Härtetest für Pirelli-Winterreifen am Nordkap

Postkarten-Romantik sieht anders aus: Endlich am Nordkap angekommen, peitscht der Wind unbarmherzig über den felsigen Boden. Von wegen Erinnerungsfoto mit Wintermärchen vor blauem Himmel und dem berühmten Stahlglobus – wie kleine Schrotkugeln prasseln die kleinen Graupelkörner auf die Gesichter der Teilnehmer. Ein Stakkato an Nadelstichen malträtiert die kaltgefrorene Haut. „So ein Wetter ist hier normal“, schmunzelt der ehemalige Porsche-Versuchstechniker Dieter Röscheisen. Er und sein Team sind mit einem Porsche 944 und einem Porsche Cayman unterwegs – vom Nordkap zu den Lofoten. Röscheisen war schon einmal hier zum Wintertest. Das war vor 30 Jahren. Aber nicht nur für das Team, sondern auch für die Reifen bedeute dieser Trip eine große Herausforderung, heißt es beim Reifenhersteller Pirelli.

Dieter Röscheisen auf seiner Revival-Tour zum Nordkap

Dieter Röscheisen auf seiner Revival-Tour zum Nordkap

Auch drei Jahrzehnte später ist der Weg durch Nord-Skandinavien kein Zuckerschlecken. Zumal mit dem Weltenbummler-Porsche 944, mit dem der Österreicher Gerhard Plattner vor 31 Jahren einmal rund um die Erde fuhr, eine automobile Preziose bewegt wird, die man tunlichst nicht in einem Schneehaufen unter dem sich eventuell ein Stein verbirgt, parken sollte. Dass der „Tiroler Adler“, so ist der Name des weißen Gefährts, das mit seinen vielen Aufklebern aussieht, wie eine rollende Litfaßsäule, nach dem Transaxle-Prinzip – also Motor vorne, Getriebe hinten – konstruiert ist, macht die Sache für den Fahrer auf schneeglatter Fahrbahn nicht einfacher.

Grip ist bei Schnee und Eis nur durch noch mehr Grip zu ersetzen

„Der betagte Zuffenhausener hat nämlich noch durchaus Temperament und legt mit der Hinterachse gerne eine formvollendete Pirouette hin, wenn man es in Kurven mit dem Gaspedal nur ein wenig übertreibt“, heißt es bei Pirelli. Da hilft es, wenn die Reifen auch diesen nahezu unwirklichen Verhältnissen gewachsen sind. Grip ist bei Schnee und Eis durch nichts zu ersetzen als durch noch mehr Grip. Immerhin hat die Auflagefläche eines durchschnittlichen Reifens lediglich die Fläche des Handtellers eines Mannes. Ein kurzer Blick auf die Pneus beruhigt: Wie bei der Originalfahrt ist das Fahrzeug mit Reifen von Pirelli ausgerüstet, diesmal mit „Winter Sottozero“.

Auf dem Weg nach Skarsvåg, dem nördlichsten Fischerdorf der Welt: Die Landschaft ist hügelig und die Straße kurvig. Ohne Traktion blieben hier nur Schneeketten. Doch es geht alles glatt und Dieter Röscheisen erzählt von einem Treffen mit einem Eskimo, der vor 30 Jahren den Preis (420.000 DMark) und die PS (450) des Porsche 959 mit einem ungläubigen Stirnrunzeln quittierte und dann überlegt hätte, wie viele Schlittenhunde man für diese Summe kaufen könne. Hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Bei den Winterreifen haben sich dagegen die Zeiten und die Anforderungen grundlegend verändert. Hieß die Devise in den 1980er Jahren „möglichst schmal und grobstollig“, ist das Lastenheft der Reifenentwickler heute deutlich komplexer. Damals akzeptierte der Autofahrer, dass Winterreifen lauter waren als Sommerreifen, heute ist ein zu lautes Abrollgeräusch ein K.o.-Kriterium. Deshalb fließe ein maßgeblicher Teil der Entwicklungsarbeit auch in die Akustik, heißt es bei Pirelli.

Mit der Verbreitung der Elektro-Mobilität werde dieser Aspekt zukünftig noch wichtiger werden. Auch der Aufbau und die Funktionsweise des „schwarzen Goldes“ sei ein gänzlich anderer, deswegen seien mittlerweile Breitreifen häufig die bessere Alternative. „Natürlich soll der Rollwiderstand dabei möglichst gering sein. Diese Zielsetzung macht das Ringen um die Bodenhaftung nicht einfacher. Doch die fahrdynamische Gleichung der Reifenentwickler weist mehr als nur einen Zielkonflikt auf“, heißt es bei Pirelli. Heute wie vor 30 Jahren stellten die Mischverhältnisse, also der Wechsel zwischen schneebedeckter Fahrbahn, Eis sowie Asphalt die größte Herausforderung dar. Zwei Reifen auf Eis, zwei auf Asphalt. Spannende Vorstellung, auf die man gerne verzichten könnte, die aber mehr als einmal Realität wird und die auch der Grund war, warum Porsche damals zwei 959er zum Nordkap geschickt hat. „Die Schweden haben uns seinerzeit für komplett verrückt gehalten“; erzählt Dieter Röscheisen. Die zwei Sportwagen bewältigten innerhalb von zwei Tagen 2.306 Kilometer– die etwas höhergelegte Komfort-Version als Schneepflug für die dahinter folgende tiefere. Im Auto hatten die Entwickler Schlafsäcke, Proviant, eine Leuchtpistole und Holz fürs Feuer. Die Tour war erfolgreich und die Regelsysteme des Allradantriebs des Sportwagens konnten auf alle möglichen Fahrbahnzustände abgestimmt und perfektioniert werden.

Wagen bleiben kontrollierbar

Damals sei das Gefühl der Testfahrer die entscheidende Messgröße gewesen. Daran habe sich bis heute wenig geändert, „auch wenn durch Simulationen viel der Grundlagenarbeit am Computer erledigt werden können und das Peiseler-Rad, das an jedem Fahrzeug hing, mittlerweile ausgedient hat“. Doch wie gut ein Winterreifen wirklich sei, zeige sich auf den Handlingkursen der zugefrorenen Seen Nordschwedens, wo die Ingenieure seit über 30 Jahren ihre Wintercamps aufgeschlagen haben.

Strahlender Sonnenschein war natürlich auf der Tour auch zu finden

Strahlender Sonnenschein war natürlich auf der Tour auch zu finden

Das Resultat der Tüftelarbeit erfährt man auf den Weg zu den Lofoten, einem weiteren Zwischenziel auf dem Weg nach Arjeplog. Der Porsche Cayman rollt ebenfalls auf Pirelli-Sottozero. „Der Mittelmotor-Sportler bleibt bei jeder Kurve immer kontrollierbar. Kleine Heckschwenks werden von kundiger Hand mit einem schnellen Gegenlenken aufgefangen, das mit Hilfe der Pneus auch direkt zum gewünschten Erfolg führt“, heißt es in der Mitteilung des Reifenherstellers. „Die Reifen lieferten auf der einzigartigen Roadtour bei allen Bedingungen zuverlässig ihre Leistung. Das besondere Lamellen-Profil verrichtete seinen Job perfekt und bohrte sich förmlich in den Schnee. Das kann man von modernen Reifen auch erwarten“, so Dieter Röscheisen.
Denn damit Oldtimer ihr kostbares Autoleben nicht im Straßengraben oder an einem Baumstamm aushauchen, habe sich Pirelli mit Porsche zusammengetan, um für viele ältere Modelle wie zum Beispiel den Porsche Turbo (interner Code 930) moderne Reifen mit klassischem Profil-Outfit herzustellen. Das sei gerade bei den Fahrzeug-Modellen jener Zeit, die keinerlei Regelsysteme an Bord hatten, elementar. Die Reifen für die Porsche Supersportwagen-Klassiker sind Teil der sogenannten Pirelli Collezione. Mit diesem Portfolio reagiert Pirelli auf die wachsende Nachfrage der Eigentümer prestigeträchtiger Old- und Youngtimer nach modernen Reifen im klassischen Look. Diese maßgeschneiderten Reifen vereinen die besondere Ästhetik vergangener Jahrzehnte mit der jüngsten Technologie sowie aktuellen Erkenntnissen aus dem Motorsport.

Die neuen Klassiker-Reifen tragen alle in der Flanke die N-Zertifizierung, die sie als Reifen mit spezieller Porsche-Freigabe ausweist. Stets aktuelle Reifenempfehlungen für die Porsche Modelle finden Interessierte im Web unter folgender Adresse: https://files.porsche.com/filestore/download/germany/none/classicgalleryanddownloads-tyreapproval-wintertyres/default/03a418cc-5d4e-11e6-873a-0019999cd470/ Prozentc3 Prozent9cberblick-Winterreifen-Classic-Fahrzeuge-und-Youngtimer.pdf. cs

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