Hippe will ganz nah an den Kunden

Nicht etwa, dass man ihn bedauern sollte, denn Dr. Alan Hippe hat eine blitzschnelle Karriere bereits hinter und weitere Höhen noch vor sich. Soeben erst ist er zum stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden des Conti-Konzerns bestimmt worden, doch die ihm ab 1. April dieses Jahres übertragene Führung der Pkw-Reifen-Division stellt eine echte Herausforderung dar, sofern man alles an Zahlen festmachen will. Und so ganz nebenbei führt Hippe auch bald noch die ContiTech, sodass man ihn als Chef der „Conti-Gummi AG“ bezeichnen könnte.

Die Pkw-Division – die Nutzfahrzeugreifensparte bleibt wie bisher unter der Führung von Dr. Hans-Joachim Nikolin – war bisher die Cashcow des Konzerns. Dabei liefen die Geschäfte besonders in Europa so geschmiert, dass die jahrelang angefallenen deutlichen Verluste in Nordamerika nahezu mühelos übernommen werden konnten, ohne dass das Gesamtergebnis hässliche Schrammen zeigte. Im Gegenteil, die Ebit-Margen dieser Division hätten die Wettbewerber gerne gehabt.

Doch damit könnte es bald vorbei sein, denn weltweit stehen einige Konjunkturzeichen eher auf Sturm. So gibt es in den USA für den gesamten Markt nur eine Richtung: zurück. Und auf den wesentlichen anderen westlichen Ländern mit ihren „reifen Märkten“ sieht es nicht viel besser aus. Wachstum ist nicht zu erwarten, vielmehr geht es darum, Positionen zu halten und dabei vor allem das Preisniveau unter dem zu erwartenden Druck nicht absinken zu lassen. Natürlich gibt es auch positive, hoffnungsvolle Aspekte. Auf den sich entwickelnden Märkten China, Indien, Brasilien, in ost- und mitteleuropäischen Staaten will Hippe mit seiner Mannschaft Kompensation und nach Möglichkeit mehr als das holen. Auch in einigen südeuropäischen Staaten sieht man sich noch unterrepräsentiert. Ein weiteres Beispiel dürfte die Oltas-Übernahme sein. Der türkische Reifenvermarkter verfügt über ein Franchisenetz, das Conti zur besseren Ausschöpfung des Marktpotenzials von nun an konsequent nutzen möchte. Dabei ist Oltas mit seinen knapp 70 Mitarbeitern und knapp 40 Millionen Euro Umsatz noch relativ klein, aber stellt offensichtlich eine Einheit dar, die nunmehr mit Contis Hilfe sprunghaft wachsen kann.

Nicht dass neue Besen allein gut kehren, Hippe hat eigene Vorstellungen und Ziele und er baut nun die Organisation nach seinen Vorstellungen um. Ziel ist es dabei, näher an den Kunden heranzukommen. Das Reifengeschäft lebt von Europa aus und zog bisher seine Stärken aus dem deutschsprachigen Bereich. In Europa hat er den bisherigen Chef der Erstausrüstung, Nikolai Setzer, zum Chef der Ersatzmärkte gemacht, während der bisherige Chef Ersatzmärkte, Karlheinz Evertz, nun wieder das Erstausrüstungsgeschäft anführt. Im Rahmen dieser Neubesetzungen hat Dr. Hartmut Wöhler, bis dahin Chef des gesamten Handelsbereichs und damit auch von Vergölst, den größten Sprung gemacht. Er leitet nun für ganz Europa den Bereich Marketing & Sales inklusive der Handelsaktivitäten. Mittels einer stärkeren Trennung von Verkauf einer- und Marketing andererseits soll eine bessere Marktdurchdringung erreicht werden, erklärt Dr. Hippe im Gespräch mit der Neue Reifenzeitung und ergänzt, dass die Handelsketten des Konzerns weiterhin als Profitcenter geführt bleiben.

Europa bleibt dabei in regionale Räume aufgeteilt (siehe Schaubild). Es gehört wenig Phantasie dazu, sich auszumalen, dass die Zeit von Wachstumsraten für den deutschsprachigen Bereich und einer Reihe anderer westeuropäischer Märkte zunächst mal der Vergangenheit angehört. Dafür wird sich die Division allerdings sowohl auf Südeuropa als auch auf Russland, Polen und Umgebung konzentrieren. Und die Chancen in diesen Regionen sind ja auch gar nicht schlecht. Insbesondere in Russland laufen die Geschäfte für Reifenhersteller herausragend, so auch für Continental. Der Hersteller will nun auf voller Breite angreifen und nicht allein auf High-Performance-Reifen, sondern auf ein nahezu komplettes Sortiment setzen. Das ist auch nötig, wenn man die Chancen mit russischen Partnern nutzen will. Zusätzlich hat sich Continental durch die Matador-Akquisition verstärkt, wobei man allerdings abzuwarten hat, welche Position die Marke Matador besetzen kann, insbesondere auf osteuropäischen Märkten. Mit Matador-Reifen in anspruchsvolleren Märkten reüssieren zu wollen, dürfte ohnehin sehr schwer sein, denn den Billigsektor beansprucht schon die Marke Barum.

Wie alle anderen Konkurrenten mit ihm leidet auch Hippe unter dem Internet. Es geht nicht um die Verkäufe oder um Stückzahlen, sondern um die Transparenz, die „das Netz“ liefert. Und diese Transparenz verhindert in vielen Fällen ansonsten nötige und mögliche Preisanhebungen. Ein Auge geworfen hat Hippe auch auf die so bezeichnete Controlled Distribution und auf den Konsolidierungstrend im Bereich der Großhändler. Dass Conti etwa interessiert sein könnte an Übernahmen von Reifenfachhandelsbetrieben sagt er nicht ausdrücklich, aber es geht ihm schon darum, „eine Balance“ zu finden zwischen den einzelnen Absatzkanälen. Dass dabei der unabhängige Reifenfachhandel die überragende Rolle spielt, versteht sich von selbst, von Bedeutung sind aber auch die eigenen Handelsketten, sind die Autohäuser und sind – last, but not least – auch die bedeutenden Großhändler, an denen kein Reifenhersteller mehr vorbeigehen kann und die ja auch wesentliche Handelsfunktionen übernommen haben und im Bereich Logistik nach wie vor effizienter und schneller arbeiten als es ein Reifenkonzern kann. Jedenfalls bisher noch.

Die Organisation hat eine Reihe von Aufgaben zu lösen, so zum Beispiel Erarbeitung und Durchsetzung eines europaweiten Preissystems so weit man es nicht bereits hat. Das Fußball-Sponsoring, insbesondere die gerade zu Ende gegangene Fußball-EM, sah Hippe als tolle Gelegenheit für die Marke. Die Positionierung der Marke Continental ist dabei in den letzten Jahren sehr spürbar verbessert worden. Natürlich ist die Bedeutung nach wie vor unterschiedlich in unterschiedlichen Märkten, aber mit Uniroyal ist eine starke zweite Marke vorhanden und Barum ist auch auf dem Weg, europaweit einen besseren Bekanntheitsgrad und ein besseres Image erlangen zu können. Wie andere Wettbewerber, so kann auch Continental nicht besonders gut mit Herstellung und Vermarktung von Private Brands verdienen und es wird daher ganz automatisch zu einer restriktiveren Handhabung kommen. Auf keinen Fall aber wird man weiter Private Brands, sondern – wenn überhaupt – House Brands vermarkten. Der Unterschied liegt darin, dass bei Private Brands die Markenrechte in der Regel beim Distributeur liegen, während die Markenrechte von House Brands dem Hersteller zuzurechnen sind.

Es verdient schon festgehalten zu werden, dass Hippe mit aller Kraft und großem Tempo auf eine Erneuerung der Produktpalette drängt. Dabei sieht er das Jahr 2009 „als Nafta-Jahr“. Bis dahin soll das Produktportfolio komplett ausgebaut sein. Das ist auch nötig, wenn der Hersteller nach einem gerade gelungenen Turnaround nach einer jahrelangen Ausblutung nicht gleich wieder in rote Zahlen rutschen soll. Auch wenn Sprit in den USA so teuer ist wie niemals zuvor, bleibt es doch dabei, dass die Vereinigten Staaten von Amerika ein großer und herausragender Markt für Offroad-Reifen noch auf viele Jahr hinaus bleiben werden, ganz gleich, welche Trends sich auch noch zeigen werden. Und mit Offroad-Reifen sieht sich Continental sowohl mit der Marke Continental als auch mit der Marke General gut aufgestellt. Die Positionen in Autohäusern sind ausgebaut worden, aber auch im Handel, insbesondere bei einigen großen Händlern, war Continental durchaus erfolgreich und ist auch wieder bei den Mass-Merchandisern vertreten und respektiert.

Auf das „Nafta-Jahr“ soll sodann 2010 das „Asien-Jahr“ folgen. Das sind nicht nur Worte, sondern Continental will für die Märkte dieser Welt die Reifen anbieten, die auch nachgefragt werden. Dabei sind die Ansprüche der Verbraucher sehr unterschiedlich. In vielen asiatischen Ländern geht es vorrangig um Laufleistung, in anderen Ländern steht Komfort an erster Stelle und für die unterschiedlichen Bedürfnisse muss es unterschiedliche Angebote geben. Deshalb haben Begriffe wie „Nafta-Jahr“ und „Asien-Jahr“ auch eine Berechtigung.

Sein Unternehmen, führt Alan Hippe im Gespräch aus, wird weiter sehr stark auf Innovationen setzen, dabei geht es um Begriffe wie Nachhaltigkeit, Rollwiderstand, Umwelt, „intelligente“ Reifen, um nur einige zu benennen. Es geht darum, weniger Rohstoffe zu verbrauchen, völlig neue Mischungen zu finden, neuartige Polymere zu verwenden und andere Möglichkeiten der Vulkanisation zu finden. Da ist einiges in Bewegung geraten, und dem Continental-Konzern ist heutzutage durchaus eine Führungsrolle zuzutrauen bzw. eine Position in der absoluten Weltspitze. Man deutet an, über Reifenmaterialien aus Biomasse verfügen zu können oder zu wollen. Und dieser ganze Forschungs- und Entwicklungseinsatz hat den einen und einzigen Zweck, einen weitaus umweltfreundlicheren Reifen herstellen zu können, einen Reifen mit deutlich gesenktem Rollwiderstand, der mehr Rücksicht auf die Umwelt mittels einzusparender Emissionen nimmt und zu geringerem Benzinverbrauch führen wird.

Bei allem aber, so Alan Hippe, wird Continental immer seinem Anspruch als „Sicherheitskonzern“ gerecht werden. Es kann keinen Fortschritt zu Lasten der Sicherheit geben.

Hippe hat sich an die Spitze des Reifenbereichs stellen lassen zu einem Zeitpunkt, zu dem Erfolge nur sehr schwer zu feiern sein werden. Zu scharf ist der Gegenwind von gleich mehreren großen Märkten. Aus Amerika ist keine schnelle Besserung zu erwarten, auch in Asien hat sich einiges – zurückhaltend formuliert – normalisiert und selbst im durch Wachstum verwöhnten China wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Es wird darum gehen, „die Balance“ auch auf diesem Gebiet halten zu können. Stückzahlen kann man erzwingen, wenn man den Preis nicht festhalten muss. Es ist eine platte Weisheit: Beides wird gebraucht. Der Preisverfall ist zu vermeiden und dennoch sollen die Stückzahlen wenigstens gehalten werden. Wenn dann noch Regionen, in denen Continental mit dem Reifengeschäft nicht ganz so erfolgreich war bisher, gewonnen werden, könnte es klappen. Sorge macht allerdings der deutsche Markt im Allgemeinen, weil viele Händler geradezu mutlos und dadurch in ihren Dispositionen sehr zurückhaltend geblieben sind bisher.

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