VDA-Präsident: Modelloffensive wirkt stabilisierend

Frankfurt am Main, 30. Januar 2003. Die deutsche Automobilindustrie will auch im laufenden Jahr erneut die 5-Millionen-Marke bei der inländischen Produktion erreichen. “Ein stabiler Inlandsabsatz und ein anhaltend hoher Export werden dazu beitragen, dass sich diese Branche ein weiteres Mal als ‚Fels in der Brandung’ bewährt”, betonte Prof. Dr. Bernd Gottschalk, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), am Donnerstag in Frankfurt auf der VDA-Jahrespressekonferenz. Aber zweifellos werde das Autojahr 2003 ein “Jahr besonderer Herausforderungen”. Von der Politik forderte er, die Weichen rasch in Richtung auf mutige Reformen zu stellen, damit sich die “psychologische Sperre” der Kaufzurückhaltung bald löse. ”Wir befinden uns in einer Zeit großer Verunsicherung, die geprägt ist durch gestiegene Rohölpreise, geringeres Wirtschaftswachstum, weitere drohende Steuererhöhungen, die Reaktionen an den Börsen und einen möglichen Irak-Konflikt”, sagte der VDA-Präsident. All dies wirke sich belastend für die Stimmung und Kaufneigung aus. Investoren und Konsumenten reagierten mit Zurückhaltung – mit allen Konsequenzen für Wachstum und Beschäftigung. Dies sei auch für die Automobilindustrie ein schwieriges Umfeld. Aber Tatenlosigkeit oder nervöse Überreaktionen seien nicht die richtigen Antworten. Die Automobilindustrie wolle sich jedenfalls auch 2003 als “Schlüsselbranche mit Rückgrat” erweisen. Mit “Boom” oder “Krise” lasse sich die derzeitige Entwicklung auf dem Automobilmarkt nicht kennzeichnen. “Stabilität und Stetigkeit” mit einem Inlandsmarkt von erneut 3,25 Millionen neu zugelassenen Pkw und einer erfolgreichen Mobilisierung der Ausgleichskräfte im Export seien jetzt gefragt. Dazu werde der Start einer neuen Modelloffensive beitragen. Darüber hinaus werde – nach dem zweitbesten Exportergebnis im Jahr 2002 von 3,62 Millionen Pkw – die Branche in diesem Jahr erneut alles daran setzen, um die weiterhin schwache Inlandsnachfrage durch den Export auszugleichen: “Ein Exportvolumen von 3,55 Millionen Pkw ist aus heutiger Sicht durchaus erreichbar”, sagte er. Der Export konnte innerhalb der letzten fünf Jahre um 28 Prozent gesteigert werden. Hierin zeige sich die wahre Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Automobilindustrie, so Prof. Gottschalk. Im gleichen Zeitraum stieg die Auslandsfertigung deutscher Hersteller um 44 Prozent – ein Zeichen einer weltweit ausgewogenen Fertigungsstrategie. Prof. Gottschalk: “Jedes fünfte bei uns zugelassene deutsche Fahrzeug kommt bereits aus ausländischen Produktionsstätten. Das zeigt den zunehmenden Grad der Verflechtung, kann aber durchaus als ‚Hallo-Wach’ für die Rahmenbedingungen am Standort Deutschland verstanden werden.” Mit weltweit 12,7 Millionen produzierter Pkw und Light Vehicles erreichte die deutsche Automobilindustrie einen Anteil an der Weltproduktion von 22 Prozent. Das Umsatzergebnis der deutschen Automobilindustrie konnte mit 202 Milliarden Euro ebenfalls nahezu wieder erreicht werden, trotz eines erneut rückläufigen Inlandsabsatzes bei Pkw und eines Rückgangs bei den Nutzfahrzeugen. Der Trend zum qualitativen Wachstum sei ungebrochen, betonte der VDA-Präsident. Das zeige sich auch im Wert pro Fahrzeug, der um 5 Prozent gestiegen sei. Dabei sei die deutsche Position in der weiter wachsenden Premium-Klasse besonders zukunftsträchtig. Die Bedeutung der Branche für die Gesamtwirtschaft werde auch daran deutlich, dass von ihr 18 Prozent aller Industrieumsätze erzielt werden. 11,7 Milliarden Euro Investitionen in Deutschland und die zuletzt getroffenen Standortentscheidungen, insbesondere in Ostdeutschland, bedeuteten “Leuchttürme der Zuversicht”; mit 14,3 Milliarden Euro FuE-Mitteln sei die Automobilindustrie zudem die forschungsintensivste Branche. 77 Milliarden Euro, die 2002 allein durch den automobilen Außenhandelsüberschuss erwirtschaftet wurden, zeigen, welch gesamtwirtschaftliches Schwergewicht die Automobilindustrie darstellt. In einer Zeit, in der die Arbeitslosenzahl in Deutschland auf 4,2 Millionen steige, sei Beschäftigungskontinuität in einer Schlüsselbranche ebenfalls von herausragendem sozialpolitischen Wert: Die Beschäftigung sei 2002 mit 764.000 Mitarbeitern im Inland nahezu konstant geblieben. Konzernweit haben die deutschen Automobilhersteller 2002 über 915.000 Menschen beschäftigt, davon 55 Prozent im Ausland. Inklusive Zulieferer im In- und Ausland sowie Service und Handel beschäftigt diese Schlüsselindustrie mehr als zwei Millionen Menschen. Angesichts dieser Fakten forderte Prof. Gottschalk das Ende einer “Nadelstich-Politik der Verteuerung” gegen diese Industrie. Prof. Gottschalk: “Die Fundamentaldaten des Marktes bieten 2003 trotz aller Unsicherheiten durchaus Potenzial. Die deutschen Hersteller haben das Autojahr 2003 keineswegs abgehakt.” So gebe es einen erheblichen Nachholbedarf aufgrund des gestiegenen Altersdurchschnitts im Fahrzeugbestand. 73 neue Modelle bringen allein die deutschen Hersteller in diesem Jahr auf den Markt. Das Preis-Leistungs-Verhältnis der Fahrzeuge sei so attraktiv wie selten zuvor. Die Unternehmen versuchten, mit Finanzierungshilfen und Verkaufsförderungen die Nachfrage zu stimulieren. Allerdings warnte Prof. Gottschalk vor der “süßen Droge Rabatte und Incentives”, die dauerhaft in hoher Dosierung verabreicht rasch zu “Schluckbeschwerden” führen könne. Diese positiven Faktoren würden derzeit jedoch noch überdeckt durch Steuer- und Abgabenerhöhungen, die wie “Wackersteine” auf der Stimmung im Markt lägen. Prof. Gottschalk forderte daher die Politik auf, mit dem sofortigen Verzicht auf die Dienstwagensteuer rasch ein deutliches Signal in den Markt zu geben, um die Kaufzurückhaltung aufzulösen: “Die Ampel muss wieder von Rot auf Grün springen!” Würde eine Erhöhung der Firmenwagensteuer Realität, müsste eher mit zusätzlichen Einbußen gerechnet werden. Prof. Gottschalk: “Viele Unternehmen und Kunden reagieren bereits, stornieren Aufträge oder reduzieren Motorleistung und Ausstattung. Betroffen sind alle Einkommensklassen, Handwerker wie Lieferanten.” Für sie alle sei dies eine Art Strafsteuer, die zudem höchst unsozial wirke. Insbesondere bei der geplanten Rückwirkung sei bei Wirksamwerden der kumulierten Nettobelastung für die Bürger im Aprilgehalt mit einem “deftigen Schlag ins Kontor” zu rechnen. Prof. Gottschalk: “Da bleibt dann netto nicht viel übrig. Deshalb sollte diese Steuer jetzt zurückgenommen werden – und nicht erst nach langwierigen Verhandlungen im Vermittlungsausschuss kippen.” Wer etwas für die Konjunktur und die Stimmung in diesem Lande tun wolle, der sollte hier rasch einen Schlussstrich ziehen, betonte er. Die Automobilindustrie sei zuversichtlich, dass die Firmenwagensteuer den Bundesrat nicht passiere, jedoch sei es für eine “Entwarnung” noch zu früh. Prof. Gottschalk plädierte überdies dafür, die steuerpolitischen Beschlüsse insgesamt in ihrer Wirkung auf den Automobilstandort zu überdenken, und statt dessen die Ausgabenseite und die Subventionen zu durchforsten “Was wir jetzt brauchen, ist eine konzertierte Aktion für Wachstum und Beschäftigung. Nur dann könnten Zuversicht und Vertrauen in den Märkten wieder wirksam werden.”

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