Zwiespältiges zum Thema Carsharing

Was Carsharing prinzipiell bedeutet, ist wohl allgemein bekannt: Statt sich selbst einen fahrbaren Untersatz anzuschaffen, wird ein Auto mit anderen geteilt und im Bedarfsfalle dann nur für die tatsächliche Nutzung gezahlt. Sollte sich dieses Konzept auf breiter Front durchsetzen, wären damit zwangläufig wohl unter Umständen auch Veränderungen für die Automobilbranche verbunden. Die gemeinsame Nutzung von Fahrzeugen könnte einen rückläufigen Absatz neuer Autos mit entsprechenden Folgen für die Nachfrage nach Zulieferkomponenten – wie nicht zuletzt Reifen – nach sich ziehen. Daher ist die Frage, wohin die Reise in Sachen Carsharing geht, für die Branche eine durchaus interessante.

Glaubt man dem Ergebnis einer von Autoscout24 bei der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Auftrag gegebenen Studie, braucht sie sich einstweilen noch keine größeren Sorgen wegen möglicherweise bald wegbrechender Absatzvolumina zu machen. Denn die Befragung von insgesamt über 8.800 Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren in sieben europäischen Ländern hat ergeben, dass 64 Prozent der Europäer trotz steigender Mobilitätskosten etwa durch immer teurer werdenden Kraftstoff nicht auf das eigene Auto verzichten wollen. Mit Blick nur auf Deutschland sieht das Ergebnis nicht viel anders aus: Hierzulande sollen sich 63 Prozent der knapp 1.500 Befragten in diesem Sinne geäußert haben, während andererseits 32 Prozent der Deutschen planen, in Zukunft auf gemeinsam genutzte Autos zurückgreifen zu wollen. Allerdings nicht ausschließlich, sondern etwa 24 Prozent würden Carsharing mit einem eigenen, gegebenenfalls kleinen Auto für die tagtäglich anfallenden meist kürzeren Strecken kombinieren, heißt es weiter. Nur rund neun Prozent können sich vorstellen, komplett auf ein eigenes Auto zu verzichten und bei Bedarf ein „Gemeinschaftsauto“ zu buchen. Europaweit sieht es ähnlich aus: 30 Prozent der Europäer können sich für Carsharing erwärmen, sieben Prozent sich sogar die ausschließliche Nutzung der Teilzeitautos vorstellen.

Andererseits glaubt Frost & Sullivan, dass der Europamarkt für Carsharing sich im Kommen befindet – vor allem in weniger besiedelten Regionen Europas. „Megatrends, wie die voranschreitende Urbanisierung und neue Trends in der Mobilität haben sowohl bei Autobesitzern als auch potenziellen Neukunden das Interesse an Carsharing-Diensten geweckt“, sagt Vishwas Shankar, Industry Analyst bei Frost & Sullivan. „Da sich Wirtschafts- und Gewerbegebiete immer mehr auf Innenstadtgebiete und -zentren konzentrieren, sind private Autobesitzer den Auswirkungen ansteigender Benzinpreise, höherer Parkgebühren und neuen Umweltauflagen, wie zum Beispiel der Feinstaubplakette, direkt ausgesetzt. Und auch wenn jeder Einzelne bereit ist, all diese Mehrkosten zu tragen, bleibt am Ende noch die ermüdende Suche nach einem Parkplatz“, begründet er, warum nach einer Analyse des Unternehmens bis 2020 ein Ansteigen der europaweiten Carsharing-Teilnehmer von 700.000 (2011) auf voraussichtlich fast 15 Millionen erwartet wird. Die Zahl der Fahrzeuge, die sich mehrere teilen, soll parallel dazu von den etwa 21.000 im vergangenen Jahr auf rund 240.000 im Jahr 2020 anwachsen.

Allerdings beantwortet dies nicht die Frage, wie viele Autos im europäischen Markt deswegen weniger abgesetzt werden. Deswegen hat sich die NEUE REIFENZEITUNG selbst einmal an einer groben Abschätzung versucht: Geht man von bis 2020 unverändert rund 740 Millionen Einwohnern in Europa aus und beschränkt man sich auf die etwa 70 Prozent, die älter als 15 und jünger als 65 Jahre sind, dann würden die 15 Millionen erwarteten Carsharing-Teilnehmer selbst bei völligem Verzicht auf ein eigenes Auto gerade einmal für einen etwa dreiprozentigen Rückgang der europäischen Neuzulassungszahlen im Zeitraum bis 2020 sorgen. Aufs einzelne Jahr bezogen ist das so gut wie nichts, denn die alljährlichen Schwankungen aufgrund anderer Faktoren wie etwa der derzeitigen „Eurokrise“ fallen deutlich größer aus. christian.marx@reifenpresse.de

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