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Contis Griff auf die Phoenix-Gummiwerke

Des einen Freud, des anderen Leid. Der Ablauf stellt sich meist so dar: Auf der Gewinnerseite ein paar Investmentbanken, eine Hand voll Spitzenmanager hüben wie drüben, oft die Aktionäre des übernommenen Unternehmens, weniger häufig, jedenfalls zunächst, die Aktionäre des kaufenden Unternehmens. Auf der Verliererseite steht auch stets die gleiche Klientel: Arbeiter und Angestellte beider Seiten und die öffentliche Hand. Denn was als Schöpfung von Synergien vornehm beschrieben wird, bekommen Malocher schnell als Killen ihrer Arbeitsplätze zu spüren, denn irgendwie muss die Transaktion bezahlt werden. Doch natürlich gibt es auch Gewinner. Vorliegend ist dies der Konzernbereich ContiTech, der sich im Continental-Konzern allmählich unentbehrlich machen könnte.

Dies ist eine feste Regel: Je teurer die Übernahme, umso mehr Arbeitsplätze geraten in Fortfall. Heute noch hoch produktive Arbeitskräfte werden schon morgen als nutzlose und überflüssige Gestalten vor den Toren der Arbeitsämter abgeladen. Wer um die 50 Jahre alt ist, hat hohe Chancen arbeitslos zu bleiben und Aussicht auf eine durch Fehlzeiten und Niedrigbeiträge geprägte kleine Rente. Alles nur Schwarzmalerei? Alles nur hinzunehmende Folgen der Globalisierung, zu der es ja keine Alternative gibt?

Wie ist es konkret im vorliegenden Fall?

Kein Zweifel, volkswirtschaftlich ist die Conti-Akquisition so gut wie die Pest und für die Phoenix-Belegschaft ist sie so gut wie Cholera. Wie jetzt bereits sichtbar, werden so um die tausend Arbeitsplätze, überwiegend Harburger Arbeitsplätze, schnellstens gestrichen. Dabei wären allerdings, glaubt man offizieller Lesart, auch ohne die Übernahme mittelfristig rund 350 Arbeitsplätze entfallen. Das beschleunigt sich nun und bekommt andere Dimensionen. Wenn dann bis zu tausend Menschen ihren Job verlieren, schlägt das voll auf Arbeitslosengeld und sonstige soziale Leistungen durch. Die eine Seite meint, sich ergebende Synergien geschöpft zu haben, die andere Seite sieht sich – wie es so schön heißt – „sozialverträglich abgebaut“, und die Solidargemeinschaft soll den Sturz ins Bodenlose auffangen. Und alles dies im Rekordjahr der Gummiwerke Phoenix, die mit für die Branche und angesichts der gesamtwirtschaftlichen Umstände äußerst guten Ergebnissen das Jahr abschließen wird. Besser war einfach nicht nachzuweisen, dass dieses Unternehmen auch allein im Wettbewerb überleben und erfolgreich hätte bleiben können. Denn der Glaube an die reine Größe eines Unternehmens ist längst nüchterner Betrachtung gewichen. So verdienen im Reifengeschäft auch kleine Hersteller wie Nokian extrem gut, wenn sie nur gut gemanagt sind; und dafür, dass Größe nicht synonym für Erfolg und Gewinn ist, gibt es auch ein ganz gutes Branchenbeispiel. Und so wäre es sowohl aus volkswirtschaftlicher als auch aus Phoenix-Sicht weitaus besser gewesen, wenn Continental sich den Griff verkniffen hätte.

Die aus Phoenix-Kreisen lancierten Zahlen können allerdings nicht blind übernommen werden. So will sich der Conti-Konzern von Teilbereichen – und das heißt vorliegend von zwei kleineren Gesellschaften des Phoenix-Konzerns – trennen, weil deren Produkte nicht recht zur ContiTech passen und man muss sich auch wegen der Auflagen des Kartellamtes von einem anderen Bereich trennen. So reduziert sich die Zahl der Phoenix-Belegschaft vermutlich schnell um etwa tausend, aber das bedeutet ja nicht, dass diese Plätze alle gestrichen werden müssen. Viele Beschäftigte werden zwar den Phoenix-Kreis schweren Herzens verlassen, aber sie halten ihren Arbeitsplatz. Die Continental AG hat signalisiert, eine ganze Reihe von Arbeitsplätzen in Harburg aufgeben und in andere ContiTech-Werke in Deutschland verlagern zu wollen. Betroffene Arbeitskräfte können mitziehen. Dass dies in vielen Fällen nur theoretischer Natur sein dürfte, muss nicht erst betont werden. Heute allerdings, und das ist die einzig gesicherte Erkenntnis, kann noch niemand sagen, wie viele Arbeitsplätze letztlich ersatzlos gestrichen werden müssen.

Was einerseits wie Pest und Cholera erscheint und wirkt, war für Continental allerdings erstrebenswert. Der Bereich ContiTech ist mit der Übernahme der Phoenix auf bestem Weg, der größte Anbieter technischer Gummiartikel für die Automobilindustrie zu werden, sofern er es denn nicht bereits ist. Die wesentlichen Produktgruppen dürften sein:
Antriebselemente/Keilriemen,
Fluid/technische Schläuche,
Transportbänder,
Luftfederbälge,
Vibration Control/Formartikel.

Insbesondere in den Bereichen Fluid, Luftfederbälge und Transportbänder hat Phoenix der übernehmenden Continental bzw. der ContiTech einiges zu bieten. Und so ist die Annahme auch berechtigt, dass eine Verlagerung vieler Bereiche in bestehende Sparten zu verbesserten Kostenstrukturen führen kann mit der Folge, dass die jetzt bereits als ausreichend beschriebenen Gewinne der Phoenix so weiter optimiert werden können. Damit kann der Umsatz jetzt schnell drei Milliarden Euro übersteigen und das Ziel eines operativen Gewinns von 10 Prozent vom Umsatz ist greifbar nahe. Sobald die Integration also stattgefunden hat und die hier beschriebenen Ziele erreicht sind, ist auch der Bereich ContiTech, der dann immerhin für etwa ein Viertel des Konzernumsatzes steht, aus der Schmuddelecke heraus. An einen Verkauf der Sparte, die vor drei Jahren schon beschlossen war, denkt derzeit niemand.

Des einen Freud, des anderen Leid. Ohne Fusion wären in jedem Fall weniger Arbeitsplätze gestrichen worden als so. Das Erreichen einer Marge von 10 Prozent vom Umsatz hat seinen Preis. Viele Menschen verlieren alles, manche gewinnen einiges hinzu. Manager sind selten Philosophen und dürfen es auch nicht sein. klaus.haddenbrock@reifenpresse.de

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