„Wir sind bereits dabei“ – Pirelli wird aufgeteilt und neu integriert

Kaum hatten die meisten im Markt verstanden, dass der Pirelli-Konzern schon bald dem chinesischen Staatskonzern China National Chemical Corporation (kurz: ChemChina) gehören würde, da wurden erste Befürchtungen zum Thema Arbeitsplätze und Produktionsstätten in Europa laut. Diesen tritt Pirelli-Chairman und -CEO Marco Tronchetti Provera nun aber in einem Interview mit der Zeitung „WirtschaftsWoche“ deutlich entgegen – und skizziert erste konkrete Züge, wie es insbesondere mit der Industrial-Sparte bei Pirelli gehen soll.

Unter der Überschrift „Wir sind geschützt“ betont Tronchetti Provera, „die Standorte in Europa sind nicht betroffen, denn das Geschäft mit Pkw-Reifen ist nicht Teil der Vereinbarung“ mit ChemChina. Auch der neue chinesische Eigentümer von Pirelli betonte: „Es wird keine Entlassungen geben.“

Pirelli betreibt in Europa neun Reifenfabriken, eine davon im deutschen Breuberg, wo das Unternehmen mit über 2.200 Mitarbeitern Pkw- und Motorradreifen fertigt; lediglich in der Türkei werden auch Lkw-Reifen produziert. Ansonsten stehen entsprechende Fabriken in Ägypten, Brasilien und in China.

In Bezug auf Pkw-Reifen – so ist Tronchetti Provera bemüht zu betonen – habe ChemChina den Status eines Finanzinvestors, der sich in das operative und strategische Geschäft von Pirelli nicht einmischen will. Inwiefern eine solche Zurückhaltung von ChemChina realistisch ist, nachdem das Unternehmen über sieben Milliarden Euro für Pirelli bezahlen will, wird sich mit Sicherheit erst noch zeigen müssen. In Bezug auf das eigene Industriegeschäft – das sind vorwiegend Lkw- und Landwirtschaftsreifen – hat der Pirelli-Chef aber bereits ganz konkrete Vorstellungen, wie es unter ChemChina weitergehen soll.

Mit dem Abkommen, dass ChemChina und die von Marco Tronchetti Provera kontrollierte Camfin am 22. März unterzeichnet haben, wird klar: Die Pirelli & C. S.p.A. wird in Zukunft keine Lkw- und Landwirtschaftsreifen mehr unter dem eigenen Dach fertigen. Bereits seit Längerem gilt die Sparte als vergleichsweise margenschwach (die EBIT-Marge lag 2014 bei 12,6 Prozent, im Gesamtunternehmen lag sie indes bei 14,2 Prozent) und ist für die strategische Ausrichtung des italienschen Unternehmens als Premiumreifenhersteller und namhafter Erstausrüster von Premium- und Prestigefahrzeugen nicht zentral. Mit den Industrial-Reifen generierte Pirelli 2014 noch 1,4 Milliarden Euro Umsatz, was nur noch 23 Prozent vom Gesamtumsatz entspricht; die Umsatzanteile waren zuletzt deutlich rückläufig, lagen etwa 2007 bei über 30 Prozent.

Wie Tronchetti Provera jetzt gegenüber der Zeitung WirtschaftsWoche“ betont, sei man „bereits dabei“, Pirelli aufzusplitten, und zwar in ein Endkundengeschäft (Pkw- und Motorradreifen) und eine Industriesparte (Lkw- und Landwirtschaftsreifen). „Zum Jahresende werden wir alle unsere Geschäft mit ChemChina zusammenlegen“, so der Chairman und CEO gegenüber dem Blatt. Am 22. März hatten die beteiligten Unternehmen diese Veränderungen mit dem Begriff „Integration“ und „Industriepartnerschaft“ umschrieben. Deutlicher noch in dem veröffentlichten Abkommen: „Pirellis Industrial-Reifengeschäft wird reorganisiert durch die Integration mit bestimmten Anlagen von China National Tire & Rubber und von Fengshen Tires (‚Aeolus’).“ Dabei ist das erstgenannte Unternehmen (CNRC) die Muttergesellschaft des letztgenannten, die wiederum in vielen Märkten mit der Marke Aeolus stark vertreten ist.

Die beteiligten Unternehmen wollen demnach ihre Produktionsstätten auch unternehmensrechtlich miteinander verbinden und dadurch ihre Produktionskapazitäten zusammenfassen; Pirelli produziert gut 6,3 Millionen Reifen (2014) in der Sparte Industrial. Gemeinsam würden dann jährlich rund zwölf Millionen Reifen in dieser Sparte gefertigt werden. „Für uns ist das eine Chance, die Wettbewerbsfähigkeit des Industriegeschäfts von Pirelli zu steigern. Bisher was das unser schwacher Arm“, so Tronchetti Provera gegenüber der Zeitung „WirtschaftsWoche“ weiter. Durch den Zusammenschluss der Nutzfahrzeugreifensparten der beteiligten Unternehmen, betonte auch ChemChina-Chef Ren, werde der viert- oder fünftgrößte Nutzfahrzeugenhersteller der Welt entstehen.

Wer sich dann in Zukunft um den Vertrieb der Lkw-, Landwirtschafts- und OTR-Reifen der ‚frisch Vermählten’ kümmern soll – gerade in Europa –, ist öffentlich noch nicht kommuniziert worden. Da beide Parteien sich von der Übernahme aber auch eine langfristige Stärkung der jeweils eigenen Kerngeschäfte versprechen, scheint es nur angebracht anzunehmen, dass Pirelli über ChemChina noch stärker auf dem chinesischen Reifenmarkt Fuß fassen will und ChemChina für seine Tochtergesellschaften die Übernahme von Pirelli dazu nutzen will, um eigene Produkte in Europa, Lateinamerika und andernorts zu vermarkten; Pirelli kann dort jeweils über etablierte Vertriebsstrukturen verfügen, die ChemChina sicher zu nutzen weiß. arno.borchers@reifenpresse.de

 

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