Winterreifen? „Die meisten Fahrer in Deutschland brauchen ihn nicht“

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Seit gut einem Jahr postuliert Michelin seine „Long Lasting Performance“ benannte Strategie, nach der Reifen bis zur gesetzlich vorgeschriebenen Mindestprofiltiefe von 1,6 Millimeter verwendet und nicht schon – wie andere empfehlen – bei drei Millimetern (Sommerreifen) oder bei vier Millimetern (Winterreifen) ausgetauscht werden sollen. Parallel dazu sollen Reifen auch bis zur Verschleißgrenze ein Leistungsniveau bieten, das Kunden ein sicheres Autofahren garantiert, und nicht mit fortschreitender Abnutzung eine „programmierte Obsoleszenz“ erfahren. In einem ganzseitigen Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) äußerte sich Jean-Dominique Senard, CEO und Managing General Partner des französischen Reifenherstellers, nun noch einmal deutlich zu dieser Strategie und betonte dabei außerdem: Die meisten Autofahrer in Deutschland brauchen keine Winterreifen, und schon gar keine aus dem Billigsegment. „Wir kämpfen Tag und Nacht gegen diese Entwicklung“, so Senard zum Engagement Michelins gegen vermeintliche Fehlentwicklungen im Reifenmarkt.

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„Wir denken nicht nur an den Reifen, wenn er neu ist, sondern auch, wenn er gebraucht ist. Bei manchen anderen Herstellern, vor allem aus dem Billigsegment, gibt es hingegen Produkte mit programmiertem Lebensende. Das ist vergleichbar mit einer Waschmaschine, die nach kurzer Zeit absichtlich kaputtgeht“, so Senard im FAS-Interview, das in der Ausgabe vom 19. November erschienen ist. Programmierte Obsoleszenz, wie der geplante Verschleiß von Produkten genannt wird, sei etwas, wogegen Michelin Tag und Nacht kämpfe. „Wir stellen Reifen her, die lange halten und während ihres gesamten Lebens ihre Eigenschaften halten“, so Senard weiter.

„Auf Europas Straßen sind jede Menge Autofahrer unterwegs, die denken, dass sie sicher sind; sie sind es aber nicht, weil ihre Reifen nichts mehr mit denen zu tun haben, die sie neu gekauft haben“, kritisiert Michelin-CEO den frühzeitigen Leistungsabfall von Reifen aus dem Billigsegment

„Auf Europas Straßen sind jede Menge Autofahrer unterwegs, die denken, dass sie sicher sind; sie sind es aber nicht, weil ihre Reifen nichts mehr mit denen zu tun haben, die sie neu gekauft haben“, kritisiert Michelin-CEO den frühzeitigen Leistungsabfall von Reifen aus dem Billigsegment

Auf die Frage, ob es wirklich Hersteller gibt, deren Reifen bewusst nach einem gewissen, nicht vollständigen Verschleiß in ihrer Leistungsfähigkeit stark abbauen, antwortete der Michelin-Chef: „Na klar! Jede Menge! Die geben das natürlich nicht zu, aber wir können es beweisen, wir messen es ja in unseren Laboren.“ Namen nennt Senard in dem Interview hingegen nicht.

Es sei darüber hinaus ein „Problem“, dass Reifentests durch die großen Zeitschriften und Organisationen „nur mit neuen Reifen gemacht werden. Wenn sie noch mal messen würden, wenn der Reifen halb abgefahren ist, dann kämen da bei manchen Herstellern schlechte Werte raus.“ Einige Reifenhersteller würden, erklärt Jean-Dominique Senard seinen Standpunkt, „nur für die oberste Lage eine qualitativ hochwertige Mischung“ nehmen, damit der Reifen „in den Tests nicht auffällt. Sobald die ersten Millimeter abgefahren sind, kommen Gummischichten, deren Qualität schlechter ist, die weniger Leistung und Sicherheit bieten.“ Durch entsprechende Tests und Testverfahren würden Verbraucher letztendlich „bei ihrer Kaufentscheidung in die Irre geführt“, ist der Michelin-CEO überzeugt. Weiter: „Auf Europas Straßen sind jede Menge Autofahrer unterwegs, die denken, dass sie sicher sind; sie sind es aber nicht, weil ihre Reifen nichts mehr mit denen zu tun haben, die sie neu gekauft haben.“

À propos kaufen. Senard zufolge könne man mit einem Billigreifen zwar sicher sein, am Tresen weniger für einen Satz bezahlen zu müssen. Die höheren Einstandskosten von Premiumreifen, ist der Michelin-Chef weiter überzeugt, könne man aber „locker wieder reinbekommen“, und zwar weil er „so viel länger“ halte. Im professionellen Speditionsgewerbe sei die Idee von Kosten pro Kilometer längst angekommen, bei privaten Endverbrauchern hingegen nicht. „Und glauben Sie mir: Mit einem halb abgefahrenen Reifen aus dem Billigsegment würden Sie nicht mehr fahren, wenn Sie seine Werte kennen würden.“

Dem Michelin-Chef zufolge sind in Europa außerdem nicht nur viele Reifen unterwegs, die nicht den hohen qualitativen Ansprüchen des französischen Reifenherstellers genügen. Außerdem hat Jean-Dominque Senard eine ganz dezidierte Meinung zum Thema Winterreifen, die gerade viele auf dem deutschen Reifenmarkt aufhorchen lassen wird. Allwetter- oder Winterreifen?, so die Eingangsfrage im FAS-Interview vom Sonntag. „Ich empfehle Ihnen, einen Allwetterreifen zu kaufen“, betont Senard und darf im direkten Nachgang den Michelin CrossClimate bewerben, der „sowohl im Sommer als auch im Winter exzellent“ sei, „ein echter technologischer Durchbruch“, wie er findet. „Wenn Sie in den Bergen leben, kaufen Sie sich gern einen Winterreifen. Aber die meisten Fahrer in Deutschland brauchen ihn nicht, die fahren mit dem CrossClimate hervorragend. Sie können damit wirklich überall hinkommen und sparen viel Zeit und Geld, weil sie nicht jedes halbe Jahr die Reifen wechseln müssen“ arno.borchers@reifenpresse.de

 

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