Michelin beteiligt sich an Hankook

Kürzlich haben Michelin und Hankook Tire eine engere Zusammenarbeit beschlossen. In Zuge dessen hat sich der französische Reifenhersteller mit zehn Prozent an dem koreanischen Unternehmen beteiligt. Eine entsprechende Vereinbarung wurde schon Ende Januar von Hankook-Präsident Choong Hwan Cho und Jean-Marc Fançois, President Michelin Asia-Pacific, in Seoul unterzeichnet. In einer gemeinsamen Stellungnahme sprechen die neuen Partner davon, das dieses Agreement beiden Unternehmen gestatte, Synergien abzuschöpfen und die jeweilige Marktposition weiter auszubauen. Offenbar schon seit einigen Monaten liefen die Verhandlungen zwischen Hankook bezüglich einer Kooperation in den Bereichen Forschung und Entwicklung, Produktion und Distribution, wenngleich auch jetzt noch nicht alle Details unter Dach und Fach sein sollen – jedenfalls signalisieren beide Partner noch weiteren Diskussionsbedarf. Was allerdings schon feststeht ist, dass Michelin Hankook eine Lizenz für das PAX-System erteilen wird und die Koreaner dafür im Gegenzug Reifen für die Franzosen produzieren werden. Über den Preis für die zehnprozentige Beteiligung ist bislang nichts Näheres bekannt geworden. Ausgehend von dem Hankook-Aktienkurs zum Zeitpunkt des Deals kann die Summe jedoch grob auf etwa 33 Millionen US-Dollar geschätzt werden. Wenn’s beim ersten Mal nicht klappt … Die nun getroffene Vereinbarung ist für Michelin nicht das erste Engagement in Korea. Bereits 1987 hatte das Unternehmen zusammen mit der koreanischen Firma Wuon Poong ein 50:50-Jointventure unter dem Namen Michelin Korea Tires Ltd. gegründet. Wuon Poong gehörte zur Woosung-Gruppe und brachte ein Pkw-Reifenwerk in Yangsan in das Gemeinschaftsunternehmen mit ein, das – so die damalige Planung – jährlich zwischen 5.000 und 6.000 Pkw-Reifen der Marke Michelin produzieren sollte. Im Gegenzug wollte Michelin technologisches Know-how liefern und damit den Part übernehmen, den zuvor Yokohama bei Wuon Poong innegehabt hatte. Mit dem Jointventure hatte Michelin damals Neuland betreten, war es doch das bis dato erste Produktionsabkommen der Franzosen im asiatischen Raum. Beweggrund für diesen Schritt mag gewesen sein, damit einen Partner an der Seite zu haben, der einem beim Umschiffen der Untiefen der verschiedenen Märkte im asiatischen Raum hilfreich zur Seite steht. Außerdem war es nach der koreanischen Gesetzgebung zu dieser Zeit Ausländern nicht erlaubt, die Mehrheit an einem Unternehmen innerhalb des Lande zu halten. Darüber hinaus mag vielleicht auch die Aussicht, auf diese Weise im wachsenden Erstausrüstungsgeschäft Koreas leichter einen Fuß in die Tür zu bekommen, die Entscheidung beeinflusst haben. Jedenfalls war dieses Jointventure der erste Schritt in Richtung einer Reifenfertigung in Fernost. Das Arrangement mit Wuon Poong hielt aber letztendlich nur ganze vier Jahre – beendet wurde es von Michelin. Als offizielle Begründung wurden damals "fundamentale Differenzen über die weitere strategische Ausrichtung" des Jointventures angegeben, obwohl allgemein eher Qualitätsprobleme als Grund für die Trennung angenommen wurden. Wie dem auch sei, offiziell endete die Zusammenarbeit am 31. März 1991, und in die Lücke, welche die Franzosen bei Wuon Poong hinterließen, sprang dann sogleich der Reifenhersteller Nexen, der sich zu dieser Zeit noch Woosung nannte und dort ebenfalls Reifen unter dem eigenen Markennamen fertigen lassen wollte. Michelin hingegen gründete eine Vertriebsgesellschaft in Korea, um die eigenen Interessen auch weiterhin in dem Land vertreten zu sehen. Seither hat Michelin allerdings einige Fortschritte in der Region erzielt, beispielsweise in Form eines Technikzentrums und eines Reifenwerkes in Japan sowie einem weiteren Produktionsstandort in Thailand. Darüber hinaus hält Michelin eine Mehrheitsbeteiligung an der Shanghai Michelin Warrior Tire Co. in China. Verkauforganisationen in mehreren Ländern des Fernen Ostens und die in Singapur beheimatete Zentrale von Michelin Asia-Pacific ergänzen das Engagement der Herstellers in der Region, das durch die nun beschlossenen Zusammenarbeit mit Hankook weitere neue Impulse erhalten dürfte. Was bringt das Jointventure? Dabei dürften über die Gründe für die Beteiligung an dem koreanischen Reifenhersteller keine Zweifel bestehen. Schließlich hat der Michelin-Konzern selbst den asiatischen Wirtschaftsraum schon des Öfteren bezüglich des Reifenabsatzes als seinen wunden Punkt bezeichnet. Weltweit reklamieren die Franzosen einen Marktanteil von 19 Prozent für sich, in Asien kommt man gerade einmal auf ein Fünftel dieses Wertes. Das ist für einen Global Player wie Michelin natürlich eine unbefriedigende Situation, zumal Asien einen Anteil von rund 20 Prozent am weltweiten Reifenersatzmarkt hat. Oder anders ausgedrückt: Dort werden pro Jahr etwa 132 Millionen Reifen im Ersatzmarkt abgesetzt. Grund genug für das Unternehmen, ein Wachstum in diesem Teil der Welt – und vor allem in China und Südkorea, wo mit einem weiteren starken Anstieg des Erstausrüstungs- und Ersatzbedarfes gerechnet wird – zu einer der Schlüsselaufgaben zu machen. Schon die ersten neun Monate des vergangenen Jahres haben gezeigt, welches Potenzial die Region aufzuweisen hat, denn beispielsweise in China konnte der Absatz von Reifen der Marke Michelin um 20 Prozent gesteigert werden. Hier beanspruchen die Franzosen – vor allem aufgrund der mit der Marke Warrior erzielten Volumina – schon heute mit nach eigenen Aussagen rund 30 Prozent Marktanteil die Marktführerschaft für sich. Obwohl das Abkommen zwischen Michelin und Hankook wohl hauptsächlich im Bereich Pkw-Reifen zum Tragen kommen wird, so ist die Rolle Asien gerade was Nutzfahrzeugreifen angeht, sicherlich noch eine Stufe höher zu bewerten. Michelin zitiert jedenfalls Zahlen, laut denen rund 40 Prozent aller weltweit im Ersatzmarkt abgesetzten Lkw-Reifen in dieser Region einen Käufer finden. Nicht umsonst konnte Michelin hier im vergangenen Jahr einen ordentlichen Zuwachs bei Lkw-Radialreifen realisieren – vor allem wiederum in China und in Thailand. Wenn das Erstausrüstungsgeschäft in Korea so wie erwartet zulegt, kann Michelin bei einer Produktion im Lande durch Hankook zumindest auf der logistischen Seite und was die Kosten angeht profitieren. Außerdem ist es – vom Zeitfaktor mal ganz zu schweigen – wahrscheinlich billiger 33 Millionen in ein Jointventure zu investieren als mit einem neuen, komplett neu zu errichtenden Werk bei null anfangen zu müssen. Darüber hinaus kann Hankook vermutlich auch flexibler auf Änderungswünsche der Franzosen bezüglich der Produktionsvolumina reagieren, falls der Marktanteil dann tatsächlich so wie gewünscht in die Höhe schnellt. Schließlich ist Hankook eine feste Größe bei den koreanischen Fahrzeugherstellern und hat im Heimatland mit 40 Prozent Marktanteil auch was den Ersatzmarkt betrifft einen guten Namen. Das wirft die Frage auf, wie denn Hankook Tire eigentlich von der nun getroffenen Vereinbarung profitieren könnte. Ein Pluspunkt ist sicherlich die bereits erwähnte PAX-Lizenz, wenngleich eine breitere Basis für diese Notlaufsystem gleichzeitig sicherlich auch Michelin wieder zugute kommt. Wenn allerdings Michelin-Reifen bei den Koreanern aus dem Werk rollen, so sind die damit verbundenen Vorteile für Hankook etwa beim Fertigungs-Know-how sicherlich nicht zu verachten. Gleiches gilt für eine Zusammenarbeit im technologischen Bereich bzw. bei Forschung und Entwicklung. Schließlich hat auch der asiatische Hersteller ambitionierte Pläne, was seine weitere Entwicklung zu einem Global Player im weltweiten Reifenbusiness angeht. Für Hankook markiert dieses Jahr den Zeitpunkt für einen Strategiewechsel des Unternehmens weg vom "manufacturing orientierten" hin zum "market-driven" Hersteller. Man will sich daher 2003 voll und ganz auf die Belange der Kunden, die Anforderungen der einzelnen Distributionskanäle sowie seine Aktionäre und Mitarbeiter konzentrieren. Auch in diesem Bereich hofft man, viel von dem neuen Partner aus Europa lernen zu können. Fazit Solange die Details des Deals noch nicht endgültig geklärt sind, kann man über die weiteren Auswirkungen für die Branche nur spekulieren. Ist es zum Beispiel denkbar, dass Michelin Hankook-Reifen für den US-amerikanischen Markt fertigt? Bislang ist zwar im Zusammenhang mit dem Jointventure immer nur die Rede davon, Hankook werde Reifen für Michelin produzieren. Wie sieht es aber in umgekehrter Richtung aus? Ein weiterer Punkt könnte die Distribution sein. Wird Michelin die selbst genutzten Absatzkanäle auch für Hankook-Reifen öffnen? Unabhängig von solchen Detailfragen dürfte jedoch klar sein, dass wohl beide Seiten von dem Jointventure profitieren werden. Michelin verstärkt seine Präsenz in Asien, ohne diesmal ernsthaft Qualitätsprobleme erwarten zu müssen. Schließlich ist der Partner Hankook ein anerkannter Hersteller auch über diese Region hinaus, der sich zudem in der Weltrangliste der Reifenhersteller eher noch weiter nach oben hin orientieren möchte. Bis 2005 wollen die Koreaner sich bis auf Platz fünf in der Reifenwelt vorgearbeitet und sechs Prozent Marktanteil erobert haben.

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