Winterreifen und Allradler

Alljährlich im Herbst und in etwa jeweils zeitgleich mit der einsetzenden Umbereifungsphase führt Continental eine einwöchige sogenannte WinterRoadshow für Pressevertreter durch. Vor einem Jahr ging es dabei unter anderem um die Fragestellung, wie wichtig Winterreifen für allradgetriebene Autos sind, ein Thema, das wir an dieser Stelle im Rahmen dieser Rubrik gerne wieder aufgreifen wollen.

Manch ein Verbraucher glaubt gar, echt winterliche Straßenbedingungen mit sommerlicher Bereifung bewältigen zu können – ein altes, sich hartnäckig haltendes Vorurteil, gegen das Journalisten, aber auch die Experten im Reifenfachhandel seit Jahren ankämpfen. Nicht das einzige Vorurteil in Sachen Winterreifen, das es auszurotten gilt, aber das, dem sich Continental mit technischer Beweisführung nähert, um es zu entlarven.

Trend zu größeren Winterreifen hält an

Der Trend, in der Erstausrüstung und im Ersatzgeschäft immer größere und breitere Reifen zu montieren, hält gemäß des Zahlenmateriales an – obwohl in den Medien oftmals in den letzten Monaten Kleinwagen „abgefeiert“ wurden. Grund ist die Notwendigkeit, größere Bremsen als früher einbauen zu können. Durch breitere Reifen profitieren besonders das Handling und die Bremswege. Analog zu den für den Sommerbetrieb montierten Reifen werden auch die Winterreifen immer größer und breiter. So startete ein Golf bei Markteinführung 1974 auf Reifen in 14-Zoll-Größe – heute sind 18-Zöller Serienbereifung. Bei den ersten Kompakten reichten Reifen mit Freigaben bis zu 190 km/h aus – heute verlangen Serien-Pkw nach Reifen mit Freigaben bis 270 km/h.

Unter anderem daher verschieben sich sowohl Sommer- wie Winterreifen in immer größere Dimensionen mit höheren Geschwindigkeitsfreigaben. Aber auch die Nachfrage nach Winterreifen für SUV steigt. Im Jahr 2007 orderten die Verbraucher in Deutschland rund 950.000 Stück – bis 2014 prognostizieren die Experten einen Anstieg der Nachfrage dieses Reifentyps auf rund 1,2 Millionen Einheiten. Ähnlich sehen es die Experten in den Alpenländern.

Nachholbedarf bei Winterreifen für SUV

Entgegen der genannten guten Umrüstquote scheint es in Deutschland bei den Reifen für SUV einen gewissen Nachholbedarf zu geben: Während in den letzten Jahren in der Bundesrepublik im Durchschnitt tendenziell mehr Winter- als Sommerreifen verkauft wurden, fragen die Besitzer von SUV nach wie vor im Ersatzgeschäft eher nach Sommerreifen. Dabei unterliegt die Nutzung der Wagen denselben Gewohnheiten wie der Gebrauch von Pkw: Keine – oder nur sehr wenige – Geländefahrten, dafür Stadt-, Landstraßen- und Autobahnverkehr im üblichen Rahmen. Dennoch werden für SUV zu zwei Dritteln Sommer- und nur zu einem Drittel Winterreifen geordert. Als Grund sehen die Fachleute von Continental, dass das Wissen der SUV-Fahrer über Winterreifen noch lückenhaft ist – und dass der M+S-Schriftzug mit einer Wintereignung gleichgesetzt wird. Auch das teilweise gröbere Profil scheint eine gewisse Wintereignung aufzuzeigen, obschon moderne Winterreifen eher noch filigranere Profilstrukturen mitbringen als Sommerreifen. Fazit der Fachleute von Continental: Hier scheint es noch einen hohen Bedarf an Aufklärung bei den SUV-Besitzern zu geben.

Die Fachleute von Continental empfehlen, bei der Anschaffung von Winterreifen für 4×4-Fahrzeuge auf das M+S- und das Schneeflockensymbol zu achten: Reifen, die so gekennzeichnet sind, haben ihre Wintereignung in einem Test bewiesen. Von gut motorisierten Pkw und Sportwagen unterscheiden sich allradgetriebene SUV heute kaum mehr, wenn es um PS und Höchstgeschwindigkeit geht. Wagen wie ein BMW X5, Audi Q7 oder Porsche Cayenne erreichen mühelos Geschwindigkeiten oberhalb von 200 km/h, ihre Motoren stemmen ähnliche PS auf die Kurbelwelle wie ihre Brüder im BMW 535 i, Audi A6 oder Porsche 911.

Doch damit enden schon die meisten Gemeinsamkeiten: Die SUV sind deutlich schwerer (plus 35 Prozent), haben einen erhöhten Schwerpunkt (plus 35 Prozent), federn deutlich weiter ein und aus (über 60 Prozent). Damit haben sie – bis auf die deutlich längeren Federwege – eher Eigenschaften, die man bei Kleinbussen erwarten würde. Solche Fahrzeuge benötigen daher Winterreifen, die an ihre Fahreigenschaften und Gewichte angepasst sind und die die auftretenden Kräfte auch unter widrigen Bedingungen sicher übertragen können. Ein Winterreifen für diesen Fahrzeugtyp, der das Spektrum vom klassischen Geländeauto bis zum sportiven Crossover abdeckt, ist so konzipiert, dass er eben genau die für solche Fahrzeuge wichtigen Eigenschaften mitbringt. Für die sehr sportlich ausgelegten SUV bieten sich zusätzlich modifizierte „Winterreifen-Hybride“ an, die auf Modellen für Pkw fußen und zusätzlich zu ihrer Modellbezeichnung mit dem Schriftzug „SUV“ gekennzeichnet sind.

Bei 4×4 im Winter empfehlen sich zumeist Straßenreifen

Zwar erleichtert der Allradantrieb das Anfahren auf rutschigen Untergründen, doch beim Bremsen und Kurven fahren auf typisch winterlichen Fahrbahnen müssen noch höhere Gewichte als bei normalen Pkw bewältigt werden – und dies bei Geschwindigkeiten, die denen von Mittelklasse-Limousinen oder gar Sportlern ähnlich sind.

Weit über 90 Prozent der allradgetriebenen Wagen werden in Westeuropa auf öffentlichen Straßen bewegt, Geländefahrten gehören zu den seltenen Ausnahmen. Daher müssen ihre Winterreifen auf verschneiten und vereisten, jedoch auch auf nasskalten Straßen sichere Fahreigenschaften bereitstellen. Reifen mit Geländeeignung sind hier fehl am Platze: Ihnen fehlen die für Winterreifen typischen Lamellen, die erst die sichere Verzahnung mit Schnee und Eis gewährleisten. Auch die für den Winterbetrieb wichtige Gummimischung, die ihre Flexibilität auch unter niedrigen Temperaturen behält, wäre für Geländefahren über Stock und Stein wenig geeignet. Gelände- oder gar Sommerreifen sind also an SUV im Winter gefährliche Begleiter. detlef.vogt@reifenpresse.de

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