Produktionsstandort Deutschland wichtig für Pirelli

Der italienische Reifenhersteller Pirelli sieht trotz hoher Lohnkosten Chancen am Produktionsstandort Deutschland. Das Unternehmen kündigte sogar eine Steigerung der Produktion an. „Wir produzieren dort, weil wir dort nahe am anspruchsvollsten Kunden der Welt, der deutschen Autoindustrie, sind. Das stimuliert unsere Forschung und Entwicklung enorm”, sagte Francesco Gori, Chef der Reifensparte des Konzerns, so die Financial Times Deutschland (FTD) heute.

Hintergrund: Pirellis deutscher Konkurrent Continental verlagert derzeit einen Teil seiner Produktion aus Deutschland nach Osteuropa und steht wegen der angekündigten Schließung der Pkw-Reifenproduktion im Stammwerk Hannover-Stöcken massiv in der Kritik. Pirelli kündigte dagegen eine Steigerung der Produktion an: „Deutschland ist unser wichtigster europäischer Markt. Ende dieses Jahres erreicht Pirelli im Werk Breuberg zum ersten Mal eine Produktion von zehn Millionen Reifen. Mit dieser Zahl sind wir die Fabrik mit der größten produzierten Stückzahl in Deutschland“, zitiert FTD Gori.

Pirelli beschäftigt in Deutschland 3.000 Angestellte. Im vorigen Jahr hat der Konzern die Verkäufe in Deutschland auf 730 Mio. Euro von 643 Mio. Euro im Vorjahr gesteigert. „Wir erwarten dort für 2005 einen ähnlichen Trend“, sagte Gori. Die Reifensparte des Traditionskonzerns trug in den ersten neun Monaten 2005 rund 80 Prozent zum Gesamtumsatz von 3,32 Mrd. Euro bei.

Continental-Chef Manfred Wennemer hatte kürzlich über die deutschen Lohnkosten von 30 Prozent der Fertigungskosten geklagt, die nicht wettbewerbsfähig seien. „Die Lohnkosten sind im Fall von Pirelli sicher unter diesem Wert. Aber auch für uns ist das ein sehr wichtiges Thema in Europa, nicht nur in Deutschland. Wir sind dazu verurteilt, technologisch immer ausgefeiltere Produkte mit immer mehr Mehrwert herzustellen“, so Gori. Pirelli konzentriert sich auf teure Reifen, produziert in Europa ebenso wie in Südamerika und China.

Heute entfallen etwa 70 Prozent der Produktion auf Hochleistungsreifen, vor zehn Jahren waren es 50 Prozent, heißt es in der Financial Times. Die Konzentration auf dieses margenträchtige Geschäft mache Pirelli unabhängiger von steigenden Energie- und Rohstoffpreisen, die das Unternehmen an die Kunden weitergibt. So ist in den ersten neun Monaten dieses Jahres der Umsatz um 9,8 Prozent gewachsen. Die gestiegene Zahl verkaufter Reifen trug allerdings nur zwei Prozentpunkte dazu bei; 5,2 Prozentpunkte des Umsatzplus entfielen auf den Verkauf teurerer Typen und höhere Preise.

„Grundsätzlich ist die Strategie gut. Ich halte sie aber trotzdem für gefährlich“, gibt Rolf Woller, Analyst bei der HVB, in dem Beitrag zu bedenken. „Continental zum Beispiel hat bei in Tschechien produzierten High-End-Reifen immer 25 Prozent weniger Lohnkosten als Pirelli in Deutschland.“ Der Wettbewerber könne es sich daher erlauben, hochwertige Reifen zu deutlich niedrigeren Preisen anzubieten als Pirelli, sagte er.

„Der Markt der Hochleistungsreifen wächst zweistellig pro Jahr, während der gesamte Reifenmarkt sicher unter zehn Prozent jährlich wächst“, sagte Gori. Pirelli liegt weltweit mit einem Marktanteil von 4,5 Prozent hinter den Konkurrenten Bridgestone, Michelin, Goodyear und Continental. „Im Hochleistungsbereich erreichen wir einen Anteil von zwölf Prozent“, so Gori.

Andere Hersteller wie Continental treiben derweil den Umbau zum Zulieferer für Elektronik voran. Ob dies auch für Pirelli vorstellbar sei, fragt FTD den Pirelli-Reifenchef: „Nein, Reifen sind unser industrielles Kerngeschäft. Wir glauben an ein organisches, von Technologie und der Bekanntheit der Marke getriebenes Wachstum.“ Elektronik sei auch für Pirelli ein Thema, etwa bei Sensoren im Reifen. „Aber es ist sicher nicht nötig, dafür einen Elektronikzulieferer zu kaufen.“

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