Automobilzulieferer stehen „vor der größten Krise ihrer Geschichte“

„Drei zeitgleich ablaufende Ereignisse setzen derzeit die weltweite Automobilindustrie massiv unter Druck: Neben dem globalen Abschwung auf den Pkw- und Lkw-Märkten sind das die Umorientierung der Verbraucher hin zu Klein- und Kompaktwagen sowie massive Finanzierungsengpässe in der Autobranche“, heißt es in einer gemeinsamen Studie des Beratungsunternehmens Roland Berger Strategy Consultants und der Investmentbank Rothschild. Weltweit sei der Autoabsatz 2008 um drei Prozent geschrumpft, wobei es die Märkte in der NAFTA, in Europa und Japan besonders schwer getroffen habe. Da auch zum Jahresbeginn 2009 ein lahmender Autoabsatz mit Rückgängen zwischen 25 bis 35 Prozent bezogen auf das Vorjahresniveau gemeldet wird, sind freilich nicht nur die Fahrzeughersteller selbst betroffen, sondern auch deren Zulieferer. „Automobilzulieferer sehen sich der bislang größten Krise ihrer Geschichte gegenüber“, lautet denn auch das Fazit von Marcus Berret, Partner im Automotive Competence Center bei Roland Berger Strategy Consultants. „20 Zulieferer haben allein in Deutschland in den letzten drei Monaten die Waffen gestreckt. Mit deutlich mehr Insolvenzen ist zu rechnen, wenn die Produktionszahlen in der zweiten Jahreshälfte 2009 nicht wieder kräftig zulegen“, glaubt er.

Zurzeit sieht sich die globale Automobilindustrie demnach mit „drei weitreichenden Verwerfungen gleichzeitig“ konfrontiert. Bedingt durch die weltweite Rezession und das hieraus resultierende nachlassende Verbrauchervertrauen seien erstens die Absatzzahlen an den etablierten Märkten um 20 bis 30 Prozent eingebrochen, und selbst aus einigen BRIC-Ländern – das Akronym BRIC steht für die Staaten Brasilien, Russland, Indien und China – werden demnach zurückgehende Verkaufszahlen gemeldet. Zweitens würden wegen geltender Kohlendioxidbestimmungen und sich ändernder Präferenzen der Verbraucher deutlich mehr Klein- und Kompaktwagen zulasten größerer Fahrzeuge nachgefragt. Und drittens hätten die Firmen aus dem Automobilsektor derzeit massive Finanzierungsprobleme, die – weiß Rothschild-Geschäftsführer Thomas Kästele zu berichten – „Liquiditätsengpässe zur Folge haben und es ihnen erschweren, sich Finanzmittel für dringend notwendige Restrukturierungsmaßnahmen zu beschaffen“.

Der weltweite Autoabsatz ist laut Roland Berger Strategy Consultants und Rothschild im vergangenen Jahr um drei Prozent geschrumpft – vor allem wegen eines „desaströsen“ vierten Quartals. Während der Verkauf von Neuwagen in der NAFTA-Region um 16 Prozent und in Westeuropa um neun Prozent zurückgegangen sei, verzeichneten die Märkte in Russland und der Ukraine dabei noch Zuwächse von 16 Prozent. Doch inzwischen deute sich eine weitere Beschleunigung des Abwärtstrends an. „Frühestens 2012/2013 werden die Absatzzahlen an das gute Jahr 2007 anknüpfen können“, meint Felix Mogge, Project Manager bei Roland Berger. In die von mehreren europäischen Staaten aufgelegten Förderprogramme für die Autobranche setzt er indes nicht viele Hoffnungen. „Nachhaltige Auswirkungen aber werden diese Programme nicht haben“, ist Mogge überzeugt. „Im unteren Segment tätige OEMs mit Niedrigkostenstruktur dürften kurzfristig profitieren. Auf Anbieter aus dem Premiumsegment aber werden sich die Programme vermutlich kaum auswirken“, meint er.

Zu den Folgen der Krise wird zudem gezählt, dass sich die Zusammensetzung des globalen Autoabsatzes spürbar verändert. Während das Kleinwagensegment auch 2008 weiter wuchs (plus sechs Prozent), mussten Luxuskarossen (minus 19 Prozent) und SUVs (minus elf Prozent) kräftig Federn lassen, was unterm Strich erhebliche Folgen für die Marktanteile einzelner OEMs gehabt habe. „Nahezu alle Firmen mit starker Ausrichtung auf das Luxus- und SUV-Segment mussten Marktanteile abgeben. Einige stärker auf Kleinwagen fokussierte OEMs hingegen konnten ihren Absatz sogar steigern: Skoda und Suzuki beispielsweise um rund zehn Prozent“, ist in der Studie zu lesen. Alles andere als rund laufe es inzwischen weltweit auch für die Nutzfahrzeugsparte. Einst attraktive „Nischensegmente“ wie Lkw oder Baufahrzeuge stünden heute so stark unter Druck wie noch nie. „Wir verzeichnen Rückgänge von bis zu 80 Prozent. Von Neuaufträgen im ersten Quartal 2009 praktisch keine Spur“, erklärt Berret. Als Folge all dessen „müssen die Automobilzulieferer zusehen, wie sich ihre Finanzkennzahlen rapide verschlechtern“. Ihre Rentabilität soll weltweit auf eine Rohertragsmarge von nur noch drei Prozent abgeschmolzen sein, während für 2007 als Vergleich noch ein diesbezüglicher Wert von 5,4 Prozent genannt wird. „Für 2009 prognostizieren wir ein Allzeittief mit einer geschätzten EBIT-Marge um null Prozent“, lautet Berrets Prognose.

Anders als in früheren Abschwungphasen könnten die Zulieferer derzeit fehlenden Kapitalzufluss aus laufender Geschäftstätigkeit nicht durch frisches Kapital seitens der Eigentümer oder der Kapitalmärkte ausgleichen. Immer zurückhaltender zeigten sich zudem die Kreditversicherer, was die bis dato praktizierte Liquiditätssteuerung mittels Factoring praktisch unmöglich mache. „Viele Zulieferer wenden sich auf der Suche nach Liquidität deshalb bereits an ihre Kunden. Aber für alle ist nicht genug Bares da“, sagt Kästele. „Nur systemrelevante Zulieferer mit nachhaltigem Geschäftsmodell werden überleben“, ergänzt er. Die Krise werde unter den Zulieferern nur überstehen, wer sich auf zwei Dinge konzentriert: Auf das Sicherstellen kurzfristiger Liquidität und die Restrukturierung der Geschäftsabläufe, um die massiven Überkapazitäten am Markt abzubauen. „Krisen eröffnen denen Chancen, die stabil sind und seit Jahren gut wirtschaften“, so Berrets Einschätzung. Angesichts der hohen Zahl kleiner Anbieter in etlichen Segmenten der Zuliefererbranche und erheblicher Überkapazitäten ist Kästele überzeugt, dass „diese Krise historischen Ausmaßes“ für jene Zulieferer Chancen bereithält, welche die Konsolidierung und Restrukturierung ihrer Unternehmen und Märkte nicht nur mitmachen, sondern diesen Prozess aktiv vorantreiben.

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