Pirelli digitalisiert den Reifen und führt „Cyber Car“ ein

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Nachdem Pirelli im vergangenen Jahr einen als erfolgreich bezeichneten Markttest in den Vereinigten Staaten mit seinem Connesso-System durchgeführt hat, soll der Sensor inklusive Datentransfer in eine Cloud und Datenauswertung per Smartphone-App für den Endverbraucher nun auch noch im Laufe dieses Jahres auf den europäischen Markt kommen. Connesso, was „verknüpft“ auf Italienisch bedeutet, sei dabei auch gut für eine Nachrüstung durch den Reifenhandel geeignet, bietet das sensorbasierte System doch über den Luftdruck hinaus für den Fahrer weitere relevante Informationen an, etwa zum Reifenverschleiß und zu der sich daraus ergebende Restlaufzeit, wie Gianni Guidotti anlässlich des Genfer Automobilsalons gegenüber der NEUE REIFENZEITUNG erläuterte. Aufbauend auf dem Connesso-System präsentierte Pirelli in Genf jetzt erstmals sein „Cyber Car“ genanntes System. Dabei stellt der Connesso-Sensor seine Daten nicht nur dem Fahrer zur Verfügung, sondern er übermittelt sie per Port direkt an die On-Board-Steuerung, die daraufhin die ABS- und Stabilitätskontrollsysteme anpassen kann, so der Head of Business Unit Cyber Technologies weiter. Auch hier stehe eine Markteinführung kurz bevor; der digitalisierte Reifen kann Pirelli zufolge kommen.

Pirelli wurde erst Anfang des Jahres auf der Messe Tire Technology in Hannover zum Reifenhersteller des Jahres gekürt, womit die Jury auch die treibende Kraft für technische Innovationen des italienischen Reifenherstellers würdigte, unter anderem auch in Bezug auf „die Einführung von Connesso im vergangenen Jahr“. Auch wenn wir in den vergangenen Jahren oft und viel über die Verarbeitung von Daten aus und über den Reifen gehört und gelesen haben – die verpflichtende Einführung von RDK-Systemen in neu homologierten bzw. neu zugelassenen Fahrzeugen hat hier noch einmal die technologische Entwicklung beschleunigt –, so stellt das Connesso-System, mit dem Pirelli jetzt an den Markt kommt, doch mehr Informationen bereit, als bisherige direkt messende (RDK-)Systeme es können. Der Connesso-Sensor, der auf der Innenseite des Reifens angebracht, nicht aber einvulkanisiert, wird, übermittelt Daten über den Reifenfülldruck und über die Temperatur im Reifen, die sich wiederum maßgeblich auf den Verschleiß des Reifens und auf andere Parameter auswirkt, etwa den Griff des Reifens. Und der Sensor übermittelt Informationen über den Verschleiß selber, der über die vertikale statische Belastung des Reifens ermittelt wird; und der Sensor weiß die gefahrenen Kilometern eines jeden Reifens und kann auch errechnen, wann der Reifen an seine Verschleißgrenze kommt. Alle Daten sind dabei in Echtzeit verfügbar.

Pirelli stellte in Genf auf dem Automobilsalon sein neues „Cyber-Car“-System vor, das per sensorerhobener Daten aus dem Reifen auch in die ABS- und Stabilitätskontrollsysteme des Fahrzeugs eingreifen kann

Pirelli stellte in Genf auf dem Automobilsalon sein neues „Cyber-Car“-System vor, das per sensorerhobener Daten aus dem Reifen auch in die ABS- und Stabilitätskontrollsysteme des Fahrzeugs eingreifen kannNachdem 2017 ein Markttest in den USA mit dem Connesso-System stattgefunden hat, der Pirelli zufolge erfolgreich verlaufen ist, soll nun die Einführung auch auf dem europäischen und somit dem deutschen Reifenmarkt kommen; Pirelli spricht von einer Einführung in den „wichtigsten europäischen Ländern“. Dabei ist das Connesso-System eines, das insbesondere auch für den Reifenfachhandel interessant sein könnte, sind die Sensoren im Reifeninnern doch nachrüstbar. Weitere technische Veränderungen müssen am Reifen oder am Fahrzeug nicht vorgenommen werden. Zu welchem Preis die Sensoren aber auf den hiesigen Markt kommen werden, sei Gianni Guidotti zufolge noch nicht im Detail beschlossen, so der Cyber-Technologies-Verantwortliche auf Nachfrage.

Während die Markteinführung von Connesso in Europa also konkret bevorsteht, hat Pirelli in Genf auf dem seit Dienstag laufenden Automobilsalon die Weiterentwicklung des bestehenden Systems vorgestellt, die ihrerseits kurz vor der Markteinführung stehe. Guidotti zufolge sei das „Cyber Car“ genannte System „in Zusammenarbeit mit namhaften Automobilherstellern für die Erstausrüstung entwickelt“ worden und werde von diesen derzeit auch getestet, so dass auch hier eine Markteinführung im Laufe dieses Jahres „an Bord der innovativsten Fahrzeugmodelle mit Elektro- oder Standardantrieb“ erwartet werde. Auch wenn wenn der Connesso-Sensor dieselben Daten zum Reifenfülldruck erhebt, wie RDKS-Sensoren es leisten, verstehe sich der neue Pirelli-Sensor nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung dazu.

Das System „Cyber Car“ ermögliche es dem Reifen nun, direkt mit der Bordelektronik des Fahrzeugs und insbesondere mit den Fahrerassistenzsystemen zu interagieren und liefere dabei wichtige Informationen über den Betrieb des Fahrzeugs, „um eine sicherere Fahrt mit verbesserter Leistung zu gewährleisten“, betont der Head of Business Unit Cyber Technologies. Pirelli hatte 2002 seine „Cyber-Technology“-Plattform mit dem Ziel eingeführt, „Reifen, Autos und Fahrer in höchsten Grade miteinander zu verbinden“.

Auch für das „Cyber-Car“-System ist der nur wenige Gramm leichte (Connesso-)Sensor von zentraler Bedeutung. Die Daten zum Betriebszustand des Reifens werden dabei aber nicht nur, wie bei Connesso, über die Pirelli-Cloud an eine App übermittelt, um dort dem Fahrer – oder dem Flottenverantwortlichen – als Entscheidungsgrundlage zu dienen. Das „Cyber Car“ übermittelt die Daten sowohl an die Bordsysteme des Fahrzeugs als auch an eine App. „Die Pirelli-‚Cyber‘-Technologie nutzt spezifische Systeme, um direkt mit dem Fahrer (Pirelli Connesso), mit Flottenmanagern (‚Cyber Fleet‘) oder mit Fahrzeugherstellern und Fahrern gleichzeitig (‚Cyber Car‘) zu kommunizieren“, heißt es dazu vonseiten Pirellis. Diese Systeme gelten dabei sowohl für herkömmlich angetriebene Automobile als auch für solche mit Elektroantrieb. „Die Basistechnologie ist gleich, aber die Anwendungen sind unterschiedlich und spezialisiert.“

Die Daten, die vom „Cyber Car“ erhoben und übermittelt werden, sollen dabei helfen, so Pirelli, „die Sicherheit und Performance verbessern“ zu können. Mit Ausnahme des Reifendrucks, der von RDK-Systemen überwacht wird, „gab es bislang keine individuellen Informationen, die von den Reifen erfasst und an das Fahrzeug übermittelt wurden. Das ‚Cyber Car‘ von Pirelli führt die Digitalisierung der Automobile in eine neue Ära“, ist man bei Pirelli überzeugt. „Dies geschieht mittels einer innovativen Form der automobilen Steuerungsintelligenz, die in die vorhandenen Fahrerassistenzsysteme integriert ist. Sie verbessert die Leistung, Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit, indem sie sämtliche Daten nutzt, die der in jedem Reifen integrierte Sensor erfasst und kommuniziert. Wichtige Reifendaten wie Fülldruck, Innentemperatur und Profiltiefe gehören zu den Parametern, die ‚Cyber Car‘ an das Fahrzeug übermitteln kann. Das System ist zudem in der Lage, in Systeme wie ABS und die Stabilitätskontrolle einzugreifen und sie zu aktivieren.“

Pirelli ist seit 2011 alleiniger Reifenlieferant der Formel 1, was der italienische Hersteller auch in Genf am Stand zu präsentieren wusste

Zu den vom Sensor erfassten und vom System verarbeiteten Daten gehört auch die Vertikallast – eine wichtige Information für Elektroautos. Die Restladung von Akkusätzen wird derzeit anhand von Standardparametern berechnet, „doch die Bordelektronik mit dem ‚Cyber Car‘ von Pirelli kann genauere Informationen liefern. Durch Kenntnis des genauen Gewichts eines Fahrzeugs kann die zentrale Steuereinheit präziser berechnen, wie viele Kilometer vor dem nächsten Aufladen noch zurückgelegt werden können.“

Über die Schnittstelle des Fahrzeugherstellers informiert „Cyber Car“ den Fahrer auch über Standardbetriebsparameter des Reifens wie Vertikallast, Temperatur und Druck. Das ermögliche ein rechtzeitiges Eingreifen bei falschem Fülldruck. „Dank spezifischer Informationen über den Profilverschleiß und die Art und Weise, wie die Reifen bei der Montage saisonal rotieren sollten, wird die Reifenwartung einfacher. ‚Cyber Car‘ kann darüber hinaus den Zugang zu einer Reihe maßgeschneiderter Dienstleistungen wie Autopflege, Pannenhilfe und Service ermöglichen, die individuell an die speziellen Bedürfnisse des Autofahrers angepasst werden können.“

Die ersten mit „Cyber Car“ ausgestatteten Modelle sollen „noch in diesem Jahr auf den Markt kommen. Einige Automobilhersteller befinden sich bei der Integration der Technologie von Pirelli bereits in einem fortgeschrittenen Stadium“, so der Hersteller in Genf und kündigte vor Ort bereits den nächsten Evolutionsschritt an: das „Cyber-Tyre“-System. Dieser „Reifen der Zukunft“ soll auf einer technischen Plattform basieren, die in der Lage ist, „noch mehr Daten zu erfassen und Informationen an die Bordsysteme des Fahrzeugs zu übermitteln, und das bei jeder Umdrehung jedes Rades. Zwar ist diese Technologie noch nicht im Handel erhältlich, doch ihre erste Applikation ist bereits auf dem Ferrari FXXK im Einsatz, dem 1.000 PS starken Hyperauto, das nur für den Einsatz auf der Rennstrecke vorgesehen ist.“ arno.borchers@reifenpresse.de

 

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