Ersatzgeschäft Lkw-Reifen: „Ungewöhnliche Marktverläufe“

Eine partielle Ratlosigkeit ist schon aus den Worten von Dr. Marko Multhaupt, Leiter Vertrieb und Marketing für Continental-Nutzfahrzeugreifen Ersatzgeschäft in der Region DACH (Deutschland, Österreich, Schweiz), herauszuhören, wenn er den Geschäftsverlauf des Jahres 2012 Revue passieren lässt. Er spricht in der Rückschau sogar über die 12-Monats-Frist hinaus von einer „Folge ungewöhnlicher Marktverläufe“. In 2012 habe sich „die Wahrnehmung des realen Güterverkehrsaufkommens auf deutschen Autobahnen“ lange nicht in den Absatzzahlen der Lkw-Reifenbranche widergespiegelt.

Multhaupt und sein Team lassen das Reifenjahr – jedenfalls hinsichtlich des von ihnen bearbeiteten Marktsegmentes – traditionell mit einem Pressegespräch in der Stadt des Konzernsitzes Hannover ausklingen, blicken zurück, analysieren, was ist gut, was weniger erfreulich gelaufen. Und ein klein wenig soll das Treffen mit Journalisten auch immer Mut machen, was der Markt so künftig bringen mag. Ein Jahresabschluss ist auch immer der Auftakt für einen Jahresbeginn, in diesem Falle garniert mit einer seit dem Herbst 2012 sich abzeichnenden Belebung des Geschäftes, nachdem es zuvor über weit mehr als ein Jahr lang Monat für Monat immer nur Minuszahlen gegeben hatte.

Wenn das Fehlen von Normalität zur Norm wird

Nach dem schweren wirtschaftlichen Einbruch, der 2009 in der Rückschau den Ausdruck „Krisenjahr“ beschert hat, war 2010 Warenknappheit ein großes Thema; 2011 schließlich war gekennzeichnet von förmlich explodierenden Rohstoffkosten. Die daraus unweigerlich abzuleitenden Preiserhöhungen Industrie an Handel (und dann auch Handel an Verbraucher) mögen weite Teile des (Groß-)Handels und auch eine Reihe von Transportunternehmen motiviert haben, sich schnell noch mit Lkw-Reifen einzudecken, bevor die nächste Preiserhöhungsrunde eingeläutet würde. Die Lagerhaltung im Handel hatte 2011 den tatsächlichen Bedarf des Marktes allzu deutlich überschritten.

Und so bot zwar das vergangene Jahr den klassischen Saisonverlauf „mit ausgeprägtem Frühjahr- und Herbstgeschäft, allerdings auf äußerst niedrigem Niveau“. Die Überbestände wurden im Jahre 2012 gewissermaßen erst einmal „abgefahren“. Das Volumen einzelner Monate lag daher teilweise bis zur Hälfte unter dem Niveau der Vergleichsmonate im Vorjahr, muss Multhaupt konstatieren. Nach Continental-Einschätzung (abgegeben Anfang Dezember) dürften die Neureifenmärkte am Ende des Jahres 2012 bei einem Marktindex in Deutschland bei 82, in der Schweiz leicht höher bei 83, in Österreich sogar nur bei 70 liegen.

Äußerst schwache Werte, obwohl der Blick auf die Transportleistungen ein völlig anderes Bild ergibt. Das Bundesamt für Güterverkehr (BAG) spricht für den gesamten Straßengüterverkehr bezogen auf das Jahr 2012 im Aufkommen von einem Minus von „nur“ 0,8 Prozent, demgegenüber verzeichnet die erbrachte Leistung ein Plus von 0,3 Prozent. Die Mautstatistik in Deutschland bestätigt im Übrigen dieses Bild. Trotz voller Straßen und stabiler Wirtschaftslage in der DACH-Region ist das Reifengeschäft im Vergleich dazu also überraschend rückläufig. Diesen Rückgang im Reifenersatzgeschäft plausibel zu erklären ist nicht einfach. Einige Aspekte, die – über die bereits genannte überzogene Bevorratung im Handel hinaus – in Summe das Paradox erklären mögen: Der milde Winter Ende 2011 hat weniger Ware abfließen lassen und damit die Bestände in den Lagern nicht wesentlich reduziert. Im Verlaufe von 2012 wurden diese Lagerbestände dann sukzessive schließlich doch abverkauft und reduzierten damit die Nachfrage bei den Reifenherstellern. Die Erstausrüstung konnte zumindest bis in den Herbst 2012 hinein deutliche Wachstumsraten verzeichnen, wodurch verstärkt Neureifen in den Markt rollten. Das Straßengüteraufkommen bei deutschen Lkw ist nach wie vor leicht rückläufig und wird kontinuierlich durch ausländische Lkw ersetzt, was den einheimischen Bedarf drückt.Und letztlich sinkt der Ersatzbedarf auch durch die höhere Leistungsfähigkeit (Haltbarkeit, noch bessere Karkassen) aller Premiumfabrikate und übrigens auch der Lernfähigkeit von Anbietern, denen es am Premiumstatus noch mangelt. Alle diese Faktoren zusammen lassen den reinen Verkauf von Lkw-Neureifen in Deutschland an den Handel in 2012 (1.240.000 Stück nach Stand Anfang Dezember) unter das Niveau des Jahres 2009 (1.320.000) fallen!

Dem schwachen Gesamtmarkt entsprechend lagen die Verkaufszahlen bis zum Herbst unter Vorjahresniveau. Erste Belebungen stellten sich im September im deutschen Lkw-Reifenersatzgeschäft und im Oktober im europäischen ein, als die Verkaufszahlen (Sell-in) verglichen zum entsprechenden Vorjahresmonat seit mehr als einem Jahr erstmals wieder ein Plus auswiesen und Hoffnung auf eine Trendwende keimen konnte. Die Nachfrage sei, so der Conti-Vertriebschef, allerdings so sprunghaft angestiegen, dass spontane Belieferungswünsche nicht kurzfristig erfüllt werden konnten. Den Schalter einfach umzustellen in den Reifenfabriken funktioniert halt nicht so ohne Weiteres, es bedarf – schon wegen erforderlicher Rohmaterialbestellungen – eines gewissen Vorlaufes von einigen Wochen bis zu Monaten.

Konzeptionell haben jedenfalls die etablierten Reifenhersteller das Jahr 2012 genutzt, um ihre Produkte anhand der EU-Labelkriterien zu bewerten. Neben dieser technischen Aufgabe hat Conti im Rahmen der jährlich durchgeführten Roadshow Aufklärungsarbeit zum EU-Label beim Handel und Verbraucher geleistet. Ferner, so Dr. Multhaupt: „Unser Geschäftsbereich Conti 360° Fleet Services entwickelt sich weiterhin sehr positiv. Neben der wirtschaftlich attraktiven Kombination aus „erstklassigen Produkten“ und „erstklassigem Service“ schätzen immer mehr Kunden den damit verbundenen „Komfort“. Der Transportunternehmer kann hierbei ein komplexes Aufgabenfeld im Flottengeschäft abgeben und sich auf seine Kernkompetenz der „Logistikdienstleistungen“ konzentrieren.“

Sicherlich auch durch den insgesamt verhaltenen Reifenmarkt in 2012 sind die Rohstoffkosten in der DACH-Region insgesamt in etwa stabil geblieben. Sinkenden Einkaufspreisen für Naturkautschuk standen steigende Kosten anderer Rohstoffklassen gegenüber. Insbesondere rohölbasierte Bestandteile sind deutlich teurer geworden – und letztlich hat der gegenüber dem Euro erstarkte Dollar besonders die börsennotierten Einkaufspositionen verteuert, sodass sich Preisverfall auf der einer Seite durch höhere Kosten auf anderen Gebieten in etwa ausgeglichen haben. Langfristig werde man sich aber auf weiter steigende Rohstoffkosten einstellen müssen mit der Konsequenz, so Multhaupt, dass es immer wichtiger werde, Reifen und Services in puncto Wirtschaftlichkeit zu optimieren.

Normaler Saisonverlauf 2013 erwartet, seriöse Vorhersage nicht möglich

Aufgrund der Vorjahre ist Dr. Marko Multhaupt vorsichtig mit Prognosen geworden: Einerseits sei ein normaler Saisonverlauf 2013 zu erwarten, andererseits sei eine „seriöse Vorhersage nicht möglich“. Immerhin gibt es einige offensichtliche Rahmenbedingungen, die Optimismus schüren: Die sinkende Anzahl von Neureifen, die über weniger Neufahrzeuge in den Markt kommt, wird erfahrungsgemäß zu einem höheren Ersatzbedarf führen. Das Aufbrauchen der Lagerbestände in 2012 sollte zur Rückkehr zu einem „normalen“ Reifenbedarf führen. Auch die noch anhaltend gute Wirtschaftslage in der Region DACH lässt Conti mit einem leichten Plus im Ersatzreifenmarkt rechnen. Letztlich erscheinen aus heutiger Sicht die Währungsentwicklungen (Euro zu Dollar oder Yen) eher als Nachteil für Importware und dürften damit die europäischen Hersteller begünstigen.

In diesem Umfeld wird der hannoversche Hersteller in 2013 die vollständige Ablösung seiner Lkw-Reifen der Generation 2 einläuten und mit einer Reihe von Neukonstruktionen der Generation 3 „an den Start gehen“. Im Frühjahr beginnt Continental diese „Offensive“ mit der Erneuerung des Busreifensegmentes. Neben Nachfolgeprodukten, die hinsichtlich des EU-Labels ertüchtigt wurden, folgt auch Continental einem Markttrend und geht durch Spezialisierung ganz gezielt auf die Bedürfnisse in diesem Falle beispielhaft des Busbetriebes ein, so mit eigens für den Reisebus entwickelten Größen. Im Herbst folgen dann in der Generation 3 die für den Gesamtmarkt wesentlichen Trailerreifen.

Durch den Aufbau der Runderneuerungsfabrik in Stöcken gewinnt das „zweite Reifenleben“ an zusätzlichem Gewicht. Und neben den reinen Reifeninnovationen wird im Jahr 2013 die Einführung des ContiPressureChecks als weiteres Marktsegment in den Markt gehen, sodass das Zeitalter der Elektronik im Reifen nun tatsächlich beginnen kann. Hinter diesem Modul steht die kontinuierliche Überwachung des Reifendruckes sowie der Reifentemperatur. Das Reifenfülldruckmesssystem ist ein wichtiger Baustein im Sinne der „Lowest Overall Driving Costs“ (LODC) der effektiv niedrigsten Gesamtkosten und leistet damit einen wesentlichen Beitrag zur wirtschaftlichen Mobilität. Und solch eine Innovation macht auch immer stärker belegbar, ob der Reifen das von seinem Verkäufer gemachte Produktversprechen auch einlöst. Aktuell werden Systeme von mehreren Referenzkunden getestet, die Markteinführung erfolgt im Laufe des Jahres 2013. detlef.vogt@reifenpresse.de

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