Apollo Tyres übernimmt Cooper Tire & Rubber für 2,5 Milliarden Dollar

Apollo Tyres kauft Cooper. Nachdem im vergangenen Herbst bereits Gerüchte die Runde machten, der größte indische Reifenhersteller (1,82 Milliarden Euro Umsatz) würde den deutlich größeren US-amerikanischen Wettbewerber übernehmen, wird es nun amtlich. Wie Apollo Tyres nun mitteilt, haben sich die Vorstände der Unternehmen auf eine „definitive Fusionsübereinkunft“ beider Reifenhersteller verständigt. Demnach zahle Apollo den Cooper-Aktionären 35 US-Dollar pro Aktie, ein Preis, der 40 Prozent über dem Durchschnittskurs der vergangenen 30 Tage liege. Insgesamt, so Apollo Tyres weiter, werde die Übernahme rund 2,5 Milliarden Dollar (1,88 Milliarden Euro) kosten. Formal soll eine noch zu gründende 100-Prozent-Tochter von Apollo Tyres Ltd. die Cooper-Aktien übernehmen und das Unternehmen damit zu einem Privatunternehmen transformieren; Aktien des US-Reifenherstellers würden nach der Übernahme, die bis zum Ende dieses Jahres vollzogen werden soll – vorbehaltlich notwendiger Genehmigungen –, dann nicht mehr gehandelt. Durch die Übernahme würde der siebtgrößte Reifenhersteller der Welt entstehen mit einem kombinierten Umsatz (2012) in Höhe von 5,1 Milliarden Euro. Apollo und Cooper wären damit größer als Hankook (4,84 Milliarden Euro). Insbesondere, was Marken und Märkte betrifft, scheint die Übernahme geradezu ideal zu passen. Ob sich das fusionierte Unternehmen in Zukunft in Europa ohne strukturelle Brüche und organisatorisches Durcheinander (neu) positionieren kann, muss sich indes erst noch zeigen. Fragen jedenfalls bleiben.

Es ist insbesondere Europa, wo nach der Übernahme von Vredestein durch Apollo Tyres 2009, die bestehenden Organisationen mit einigen Umbrüchen leben lernen mussten. Offiziell betonten zwar alle Beteiligten immer wieder die große Harmonie, die zwischen Indern und Niederländern bzw. Europäern herrsche. Hinter vorgehaltener Hand war aber doch immer wieder ein Gemurre zu hören, das aufgrund der unterschiedlichen nun aufeinandertreffenden Kulturen entstand, von den ambitionierten und selbstbewusst vorgetragenen Zielen der Inder, auch in Europa ihre eigene Marke umfassend einzuführen, ganz zu schweigen. Doch der offensichtliche Erfolg gibt den Verantwortlichen bei Apollo Tyres Recht. Außerdem verklang das Gemurre zuletzt deutlich. Und dass es bei Übernahmen dieser Größenordnung ohne ‚Reibungsverluste’ abgeht, durfte eh nicht erwartet werden.

Nun steht der europäischen Apollo-Vredestein-Organisation eine weitere, viel größere Aufgabe ins Haus. Cooper betreibt in Europa zwei Reifenfabriken: eine in England (Melksham) und eine in Serbien (ehemals Trayal), Apollo Vredestein betreibt eine weitere Fabrik in Enschede in den Niederlanden. Weltweit sind es sogar zwölf Fabriken, die beide Unternehmen zusammen betreiben. Weitreichender indes als die industrielle Neutaktung der Reifenfabriken in Europa wird die zu erwartende Fusion der bestehenden Verkaufsorganisationen sowie die Positionierung der Marken Apollo, Vredestein, Cooper und Avon zueinander sein. Diesbezüglich hatte Apollo Vredestein seit 2009 genug zu tun und konnte immer erfolgreiche Ergebnisse vorweisen; die Umsätze stiegen deutlich und der Gewinnbeitrag der Europäer war stets überdurchschnittlich. Inwieweit das neue Unternehmen aber nun vier Marken zueinander positionieren wird, wird spannend zu verfolgen sein.

Global betrachtet, so betont auch Coopers Chairman, CEO und President, hätten beide Unternehmen „beinahe keine geografischen Überschneidungen“ und daher „beträchtliche Möglichkeiten für Wachstum“. Die Übernahme sei daher „eine zwingende Transaktion“, so Roy V. Armes weiter und sie sei „im besten Interesse der Cooper-Anteilseigner“. Es stimmt: Cooper Tire ist in Nordamerika und in China (durch die Übernahme von Shandong Chengshan Tire 2006) ein starker Marktteilnehmer, während Apollo Tyres größter indischer Hersteller ist und in Europa ebenfalls über eine gute Präsenz verfügt. Nennenswerte Teile des Afrika-Geschäftes hatte Apollo Tyres erst jüngst an Sumitomo Rubber Industries weiter verkauft, nachdem die Inder dort 2006 Dunlop Tyres International (wurde später umbenannt in Apollo Tyres South Africa) übernommen hatten, allerdings und offenbar ohne nachhaltige Perspektive und akzeptable Gewinnaussichten.

Während Cooper Tire und Vredestein in ihren jeweiligen Märkten als Ersatzmarktmarken positioniert sind, versucht Apollo Tyres über seine starke Verbindung zu indischen Erstausrüstern hinaus auch in der europäischen Erstausrüstung langsam Fuß zu fassen; Cooper wiederum ist in China in der Erstausrüstung präsent. Apollo Vredestein ist außerdem stark bei Landwirtschaftsreifen, während Apollo Tyres wiederum ein gut ausgebautes OTR-Reifensortiment hat; auch Motorrad- und Rennsportreifen gehören ins Sortiment von Cooper Avon (Europa). In Indien wie auch in China sind beide Unternehmen ebenfalls jeweils durchaus gut im Lkw-Reifengeschäft präsent, auch wenn man hier vielleicht nicht unbedingt von einer Stärke sprechen kann. In Indien etwa ist der Lkw-Reifenmarkt immer noch stark von seiner Radialisierung entfernt.

Den offenkundig größten Sprung macht Apollo Tyres durch die Übernahme aber auf den Märkten in Nordamerika. Trotz regelmäßiger Bekundungen, auch in Nordamerika Fuß zu fassen – mit den Marken Apollo wie mit Vredestein –, sind beide dort über ein Nischendasein kaum hinausgekommen. Dies sollte nun komplett anders werden. Die Inder steigen mit einem Schlag zu einem der größten Marktteilnehmer in Nordamerika auf, der dort auf Rang vier hinter Goodyear, Michelin und Bridgestone rangiert. Aber auch den Zugang zum chinesischen Reifenmarkt erlangt Apollo Tyres quasi über Nacht. In Nordamerika wie auch in China kann Cooper Tire & Rubber über bestehende Netzwerke verfügen, was den Marktzugang für Apollo Tyres dort sehr erleichtern sollte.

„Beträchtliche Möglichkeiten für Wachstum“ könnten sich demnach in Europa insbesondere im Nutzfahrzeugreifengeschäft ergeben, inwieweit diese Möglichkeiten aber genutzt werden sollen und können, bleibt abzuwarten. Zunächst sollte die organisatorische Integration und das Multi-Marken-Management im Vordergrund dessen stehen, worum sich die Verantwortlichen kümmern müssen. arno.borchers@reifenpresse.de

0 Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

An Diskussionen teilnehmen
Hinterlassen Sie uns einen Kommentar!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.