Pirelli hat sich in Deutschland gut behauptet

Die Reifensparte des Pirelli-Konzerns hat heimlich, still und leise wieder so etwas wie Auferstehung feiern können. Längst vergangen geglaubter Glanz ist zurückgekehrt. Es muss nicht mehr extra betont werden, dass Reifen weiter zum Kerngeschäft des Konzerns gehören. Und auch in Deutschland laufen die Geschäfte mit den Superbreiten für die italienische Firma gut, deren Verkaufs- und Marketingaktivitäten seit diesem Jahr nicht mehr aus dem betulichen Odenwald, sondern aus der Weltstadt München gesteuert werden. Der Pirelli-Konzern galt im Jahr 2000 – wie so manch anderer Zulieferer der Automobilindustrie – als ziemlich langweilig, bis er die Zukunft im Gefolge des Internet-Hypes entdeckt zu haben schien. Keine Presseaussendung und kein Auftritt nach außen mehr ohne @. Nicht mehr nur Pirelli, sondern @pirelli.com. Der perfekte und stets perfektionierte Auftritt zahlte sich für den sich als Dot.com-Firma profilierenden Konzern aus. Doch insgeheim hatte Konzernchef Marco Tronchetti Provera längst zu zwei phantastischen Deals ausgeholt: Im Mai 2001 verkaufte er die kleine Konzernfirma Optical Technologies mit 100 Mitarbeitern und einem Umsatz von gerade mal 25 Millionen US-Dollar Umsatz an die US-Gruppe Corning zum Preis von sage und schreibe 3,6 Milliarden Dollar, wovon dem Konzern nach Steuern eigenen Angaben zufolge 3 Milliarden US-Dollar zuflossen und mit dem sofort danach ausgeführten zweiten Schlag wurde die Sparte "Terrestrial Optical Networking Systems" an Cisco verkauft. Für diesen Geschäftsbereich, der zum Pirelli-Konzernumsatz nicht mal einen drei-stelligen Millionenumsatz beisteuerte, wurde ein Verkaufspreis von 2,15 Milliarden US-Dollar erzielt. Trotz dieser phantastischen Deals gab es Zweifler. Diese meinten, Pirelli verkaufe das Tafelsilber und damit die Zukunft. Für solche hatte Tronchetti nur Spott übrig: Mancher, der heute noch meine, auf einem Klumpen Gold im Garten zu sitzen, werde bald entdecken, dass er einen Zaun um wertlose Erde gezogen habe. Im Mai 2001 hatte die Börsenkapitalisierung einen Wert von 7,1 Milliarden Eu-ro erreicht. Exakt genau so viel brachten die beiden großen Konkurrenten Goodyear und Michelin auf die Waage. Aber nur beide zusammen! Seit Oktober 2001 ist eine Gemeinschaftsfirma von Pirelli (Anteil 60 Prozent) und Benetton (Anteil 40 Prozent) an einer Holding beteiligt, die den italienischen Telekommunikationskonzern TI/TIM kontrolliert. Die Börsenkapitalisierung ist zusammengefallen, so auch für alle Konkurrenten. Doch Pirelli hatte rechtzeitig Kasse gemacht. Der Börsenboom ist vorbei, die meisten Internet-Geschäfte sind wie Luftballons geplatzt. Niemand muss sich mehr schämen oder Minderwertigkeitsgefühle haben, der mit harter Arbeit Tag für Tag seinen Beitrag zu Umsatz und Ertrag beisteuert. Pirelli konnte den Boom gut für sich ausnutzen und ist dennoch bei seinen Wurzeln, Kabel und eben Reifen, geblieben. Der Nettoumsatz des Pirelli-Konzerns betrug im Vorjahr 7,5 Milliarden Euro, davon stammten rund 38 Prozent bzw. 2,83 Milliarden Euro aus dem Reifengeschäft weltweit. Und zum Operating Profit steuerten Reifen rund 172 Millionen Euro bei. Knapp 60 Prozent des Reifenumsatzes werden in Europa erlöst, in etwa 1,7 Milliar-den Euro, und davon steuert der deutsche Markt (Pirelli Reifenwerke plus Metzeler) 642 Millionen Euro bei, ist damit der nach Italien bedeutendste europäische Markt. Aus Deutschland konnte im letzten Jahr ein Nettogewinn im Reifengeschäft von rund 12,6 Millionen Euro gemeldet werden. Während, so war jedenfalls zu hören, die Kabelsparte derzeit gar nicht gut läuft und im Telekommunikationssektor weiter Schuldenberge abzubauen sind, macht den Italienern das Geschäft mit Reifen wiederum Spaß. Und das gilt auch für Deutschland. Wie Uberto Thun-Hohenstein (41), seit November letzten Jahres Geschäftsführer für die Bereiche Marketing und Vertrieb der Pirelli Reifenwerke, im Gespräch mit der Neue Reifenzeitung Anfang Dezember in München unterstrich, sei man mit dem Verlauf dieses Jahres durchaus zufrieden. Zwar habe man auf dem deutschen Markt keine Marktanteile hinzugewinnen können, was aber ohnehin keine oberste Priorität gehabt habe. Vielmehr sei es höchste Zeit gewesen, eine gewisse Preisstabilität zu erreichen. In der Vergangenheit habe es immer wieder mal Erosionen gegeben, ohne dass auf Anhieb die Gründe dafür klar geworden waren. Inzwischen hat Pirelli allerdings auch in Deutschland neue Marketingkonzepte weitgehend bereits umsetzen können. Eine Konsequenz bestand darin, auf Volumina zum Monatsende, die zwar zunächst stets gut aussehen, sich dann aber preiszerstörerisch auswirken können, zu verzichten. Thun-Hohenstein ist der erste italienische Vertriebschef für den deutschen Markt und unter seiner Führung ist sodann der Umzug der Vertriebs- und Verkaufsabteilung vom Odenwald in die bayerische Hauptstadt München erfolgt. Er löste Norbert Zumblick ab, der den Konzern später verließ. Über den Umzug ist viel spekuliert worden. So hieß es, die Italiener wollten die deutsche Führung näher an Mailand sehen, diese sollte schneller und besser erreichbar sein und, last but not least, ist auch darüber spekuliert worden, dass Pirelli mit Deutschland, Österreich und der Schweiz ein neues Verkaufsgebiet bilden würde wie Wettbewerber Michelin es bereits vormacht. Dass ein Italiener auf diese Position kam, geschah ganz sicher nicht zufällig. Thun-Hohenstein versteht Pirelli und er versteht die Denkweisen und Vorgaben aus Mailand. Er blickt nicht allein auf "seinen" – den deutschen – Markt, sondern er wird mehrfach monatlich mit den europäischen Vorgaben vertraut gemacht. Selbst wenn er in Deutschland Marktanteil verlöre (was kaum sein Ziel ist), europaweit die Ziele aber erreicht werden, ist das gemeinsame Ziel erreicht. Das Denken, wie es den früheren "Landesfürsten" nachgesagt wurde und sogar nicht nur verständlich, sondern selbstverständlich war, ist einer reinen Konzernbetrachtung gewichen. Der Pirelli-Reifenkonzern beliefert den ganzen europäischen Markt im Idealfall – bildlich gesprochen – aus einem einzigen Zentrallager heraus, das von einigen Außenlägern verstärkt wird. Der Computer weiß im Moment der Bestellung, wo die Ware liegt und alles geht schnell den notwendigen Gang. Noch vor wenigen Jahren hätte sich der Reifenfachhandel über eine solche Betrachtungsweise noch erregen, sich benachteiligt fühlen können, doch die Beobachtungen über Landesgrenzen hinweg sind auch in weiten Teilen des Handels längst bare Selbstverständlichkeit geworden, jedenfalls so weit es um "Euroland" geht. Bei aller Rücksichtnahme auf Konzernbelange muss Thun-Hohenstein dennoch nicht im Rückwärtsgang fahren. Im Winterreifengeschäft ist er bis einschließlich September gut im Rennen gewesen, allerdings scheint es derzeit so, als könnten die hervorragenden Vorjahreszahlen nicht ganz erreicht werden. Das reine Pkw-Reifengeschäft verdient ohnehin eine sehr differenzierte Betrachtung. Im Hochleistungsbereich ver-teidigt Pirelli die Stellung bzw. versteht es sogar, diese nochmals auszubauen und selbst im Geschäft mit den sehr profitablen SUV-Reifen (Offroad-Reifen etc.) kommt die Marke ausgezeichnet voran. Die Stellung im Autohaus-Geschäft konnte auch im laufenden Jahr weiter ausgebaut werden. Hierbei kommt Pirelli entgegen, dass die Autohäuser vorzugsweise Marken anbieten, die auch Erstausrüstungsfreigaben haben. So ist der Reifenhersteller zum Beispiel mit BMW überproportional gut im Geschäft. Weiter ein Vollsortimenter Pirelli will auch in Zukunft Nutzfahrzeugreifen vermarkten. Zwar könne man, so Thun-Hohenstein, zur Not in Deutschland auch ohne ein Angebot an Nutzfahrzeugreifen leben, aber in einigen südeuropäischen Ländern und ohnehin in Italien sowie in Lateinamerika sei Pirelli auch als Anbieter von Nutzfahrzeugreifen sehr gut im Geschäft. Dennoch: Pirelli hat dem Vernehmen nach den zwischen sechs und sieben Prozent liegenden Marktanteil im deutschen Ersatzgeschäft mit großen Lkw-Reifen halten können, obwohl die ersten Monate sehr schwierig waren und es eigentlich erst seit August dank Preiserhöhungen und inzwischen schon angekündigter weiterer Preiserhöhungen zu einer Entspannung gekommen ist. Momentan leidet der Hersteller sogar unter einer mangelhaften Verfügbarkeit. "Wir wollen" – sagte Uberto Thun-Hohenstein der Neue Reifenzeitung – "unsere Vorteile als Vollsortimenter nutzen, auch um Kunden weiter an uns binden zu können. Aber wir werden natürlich niemals die Lkw-Vermarktung so betreiben können wie Michelin es macht, das würde unseren Möglichkeiten nicht entsprechen und unseren Kunden auch keine Vorteile bringen." Momentan sind die meisten Reifenmanager dieses Konzerns ziemlich entspannt, weil trotz sicher nicht optimaler Begleitumstände die Zahlen im Großen und Ganzen stimmen. Ob allerdings von München aus irgendwann einmal auch der österreichische und der schweizerische Markt gesteuert werden, kann nicht, jedenfalls noch nicht, beantwortet werden, denn dazu ist noch keine Konzernentscheidung getroffen worden. Doch der Umzug nach München hat sich auch so als richtig erwiesen. Thun-Hohenstein äußert großen Respekt vor den Menschen im Odenwald, aber es sei doch in einer Großstadt wie München viel einfacher, neueste Trends recht frühzeitig aufspüren zu können, während man sich im Odenwald immer nur mit Pirelli beschäftige und sich zwangsläufig immer mit Pirelli beschäftigen müsse. Und im übrigen sind ja auch "nur" die Verkauf- und Marketingabteilung sowie die Presse- und Kommunikationsabteilungen betroffen, alle anderen Abteilungen bleiben in Breuberg. klaus.haddenbrock@reifenpresse.de

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