Weiter geht es – Firmennachfolge will geplant sein

Jährlich müssen in Deutschland laut Auskunft des Institutes der deutschen Wirtschaft 30.000 mittelständische Unternehmen aus Alters- oder Krankheitsgründen übergeben werden. Auch im Reifenfachhandel. Viele Seniorchefs tun sich schwer mit der Suche nach einem passenden Nachfolger. Gut ist aber der beraten, der sich frühzeitig darüber Gedanken macht, egal, ob der Generationswechsel innerhalb der Familie passiert oder ob das Unternehmen verkauft wird: „Denn eine schlecht vorbereitete Führungsübergabe gefährdet den Fortbestand des Unternehmens“, weiß Nils Koerber von der Unternehmensberatung Kern – Die Nachfolgespezialisten, und er ergänzt: „Eine gründliche Vorbereitung zahlt sich hingegen oft in der Höhe des zu realisierenden Preises aus. An der Nachfolge hängt ja auch oft die Alterssicherung des Inhabers.“

Am Ende des Berufslebens steht für viele Firmeninhaber ein komplexer, bisweilen auch schmerzhafter Prozess. Denn nicht nur die tägliche Arbeit fällt weg, sondern auch das Lebenswerk wird in fremde Hände übergeben. Ein oft schwerer Schritt, der allzu oft auf die viel zu lange Bank geschoben wird. Nils Koerber weiß: „Manchmal sind die Menschen emotional einfach noch nicht soweit.“ Er mahnt aber: „Die demografische Entwicklung in Deutschland wird dazu führen, dass wir in wenigen Jahren einen massiven Mangel an geeigneten Führungskräften haben werden, die als Käufer eines mittelständischen Unternehmens infrage kommen.“ Koerber bezieht sich auf Zahlen der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young, nach denen jedes vierte mittelständische Unternehmen in Deutschland innerhalb der nächsten zehn Jahre die Unternehmensführung neu regeln muss. Dies bestätigen auch die Zahlen der Förderbank KfW. Hier heißt es: Während 2002 erst zwölf Prozent der mittelständischen Unternehmer älter als 60 Jahre waren, sind es mittlerweile 22 Prozent. Und mit 14 Prozent gehörten auch deutlich mehr Unternehmenslenker zur Altersklasse der 55- bis 59-Jährigen als im Jahr 2002. Denn damals waren es lediglich acht Prozent. Und das Dilemma wird größer. Dr. Klaus-Heiner Röhl vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V. weiß: „Denn viele Unternehmer aus den geburtenstarken Jahrgängen Anfang der 1960er Jahre werden sich ab 2020 dem Ruhestandsalter nähern.“

Notfallkoffer_solo (002)

Viele Mittelständler verdrängen die Tatsache, dass die Vorbereitungsschritte zur Firmenübernahme Zeit kosten, egal ob nun das Unternehmen innerhalb der Familie weitergegeben wird, ein Mitarbeiter das Unternehmen übernimmt oder aber es extern verkauft wird. Es gibt kein perfektes Alter, um über Unternehmensnachfolge nachzudenken. Nils Koerber gibt allerdings zu bedenken: „Je älter der Seniorunternehmer, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer unorganisierten Notfallnachfolge aufgrund von Tod oder Krankheit.“ Nach Erfahrung des Unternehmensberaters dauert der Verkauf bei einem gesunden Unternehmen ein bis eineinhalb Jahre – vorausgesetzt, die Firma ist verkaufsfähig und wird zu einem realistischen Marktpreis angeboten. Zwei bis drei Jahre werden es, wenn erst noch strategische Probleme gelöst werden müssen.

Bei einem Generationswechsel in der Familie kann es sogar noch länger dauern. Nils Koerber: „Bei komplexen, innerfamiliären Prozessen sollte mit bis zu fünf Jahren gerechnet werden.“ Die Unternehmen sollten ja auch nicht in Zugzwang kommen, „sodass sie das erstbeste Angebot annehmen müssen“. Oft sei es für einen Käufer auch von Bedeutung, dass der bisherige Unternehmer oder Geschäftsführer noch ein bis zwei Jahre in einer Übergabephase mitarbeite, so Nils Koerber. Die demografische Entwicklung und der damit verbundene Mangel an Jungunternehmern mache die Nachfolgefrage für viele Betriebsinhaber schwierig. Nach Einschätzung von Dr. Klaus-Heiner Röhl stehen sich die Seniorchefs oft genug auch noch selber im Weg. „Rund 44 Prozent der übergabebereiten Firmenlenker fordern einen überhöhten Kaufpreis.“ Dies sei aus Sicht der Unternehmer zwar verständlich, „denn sie wollen ihr Lebenswerk gewürdigt wissen und versuchen darüber hinaus, durch den Verkauf eine möglichst gute Altersabsicherung zu erzielen“.

Für Kaufinteressenten zähle allerdings allein die Ertragskraft eines Unternehmens, und die ist laut Röhl nicht immer rosig: „Denn mit zunehmenden Alter des Seniorchefs werden häufig auch die Investitionen in das Familienunternehmen zurückgefahren. Dadurch ist die Ausstattung nicht mehr up to date, und neue Geschäftsfelder bleiben unerschlossen. Und mit dem Seniorunternehmer altert häufig auch der Kundenstamm und droht wegzubrechen.“ Damit es zu einer erfolgreichen Firmenübergabe kommen kann, sollten rechtzeitig Berater mit ins Boot genommen werden, raten Röhl und Koerber.

 

Drei Fragen an den Nachfolgespezialisten Niels Koerber

NRZ: Herr Koerber, wenn Inhaber mittelständischer Unternehmen ihre Nachfolge planen, müssen sie vieles bedenken. Was sind für Sie die besonders kritischen Punkte?

Niels Koerber: An erster Stelle steht häufig die emotionale Abgabebereitschaft. Wenn die nicht vorhanden ist, steht immer das Risiko des Scheiterns im Raum. Früher oder später. Und dann folgt auch schon die professionelle Vorbereitung des anstehenden Verkaufsprozesses. Was will ich ganz konkret verkaufen? Was könnte kritisch gesehen werden? Was ist ein realistischer Marktpreis und zugleich möglichst hoher Wert für den Übergeber? Beispiel: Pensionsverpflichtungen des Verkäufers will kein Käufer übernehmen. Also benötige ich Zeit und auch die passenden Mittel, um solche Stolpersteine aus der Bilanz zu entfernen. Oder das Risiko von steuerlichen Veranlagungen bei Gebäuden in Verbindung mit einer Firma muss im Vorfeld mit ausreichend Zeit beseitigt werden. Und gibt es im Idealfall eine zweite Führungsebene, die dem Käufer die Sicherheit gibt, dass nicht ad hoc das gesamte Know-how mit dem Tag der Übergabe und dem Austritt des Übergebers für das Unternehmen verloren ist?

NRZ: Was ist der richtige Zeitpunkt für eine Unternehmensnachfolge?

Niels Koerber: Den wird jeder Unternehmer für sich selbst finden müssen. Im Idealfall immer dann, wenn es dem Unternehmen und dem Unternehmer richtig gut geht. Sollten Person oder Firma „kränkeln“, wird sich das automatisch auf den Preis auswirken beziehungsweise den Übergeber selbst unter Druck setzen. Und bitte nicht zu lange warten, denn umfangreiche Analysen des DIHK haben ergeben, dass mit höherem Alter der Investitionsstau in einer Unternehmung proportional zum Alter zunimmt.

NRZ: Was sind die ersten Schritte, wenn die Entscheidung zur Übergabe des Unternehmens getroffen sind?

Niels Koerber: An erster Stelle steht in der Regel immer die Bewertungsfrage des Unternehmens. Was ist die Firma wert und zu welchem Preis will ich sie anbieten? Damit einhergehend gilt es dann auch Klarheit zu finden, was eigentlich alles zum Verkauf dazugehört oder gegebenenfalls vorab herausgenommen werden soll. Und dann folgt die Erstellung eines ausführlichen Verkaufsmemorandums für die möglichen Nachfolger bzw. Käufer. Eine solche Unterlage muss Appetit machen und eine erste umfassende Einschätzung der Unternehmung ermöglichen.

christine.schoenfeld@reifenpresse.de

 

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