Speditionen testen Conti versus Wettbewerbsfabrikat

Zum Erreichen der maximalen Transporteffizienz spielt neben passender Motorisierung und aerodynamischer Abstimmung des Fahrzeugs die richtige Bereifung eine wesentliche Rolle. Nur: Wie lässt sich der Dreisatz aus Laufleistung, Rollwiderstand und niedrigsten variablen Kosten am besten auflösen? Die Speditionen Langenlonsheimer Transport GmbH (Langenlonsheim) und Schmelzer GmbH (Gensingen) wählten dazu den direkten Weg in einem aufwändig inszenierten eigenen Reifentest unter Beteiligung von Continental und eines namentlich nicht genannten japanischen Wettbewerbsfabrikates.

Manfred Graffe (LTG) und Marcus Schmelzer sind sich sicher: Nur mit den optimalen Reifen ist es möglich das gesteckte Flottenverbrauchsziel zu knacken. Bereits in der Vergangenheit hatten die beiden gemeinsam verschiedene Konzepte ausgearbeitet, um die Kosten- und Verbrauchskontrolle über den in unterschiedlichen Bereichen schwerpunktmäßig eingesetzten Fuhrpark zu optimieren. In Verbindung mit regelmäßigen Schulungen des Fahrpersonals kann man heute ein Einsparpotential von drei Liter auf hundert Kilometer pro Lkw verbuchen. Unter Berücksichtigung der ständig gestiegenen Treibstoffkosten kommt dabei schnell ein sechsstelliger Euro-Betrag zusammen, der ohne Geschwindigkeits- und Qualitätsverlust beim Transport eingespart wird.

Nachdem die eigentümergeführte Spedition Schmelzer wie auch die LTG mit den Fahrerschulungen das größte Verbrauchseinsparpotenzial erfolgreich ausschöpft hatte, ging es an die Optimierung der Hardware. Dabei spielt, neben einer sauber auf den Einsatz und die Fahrzugkombination abgestimmte Aerodynamik, der Rollwiderstand eines Lastzuges die Hauptrolle bei der Suche nach versteckten Verbrauchsquellen.

Und der wird über die Qualitäten der Bereifung definiert. Kurz: Ein Hebel, an dem man effektiv ansetzen kann, wenn man weiß wie … Denn im Spannungsfeld der Kostenkalkulation stehen der möglichst geringe Rollwiderstand und damit auch lange Haltbarkeit des Lkw-Pneus oftmals der Fahrsicherheit und dem Komfort entgegen. Den Datenspezifikationen der aktuellen Reifen ist bis dato dazu nicht allzu viel zu entnehmen. Erst wenn ab November dieses Jahres die EU-weite Label-Pflicht à la Kühlschrank auch bei Reifen eingeführt wird, verraten die Daten der Lkw-Sohlen mit einem Hinweis auf den Rollwiderstand mehr über ihren Verbrauchscharakter. Es bleibt die Entscheidung für das beste Produkt unabhängig von Händlerrepräsentanz und Einkaufspreis. Hierzu hilft, eigene Erfahrungen zu machen und selber zu testen.

So dachten auch die Schmelzer-Entscheider, als sie zusammen mit dem Baustoffflotten-Gigant LTG aus dem benachbarten Langenlonsheim einen eigenen Reifentest inszenierten. Continental-Reifen der 2er Langstrecken-Serie Eco Plus: HSL2+, HDL2, HTL2 versus ein neuer japanischer Reifentyp der Premiumklasse lautete das Reifenduell, das zwar nicht im Morgengrauen, aber am nebligen Samstagvormittag auf dem Schmelzer-Speditionshof seinen Lauf über die präzise kilometrierte Testrunde gehen sollte.

Basis für den von Fuhrparkprofi Thomas Neumann zusammen mit LTG-Geschäftsführer Manfred Graffe konzipierten Vergleich ist eine akribische Erfassung aller Fahrdaten, möglichst identische Fahrzeuge und zwei sehr gute Fahrer, die konstante Fahrqualität am Lenkrad leisten können. All diese Zutaten für einen gelungenen internen Reifentest stellte die Spedition Schmelzer in Form zweier taufrischer FH13-460-Sattelzüge von Volvo mit ihren Top-Fahrern Karl-Heinz Haas und Mona Rellermeier am Volant.

Start frei für den Ritt über die 214 Kilometer lange Teststrecke: Die Datenübertragung per Telemetrie erfolgt über das bei Schmelzer intensiv genutzte Transics-Telematic-System, das hier bereits seit Längerem verlässliche Daten über die Fahrleistungen und Fahrverhalten der 80 Fahrzeuge umfassenden Schmelzer-Flotte in die Zentrale funkt. Damit werden nicht nur Ist-Zustände, sondern auch das Fahrverhalten des Fahrers im Zusammenhang mit der Fahrsituation intelligent interpretiert, lobt Schmelzer-Prokurist Jürgen Rose die Vorzüge des belgischen Telematic-Systems.

Während die beiden Lkw-Fahrer Haas und Rellermeier die beiden Volvo-Testtrucks mit dem vorgegebenen Spitzentempo von maximal 85 km/h über die Testrunde lenken, bilanziert LTG-Chef Manfred Graffe die letzten Jahre. „Wir sind vor fünf Jahren von Conti auf einen Premium-Japaner umgestiegen – damals eine Kostenentscheidung!“ Und die wirtschaftliche Performance der Reifen ist auch heute noch das entscheidende Kaufkriterium. Für den Herrn über 1.800 Lkw und insgesamt 3.000 zugelassene Fahrzeuge ist der Mix aus Anschaffungspreis, Laufleistung und Kraftstoffverbrauch wesentlich.

Seine Erwartungen an Lkw-Reifen definiert Graffe nüchtern: „Bei einem Markenreifen gibt es heute keine Qualitätsprobleme!“ Nachschneidefähigkeit, Runderneuerung und ein guter Karkassenpreis komplettieren die Kostenkalkulation bei LTG, die jährlich zusammen mit ihren vier Einkaufspartnern Bedarf für 5.000 Nutzfahrzeugreifen haben. Auf Billiganbieter verzichtet Graffe auch bei Fahrzeugen im Fuhrpark mit niedrigen Kilometerlaufleistungen. Dünnere Karkassengrunde und niedrigere Profiltiefen beim Neureifen sprechen gegen die Preisbrecher am Lkw-Rad.

Für Schmelzer-Prokurist Jürgen Rose zählt neben diesen Argumenten auch eine höhere Schadenvermeidung für die Qualitätsreifen aus dem Premiumbereich: „Viele Versicherer wollen sich von Flottengeschäften trennen.“ Mit ein bis zwei Großschäden in der Flotte gerate man schnell zum Sanierungsfall für die Versicherer, berichtet Rose, der für die Spedition Schmelzer jährlich rund 300 Neureifen einkauft, bislang seit Firmengründung 1980 immer von Continental.

Gemeinhin schlecht kalkulierbar, aber dennoch von hohem Wert für die Wirtschaftlichkeit ist der Service rund ums Lkw-Rad. Kundensupport nach dem Reifenkauf wird gerne gesehen, gehört aber nicht überall zu den Selbstverständlichkeiten. Bei Schmelzer manifestiert sich dieser in einer ständigen Flottenüberwachung und der rechtzeitigen Disposition für Neu- und Ersatzkäufe. Ein stressfreier Vorteil ist, wenn direkt vor Ort auch die Rücknahme von hochwertigen Karkassen zur Runderneuerung und ein Reklamationsmanagement möglich sind. Wie auch beim Motorwagen zeigt hier auch erst im Aftersales-Geschäft, ob der Kauf über die gesamte Einsatzdauer tatsächlich günstig ist.

Das Duell zwischen den beiden Reifenanbietern sieht Rose zur Testhalbzeit, als die beiden Sattelzüge zum Boxenstopp mit Reifenumstecken wieder auf den Speditionshof einfahren, mit Spannung: „Wir wollen wissen, wo tatsächlich im Rollwiderstand und Verbrauch die Unterschiede liegen.“ Bei der Reifenwahl könne man, so der 48jährige Prokurist, schließlich nicht immer nur den Einkaufspreis sehen. Mit seinen Verkehren – klassischem nationalen Fernverkehr für die Getränke- und Farbenhersteller – kommen rund sieben Millionen Jahreskilometer zusammen. Noch extremer fällt die Fahrleistungsbilanz bei Manfred Graffes Kran- und Baustofffahrzeugflotte aus: „Wir verbrauchen rund 125.000 Liter Diesel“, berichtet der 50jährige Firmenchef, „täglich!“ Damit sei er der größte Einzelkunde bei den Mineralölanbietern und natürlich an Einsparpotenzial hochgradig interessiert.

Nach einer Stunde Reifenwechsel an den Zugmaschinen und beiden Krone-Thermotrailern starten die beiden Profi-Piloten zur zweiten Runde, diesmal mit Reifen des jeweils anderen Herstellers auf ihren Fahrzeugen. Damit ist gewährleistet, dass jeder auch noch so gering erscheinende Einfluss von Zugfahrzeug und Trailer auf den Verbrauch ausgeschlossen wird.

Auch die zweite Runde kann von Testkoordinator Thomas Neumann mittels Datenfernübertragung auf das Transics-Telematiksystem in Echtzeit am Schreibtisch mitverfolgt werden. So gibt es zum von allen Testbeteiligten heiß ersehnten Zieleinlauf der beiden Schmelzer-Testzüge bereits erste Hochrechnungen, die von den Vertretern der beiden Reifenhersteller mit großem Interesse interpretiert werden. Das finale Ergebnis folgt später nach Abgleich von Nachtankung und expliziter Kontrolle aller Fahrdaten.

Fazit: Der Continental-Fernverkehrsreifen der 2er Generation schlägt den japanischen Herausforderer beim Rollwiderstandtest über die pfälzische Testrunde. Auch wenn externe Einflüsse bei einem Praxistest auf der Straße keine völlig störungsfreien Resultate unter lupenreinen Laborbedingungen ermöglichen, zeichnete sich doch ein klarer Trend zugunsten der Conti-Reifen ab. Umgelegt auf die 80 Motorwagen umfassende Schmelzer-Flotte mit rund 100.000 Kilometer Jahreslaufleistung kann bereits ein Verbrauchsplus im Zehntelbereich hinter dem Komma ein signifikantes Einsparpotenzial beim Verbrauch darstellen. Über eine durchschnittliche Lebensdauer von rund 200.000 Kilometern kann der beim Rollwiderstand günstigere Reifen so wieder einen Betrag bis zu hundert Euro einfahren.

Der eigene Reifentest ist ein wichtiges Kalkulationselement für Schmelzer, LTG und ihre drei Einkaufspartner beim Reifenkauf. Am Abend dieses Testtages haben die Speditionsprofis ihre Testmission erfüllt – die Basis für die Produktentscheidung beim Kauf von 5.000 Reifen in der Saison 2012 wurde gelegt. Im Anschluss an den Praxistest haben Speditionschefs und Fuhrparkprofis die Gesamtkosten über die komplette Einsatzdauer – neudeutsch Total Costs of Ownership (TCO) – bis ins Detail durchkalkuliert. Zu dieser Betrachtung gehören Kostenpotenziale wie Laufleistung, Runderneuerungs- und Nachschneidefähigkeit, Altkarkassenverkaufspreis und Schadenhäufigkeit.

Neben allen Kostenpositionen sprach letztlich auch etwas fast Unbezahlbares für den Einsatz der Continental-Reifen in den fünf Fuhrparks: der Service des Continental-Bezirksleiters Thomas Zeugpfang auch nach der Anschaffung. Manchmal zählen auch Werte, die nicht nur in Euro und Cent messbar sind. dv

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