EU-Reifenlabel fordert Reifenlogistikern viel ab

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Die Einführung des EU-Reifenlabels gehört für die meisten Reifenhersteller zu einem der größten Projekte der vergangenen Jahre. Während sich insbesondere die Premiumhersteller von einer zunehmenden „qualitativen Vermarktung“ im Reifenfachhandel verbesserte Absätze versprechen dürfen, auch wenn gleichzeitige Topnoten in allen drei Parametern zunächst selten sein werden, ist die Komplexität des Projektes und der finanzielle Aufwand immens. Im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG erläutert Eberhard Louis, bei Goodyear Dunlop Director Distribution & Operations in der Region EMEA und in der Reifenlabel-Projektgruppe des Herstellers mit der Koordination der gesamten logistischen Prozesse befasst, welche Hürden bereits überwunden wurden und welche noch vor dem Zieleinlauf im Sommer stehen.

Für die Verantwortlichen auf europäischer wie auch auf deutscher Ebene ist die Einführung des EU-Reifenlabels im Sommer ein großes Thema. Arbeitsgruppen aus den unterschiedlichen Unternehmensbereichen arbeiten bei Goodyear Dunlop bereits seit Ende 2009 – also seit zweieinhalb Jahren – „intensiv an der Einführung des Labels“, bescheinigt Eberhard Louis. Die Komplexität enstehe dadurch, da es sich bei diesem Projekt um „ein holistisches Projekt“ handelt, also eines, das sämtliche Unternehmensbereiche betrifft und von ihnen eine enge Koordination abverlangt; nur im Zusammenspiel der beteiligten Bereiche könne es geplant und umgesetzt werden. „Die Logistik ist ein ganz wesentlicher Bestandteil dieses Prozesses“, so der Director Distribution & Operations weiter.

Louis weiter: „Die Maßnahmen- und Projektpläne für die einzelnen Teilprozesse sind definiert und befinden sich jetzt in der Umsetzungsphase. Was die Logistik angeht, sind wir gut im Plan und liegen derzeit sogar vor unserem definierten Zeitplan. Von daher sehen wir der Einführung des Labels aus logistischer Sicht gelassen entgegen.“ Die Produktionsabläufe an sich würden durch die Einführung des Reifenlabels nicht wesentlich beeinflusst. „Das Anbringen des Labels erfolgt erst nach der letzten Qualitätskontrolle im so genannten ‚Final Finishing‘ oder im Fabriklager. Hier führen wir derzeit die finalen Tests durch“, so der Logistikexperte weiter.

Auch im Hinblick auf Lagerhaltung und Lagerverwaltung soll es bei Goodyear Dunlop, etwa in Philippsburg (Pkw-Reifen) oder in Wittlich (Lkw-Reifen), keine großen Veränderungen geben. „Schon heute können unsere Informationssysteme präzise zwischen den jeweiligen Reifenspezifikationen unterscheiden. Die Informationen zu den Effizienzklassen des Labels werden hier zusätzlich integriert. Reifenspezifische Labels, die zum Beispiel Marketinginformationen tragen, werden schon heute sehr umfangreich eingesetzt. Eine zusätzliche Labelinformation wird daher die Lagerhaltung nicht beeinflussen.“

Die Komplexität des Produktportfolios ändere sich durch das Label folglich nicht. „Insgesamt wird der gesamte Handlingprozess aber anspruchsvoller, da eine zusätzliche Information zur Effizienzklasse auf den Reifen aufgebracht werden muss und unsere Produktinformationen dies auf allen Ebenen berücksichtigen müssen“, so Louis weiter, und meint damit elektronische und gedruckte Preislisten, elektronische und gedruckte Produktinformationen, Kundenrechnungen sowie das anzubringende Label selbst. „Somit erwarten wir in unseren Lagern eine etwas größere Komplexität. Andererseits sehen wir aber auch vereinfachte Prozesse, da wir nun auf europäischer Ebene ein einheitliches Vorgehen zum Labeling haben.“

Von besonderer Bedeutung – insbesondere für den Reifenhandel – ist die Integration der zusätzlichen Produktinformationen aus dem EU-Reifenlabel in die Informations- und Warenwirtschaftssysteme. Wie sollen diese Daten an den Händler weitergegeben werden? In gedruckter Form – kein Problem! Der EDV-gestützte Austausch solcher Daten spielt dabei heute allerdings die zentrale Rolle bei der Optimierung von Abläufen von der Fabrik bis hin zum Reifenhändler vor Ort; geht hier die Integration der Daten in die Systeme schief, also das Datenmanagement insgesamt, kann sich dies zu einem Wettbewerbsnachteil auswachsen.

Der Industriestandard PRICAT, ein elektronischer Preiskatalog, weist die jeweiligen Effizienzklassen aus. Dies gebe dem Händler die Möglichkeit, diese Informationen in sein Warenwirtschaftssystem einzubinden. Auf diesem Weg habe der Händler die Möglichkeit, die Labelinformation sowohl bei der Angebotserstellung wie auch auf der Kundenrechnung auszudrucken. „Eine zunehmende Komplexität in den Abläufen sollte es aufseiten des Handels nicht geben. Ein integrierter Prozess stellt sicher, dass sämtliche Labelinformationen der Hersteller auch in die Warenwirtschaftssysteme der Händler eingespeist werden können. Somit ist zum Beispiel die Grundlage für eine einfache Rechnungserstellung gegeben, die die Labelinformation auch in die Kundenrechnung integriert. Der Kunde hat somit jederzeit Zugriff auf die Klassifizierung des von ihm gekauften Produktes.“ Außerdem gebe Goodyear Dunlop seinen Händlern bei der Bestellung über das „TirePortal“ die Möglichkeit, die bestellte Ware effizienzklassenoptimiert zusammenzustellen. Man habe „umfangreiche Schulungsprogramme entwickelt, um unsere Fachhandelskunden auf das Label vorzubereiten“, sagt Eberhard Louis weiter.

Neben der Integration der Zusatzdaten aus dem Reifenlabel in die technischen Informations- und Warenwirtschaftssysteme der Industrie und des Handels, also dem „Komplex Datenmanagement“, so Louis, ist der Aufwand für die Erlangung dieser Daten immens. „Jeder Reifentyp und jede Reifengröße müssen von den Reifenherstellern klassifiziert, getestet und selbstzertifiziert werden. Allein bei Goodyear Dunlop sind derzeit über 270 Testfahrer, Testingenieure und Techniker damit beschäftigt, die Daten von mehr als 10.000 unterschiedlichen Typen und Größen von Pkw- und Lkw-Reifen entsprechend den freigegebenen EU-Reifentestmethoden zu ermitteln.“ arno.borchers@reifenpresse.de

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