seinen Kunden etwas Besonderes bieten. „Mit ihren meist grobstolligen Profilen haben viele Quads beim Einsatz auf der Straße ein eher schwammiges Fahrverhalten. Das hat uns dazu bewogen, Komplettradumrüstungen anzubieten und dabei auf runderneuerte Reifen der Marke Colway zurückzugreifen“, erklärt Peter Mayerosch. Wurde anfangs noch ein von einem bekannten Hersteller stammendes konventionelles Alurad aus dem Pkw-Segment verwendet, so begann das Unternehmen allerdings schon vor rund anderthalb Jahren mit der Entwicklung eines eigenen Rades und bietet dieses „M-Design“ getaufte Rad in Kombination mit zwei Colway-Bereifungsvarianten seit Kurzem als ATV-Komplettrad an. „Optisch passt dieses Rad viel besser zu den Quads. Da wir im Vergleich zu der vorherigen Lösung auf Adapter verzichten konnten und das ‚M’-Rad ohnehin recht leicht ist, lässt sich mit diesen Kompletträdern zudem einiges an Gewicht sparen“, sagt der Mayerosch-Geschäftsführer. Immerhin hätte man auch zuvor schon jedes Jahr 700 bis 800 Satz ATV-Kompletträder im Markt absetzen können, dank der Vorteile des „M“-Rades sollen es sicherlich nicht weniger werden.

Was zeigt, dass man – Nischenmarkt hin oder her – mit entsprechendem Engagement einiges bewegen kann. Sicherlich ist nicht zu erwarten, dass der Absatz an ATV-/Quad-Reifen in den kommenden Jahren explosionsartig nach oben schnellen wird. Doch zumindest in der Theorie sollte jeder Reifenhändler näher an dem Thema Bereifungen für solche Fahrzeuge dran sein als der Verkäufer im Quad-Center nebenan, der sich das Wissen um die schwarzen runden Gummis erst aneignen muss. Warum also eine solche Geschäftsgelegenheit links liegen lassen? Zumal sich heute im Zeitalter von 24-Stunden-Lieferservices niemand mehr sämtliche der zugegebenermaßen vielfältigen Reifengrößen selbst ins Lager legen muss. Das ATV-/Quad-Reifengeschäft, das vor allem in den Sommermonaten Saison hat, ließe nicht nur das Sommerloch im Reifenhandel zwischen Frühjahrs- und Winterumbereifung vielleicht nicht ganz zu tief erscheinen, sondern könnte auch zu neuer Kundschaft auf dem Hof führen. Denn es wird wohl nur wenige Spaßpiloten auf der Sitzbank eines solchen Fahrzeugs geben, die nicht trotzdem noch einen Pkw oder ein Motorrad in der Garage stehen haben oder – im Falle 16-jähriger Fahrer mit S-Führerschein – irgendwann stehen haben werden.

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