Runde zwei: Evans contra Gibara

Der Aufsichtsrat der Goodyear hat seinem CEO Sam Gibara (63) einen Bonus in Höhe von 1,25 Millionen US-Dollar für die Erreichung „der cash flow and earning targets in 2001“ gewährt. Gibara wiederum hielt diesen Bonus angesichts der mäßigen Performance des Konzerns im letzten Jahr für zu hoch und bat seinerseits den Aufsichtsrat, diesen Betrag auf 930.000 US-Dollar zu reduzieren und zudem erst am Tage seiner Pensionierung auszuzahlen. Wenn dies aus Sicht von Gibara ein angemessener Schritt sein sollte, auf die derzeitigen Schwierigkeiten im Konzern richtig zu reagieren, so werde dies nach Evans Ansicht nicht von allen geteilt. Insbesondere aus Kreisen der Aktionäre und von den Stammtischen um das Hauptquartier des Konzerns herum in Akron höre man nur, so Evans, dass Gibara angesichts der schlechten Verfassung und der schlechten Ergebnisse überhaupt keinen Bonus bekommen sollte; schließlich habe Goodyear nach zehn Jahren und nach ohnehin schon schlechten Jahren der jüngsten Vergangenheit für das Jahr 2001 einen Verlust von mehr als 200 Millionen US-Dollar ausweisen müssen. Evans nimmt Gibaras Erklärungen für diese Verluste heftig aufs Korn, hält sie für nicht durchgreifend und verweist darauf, dass Konkurrent Michelin trotz eines wirtschaftlich schwachen Umfelds ein ausgezeichnetes Ergebnis erwirtschaften konnte. Und Bridgestone habe wegen des Firestone-Reifenrückrufs in den USA einen Verlust von 1,5 Milliarden US-Dollar in den USA erlitten und der Konzern sei dennoch in der Lage gewesen, einen Gewinn von 130 Millionen US-Dollar ausweisen zu können. Evans erinnert daran, dass 10.000 Menschen im letzten Jahr, überwiegend in Europa, von Goodyear die Kündigung erhalten hätten und auch für 2002 bereits eine Reduzierung der Belegschaft um weitere 3.500 Menschen annonciert sei. Auch die Goodyear-Aktionäre hätten zu leiden. Erstmals seit zehn Jahren habe Goodyear im Oktober eine Dividendenkürzung vorgenommen von 30 Cent (die unverändert seit vier Jahren gezahlt worden seien) zu 12 Cent und sie erinnert daran, dass viele Goodyear-Pensionäre nicht zuletzt von den Dividendenzahlungen jedenfalls teilweise abhingen. So weit es um den Konzern allein geht, hat Evans nur Gutes zu berichten. Dieser sei für die Stadt und die weitere Umgebung wichtig, habe seine Verpflichtungen auch stets in hohem Maße erfüllt. Evans: „Dies ist ein Global Player, den unsere Väter und Großväter, inklusive meiner eigenen, aufgebaut haben. Wir wollen alle sehen, dass es Goodyear gut geht und das Schlimmste nun vorbei ist. Wir glauben an Goodyear, aber Goodyear braucht eine großartige Führungsmannschaft, die alle gleichermaßen teilhaben lässt, die Angestellten, die Aktionäre, die Lieferanten, Händler und alle anderen Kunden.“ Evans führt weiter aus, sie sei nicht gegen Bonuszahlungen per se, aber Bonuszahlungen könne es nur in einer so bezeichneten „win-win-situation“ geben. Es könne nicht sein, dass nur wenige oder einer profitieren würden. Diese Einstellung von Evans scheint, es soll mal so ausgedrückt werden, sehr europäisch und nicht zwingend sehr amerikanisch zu sein. (Doch auch in Deutschland, wo nicht die „freie“ Marktwirtschaft, sondern die soziale Marktwirtschaft gepflegt werden sollte, entfernt man sich von diesen Gedanken unter dem Deckmantel der Globalisierung immer mehr). Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass die Stimmung – nicht allein in Akron, sondern auch in anderen Teilen der Welt innerhalb des Konzerns – mit absoluter Sicherheit nicht ungetrübt ist. Glaubt man denen, die es wissen müssten, dann findet hinter den Kulissen ein Machtkampf zwischen Gibara und seinem Stellvertreter Keegan statt, der vom Aufsichtsrat im Oktober 2000 mit dem Versprechen geholt wurde, eine Millionenabfindung zu bekommen, wenn er nicht nach Gibaras Ausscheiden CEO werden würde und der zum Einstieg gleich 50.000 Goodyear-Aktien zum Stückpreis von einem Dollar erhielt. Das Management ist weiter sehr zurückhaltend, jedenfalls so lange sich nicht sicher einschätzen lässt, welcher der „Big Shots“ letztlich gewinnt. Es gibt jedoch ernst zu nehmende Stimmen, die meinen, letztlich habe Gibara bereits wieder die Oberhand gewonnen, was auch nach Kenntnis dieser Zeitschrift mindestens von einem Großkunden aus der US-Automobilindustrie so eingeschätzt wird. Zunächst war Keegan durchaus mit offenen Armen empfangen worden, nachdem sichtbar geworden war, dass viele Dinge zu ändern waren, wenn Goodyear wieder auf den Erfolgspfad zurückgeführt werden sollte. Dann aber dauerte es einfach nach Meinung vieler Manager zu lange, bis es zu Entscheidungen kam. Heftig umstritten auf der mittleren Führungsebene ist Keegan aber inzwischen vor allem deshalb, weil er dem durchaus erprobten Middle-Management keine Chancen gibt, sondern den Marketingbereich mit Managern aus der Waschmittel- und Food-Branche durchsetzt und das nicht allein in den USA, sondern zunehmend weltweit. Dabei ist man intern wohl nicht dagegen gewesen, auch Leute aus anderen Branchen zu holen, die neue Impulse verleihen könnten, doch es bestand keine Notwendigkeit, so jedenfalls die Meinung vieler Manager, die sich allerdings nicht öffentlich zitieren lassen möchten, alle gleich in Führungspositionen zu katapultieren und den guten Stamm zu brüskieren. Inzwischen besteht im Konzern die Gefahr, dass sich die eben Vierzigjährigen nach anderen Möglichkeiten umsehen, das Unternehmen verlassen zu können. „Die Entscheidung darüber, ob eine“ – wie es ein Goodyear-Manager gegenüber dieser Zeitschrift formulierte – „Reifenfirma wie eine Schokoladenfabrik gemanagt werden kann, steht noch aus. Der Candy-man can, nur was er kann, muss er noch zeigen.“

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