Kein „heißer Herbst“ – Dafür „warmer Regen im Frühling“

Nun ist es auch offiziell: 59 Jahre nach der Gründung durch Richard Seher, den Vater des derzeitigen Gesellschafters und Geschäftsführers Peter Seher, hat das mittelständische Reifenhandelsunternehmen seine Unabhängigkeit verloren. Peter Seher sah offenbar keinen anderen Ausweg mehr und hat das Handelshaus an Bridgestone verkauft und die Immobilien langfristig verpachtet. First Stop bringt damit weitere 17 Niederlassungen mit einem Umsatz von mehr als 25 Millionen Euro auf die Waagschale. Eine Krise gebe es nicht, alles sei positiv und im Übrigen sei die Sicherheit der Arbeitsplätze für ihn das oberste Gebot gewesen, lässt sich der Freitag als BRV-Präsident abtretende Peter Seher offiziell zitieren. Noch bis gestern, nachdem der erste Bericht in NRZ Online erschien, waren Führungskräfte und Belegschaft völlig ahnungslos gewesen.

Die auf der Webpage unter www.seher.com vorgestellte Wortspielerei „Wir reifen für Sie“ erwies sich als Worthülse und Wortspielerei. Seher, der gerne auch außerhalb seines direkten geschäftlichen Umfeldes um Anerkennung warb, hatte bei Gegenwind schon früh die Nerven verloren und profilierte sich nach dem Geschmack vieler Berufskollegen viel zu früh als Billighändler. In Radio-Werbespots hieß es: „Wir sind immer die Billigsten!“

Gleichzeitig meinte Peter Seher jedoch, als Präsident des BRV die Geschäftspolitik der Firma Michelin im Allgemeinen und die der Firma Euromaster im Besonderen geißeln zu müssen, unterstellte diesen Unternehmen, den freien Handel an die Wand drücken zu wollen und kündigte lautstark „einen heißen Herbst“ an. Was Conti-Urgestein Jescow von Puttkamer zur sofortigen Feststellung trieb, auch der Herbst habe seine schönen Tage. Von Puttkamer wird wohl schon mehr gewusst haben. So geschehen anlässlich seiner Rede zur Jahreshauptversammlung 2003 in Rottach-Egern. Einmal in Fahrt legte Seher nach, beschuldigte die Reifenindustrie, sich „von Firmenegoismen leiten zu lassen und darüber das Ganze zu vergessen“ und stellte last, but not least fest, dass „die Reifenindustrie nicht über den Zweijahrestellerrand angeblichen Strategiedenkens schauen“ könne. Auch das war nur Wortgeklingel, denn mit dieser Attacke hatte er nicht nur dem Reifenfachhandel, sondern mehr noch sich selbst geschadet, denn trotz seines selbstbewussten Auftretens war dem Markt nicht verborgen geblieben, dass sich Reifen-Seher in eine Krise manövriert hatte. Seher musste bei Lieferanten vorstellig werden, um Zahlungsaufschübe und sonstige Überbrückungshilfen bitten und seine Geschäftsbücher offen legen und zwar insbesondere den Reifenherstellern – in alphabetischer Reihenfolge – Bridgestone, Continental, Dunlop, Michelin und Pirelli.

Im Unternehmen, das weitgehend in eigenen Räumen seine Geschäfte betreibt, war eine ausreichende Substanz. Das Motto des Firmengründers und Schlossers Richard Seher war denkbar einfach gewesen: „An meinem Willen und Fleiß soll es nicht fehlen. Ich bin bereit, jede Chance, die sich mir bietet, wahrzunehmen.“ Richard Seher gehörten zu den Großen der Branche, zu den Pionieren. Er war stolz darauf, sich einen Immobilienbesitz erarbeitet zu haben und hinterließ seinem Erben damit ein großes Vermögen. Peter Sehers Credo ist da schon gestelzter: „Nicht der Chef ist der Arbeitgeber für seine Mitarbeiter, sondern die Kunden sind Arbeitgeber für den Chef und seine Leute.“ Mit anderen Worten: Mögen Peter Seher die Arbeitgeber abhanden gekommen sein, das vom Vater ererbte Immobilienvermögen hat sich dafür als umso werthaltiger erwiesen.

Die Helfer von einst allerdings zeigten sich erst mal überrascht und überrumpelt, das zeigte sich an ihren teils abfällig und hochgradig ärgerlich abgegebenen „Off the Record-Kommentaren“.

Zu welchen Konditionen Seher vom Bridgestone-Konzern übernommen wurde, ist bis heute nicht zu erfahren gewesen. Nun ja, nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird. Auch Peter Seher muss es natürlich erlaubt sein, über sein Unternehmen frei zu verfügen und wenn er zu wenig Vertrauen in seine unternehmerischen Talente setzte oder die Zukunft zu skeptisch beurteilt, muss man das akzeptieren.

Diese Zeitschrift war zwar seit gut zwei Jahren bezüglich der Firma Seher recht ordentlich „im Bilde“, hat aber nur zurückhaltend berichtet. Seher unterlief gleich zu Beginn der Restrukturierungsrunde ein großer taktischer Fehler, ließ er doch die Lieferanten wissen, das Unternehmen verkaufen zu wollen, sofern es ihm nicht glücken sollte, die Zahlen binnen der folgenden 24 Monate spürbar verbessern zu können. Damit zeigte er, dass die Luft „raus“ war, er jedweden unternehmerischen Biss schon vor Beginn der Schlacht verloren hatte. Das Ende war vorgezeichnet.

Diese Zeitschrift ist nach der BRV-Jahresversammlung in Rottach-Egern wegen ihrer kritischen und dennoch aus ihrer Sicht absolut fairen Berichterstattung heftig angegriffen worden. BRV-Präsident Hülzer sprach in großen und kleinen Kreisen von „unverschämten Angriffen gegen unseren BRV-Präsidenten“. Und der Redaktion dieser Zeitschrift teilte er bei Gelegenheit mit, „maßlos enttäuscht“ über diese Zeitschrift zu sein und sich eine Zusammenarbeit nicht wieder vorstellen zu können.

Eigentlich müssten einige Herren des Verbandes heute verschämt auf den Boden schauen. Wohlmeinende professionelle Berater hatten vor zwei Jahren bereits die Frage gestellt, ob sich der Firmenchef in dieser kritischen Phase mit dem Ehrenamt belasten kann und damit einen „Wink mit dem Zaunpfahl“ gegeben, der geflissentlich übersehen wurde, obwohl doch klar sein musste, dass der „heiße Herbst“ – sofern es eine Notwendigkeit dafür gäbe – so nicht stattfinden konnte. Da darf man sich nicht wundern, wenn von industrieller Seite jetzt bereits kolportiert wird, Seher sei nur deshalb nicht zurückgetreten, weil er davon ausgehen konnte, ihm als BRV-Präsident werde man eine großzügige Unterstützung nicht versagen.

Offenbar ist dem BRV auch das Geziere um das Präsidentenamt nicht peinlich. Mit salbungsvollen Worten war darauf hingewiesen worden, ein Reifenfachhändler könne sich in dieser wettbewerbsintensiven Phase ein Ehrenamt nicht leisten, sondern müsse alle Kraft zur Führung seines Betriebes aufwenden. Nun aber ist das Ehrenamt gleich so „klein“, dass der Geschäftsführer es in Personalunion gleich noch mit links erledigen soll. Wie passt das zusammen? Der Fall Seher deutet eher darauf hin, dass man sich ein Ehrenamt nur dann leisten kann, wenn man seinen Betrieb im Griff hat und unabhängig genug ist. Es gibt ja durchaus alte „Haudegen“, die nun in ihren Betrieben die Kinder mit den Führungsaufgaben betrauen und somit Zeit en masse hätten, der Branche, der sie viel verdanken, etwas zurückzugeben. Ein Verband kann naturgemäß viel besser mit einem Präsidenten an der Spitze leben, der Respekt und Anerkennung durch Leistung erworben hat, als mit einem Kandidaten, der sich zu profilieren gedenkt. Gerade in schwierigen Zeiten wird Führung zur Hauptsache. Was will der Verband mit einem Kapitän, der erst an Bord zu kommen gedenkt, sobald der Sturm vorüber ist?

Zunächst hat Bridgestone der Seher-Belegschaft erst einmal erklärt, wohin die Reise gehen wird. Für die meisten Mitarbeiter ist der Arbeitsplatz damit nur sicherer geworden.

Zum Schluss bleibt immer wieder dieselbe Frage: Warum schafft es ein Betrieb in vorliegender Größenordnung nicht, seine Unabhängigkeit erhalten zu können? Wenn man nur lange genug darum herumgeredet hat, kommt man doch an der Erkenntnis nicht vorbei: Es liegt am Management, es liegt an der Führung. Nur daran und in ausnahmslos allen Fällen. Besonders im Reifenfachhandel gibt es zahlreiche Beispiele exzellenter Führung und nicht ein Gegenbeispiel, dass ein Betrieb trotz dieser Führung in ernsteren Problemen wäre. Philosophische Erkenntnisse, nach welchen der Kunde Chef und Arbeitgeber zugleich sei, sind ganz nette Wortspielereien, die dennoch nicht die Frage beantworten, wie First Stop nun zu mehr „Arbeitgebern“ kommen will, als es Seher möglich war.

Das ist seit Jahrzehnten stets gleich geblieben:

Der Wettbewerb ist hart, mörderisch, erbarmungslos, Märkte sind überreif, gesättigt, übersättigt. Die Margen sind zu knapp, die Kosten zu hoch, die Nebenkosten mörderisch. Der von den neuen Vertriebswegen ausgelöste Druck ist atemberaubend. Die Einkaufspreise sind immer zu hoch, die Verkaufspreise immer zu niedrig, die Verbraucher zu aufgeklärt, die Serviceerwartung von Verbrauchern überzogen. Man hat Ärger mit eigenen, zu oft kranken Leuten. Es ist alles schrecklich. Lohnt es sich denn eigentlich noch für einen Könner, in diesem Markt zu bleiben?

Und ob! Nur solche Könner, nur solche Führungsfiguren finden in diesem rauen Markt ein tolles Betätigungsfeld. Sie werden gebraucht, weil die Aufgabe so schwer ist wie beschrieben, weil sie Fähigkeiten wie Leistungswillen, Fleiß, Beharrlichkeit, Drang zu Aktivität, Mut und Fantasie zu Kreativität und Innovation als selbstverständlich voraussetzt. Und wo diese Fähigkeiten vorhanden sind, lässt sich der Erfolg nieder. Jammern und Fingerzeige auf angeblich Schuldige ist kompletter Unfug. Es gilt auch heute noch, was Richard Seher als Erfolgsvoraussetzung sah: „An meinem Willen und Fleiß soll es nicht fehlen. Ich bin bereit, jede Chance, die sich mir bietet, zu nutzen.“ Wer so weit ist, befindet sich auf der Straße des Erfolgs.

Wäre es anders, könnte jeder Depp rauschende Erfolge feiern. Wer „einfachere Branchen“ sucht, läuft Gefahr, eine von Narren, Toren und Deppen dominierte Branche zu finden. Wer darin konkurrieren will, hat sich in eine recht ungünstige Position laviert.
klaus.haddenbrock@reifenpresse.de

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