Gerry Duffy: Bridgestone schließt Reorganisation in „Zentraleuropa“ ab

Seit Anfang dieses Jahres betreibt Bridgestone in Europa seine Geschäfte unter einem neuen organisatorischen Aufbau. Liefen früher die Fäden der nationalen Vertriebsgesellschaften – davon gibt es aktuell 21 – in der Brüsseler Europazentrale zusammen, gibt es seither regionale Zwischenstufen, die insbesondere die sogenannten Back-Office-Aufgaben der einzelnen Gesellschaften zentral steuern und verantworten und somit insgesamt Effizienzen steigern sollen. Der deutsche Markt bildet jetzt mit Österreich und der Schweiz die Region „Central Europe“ (Zentraleuropa; auch „DACH“ genannt). Neuerdings verantwortlich für den hiesigen Markt und die neue Region – eine von sechs unter dem Dach von Bridgestone in Europa – ist Gerry Duffy. Der gebürtige Schotte hat die vergangenen 15 Jahre in der Europazentrale in Brüssel gearbeitet – zuletzt als Vice President Sales & Marketing – und sieht seine Hauptaufgabe in der Umsetzung der Regionalisierungs- und der weiteren Wachstumsziele des Bridgestone-Konzerns.


„First Stop ist ein sehr wichtiger Kunde für uns“, sagt Bridgestone-Geschäftsführer Gerry Duffy, „aber dominiert nicht unser Geschäft“

Der japanische Reifenhersteller Bridgestone ist größter Reifenhersteller der Welt und konnte im vergangenen Jahr einen Umsatz in Höhe von knapp 26,5 Milliarden Euro melden. Während die großen Wettbewerber in Europa in der Regel schon seit Längerem mit Verwaltungsregionen arbeiten, in denen bestimmte Aufgaben für mehrere Märkte zentral erledigt werden – es geht dabei insbesondere um Finanzen/Rechnungswesen, IT, technischer Support, Marketing und allgemeine Verwaltungsaufgaben –, hatte Bridgestone bisher viele dieser Aufgaben direkt auf Ebene der zahlreichen Vertriebsgesellschaften erledigen lassen. Diese organisatorische Stellung sei zwar nah am Kunden und mit kurzen Kommunikationswegen gesegnet gewesen, berichtet Gerry Duffy im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG. Nur was die Effizienzen der Arbeit und deren Professionalität in den mitunter kleinen Landesorganisationen betrifft, sagt Duffy, seien die größeren Einheiten der Regionalzentralen einfach im Vorteil. Heute, knapp ein Jahr nachdem Gerry Duffy Geschäftsführer der Vertriebsgesellschaften in Deutschland, Österreich und der Schweiz geworden ist, die dann zum 1. Januar dieses Jahres als Region „Zentraleuropa“ mit Hauptsitz in Bad Homburg bei Frankfurt zusammengefasst wurden, seien administrative Veränderungen weitestgehend abgeschlossen. Dabei betont Duffy, dass man die Zusammenführung bestimmter Back-Office-Funktionen in der neuen Regionalzentrale in Deutschland nicht als ‚feindliche Übernahme’ verstehen dürfe. Im Gegenteil: Man habe nicht einfach alles dem ‚deutschen Weg’ untergeordnet, sondern man habe versucht zu integrieren, allein um dem erwartungsgemäßen „allgemeinen Zögern“ der Beteiligten in Bezug auf entsprechende Veränderungen zu begegnen. Während also die neue Region „Zentraleuropa“ in Deutschland ihren Sitz hat, bestehen die Ländergesellschaften in Österreich und der Schweiz wie auch in Deutschland als rechtliche Einheiten fort.

Wie Duffy berichtet, habe man am regionalen Hauptsitz 18 neue Mitarbeiter integrieren müssen. Es sei natürlich Ziel der Reorganisation gewesen, so viele Mitarbeiter wie möglich aus den beiden Landeszentralen in Österreich und der Schweiz zu halten. Wie Duffy berichtet, sei dies auch in den meisten Fällen gelungen. Für die Region „Osteuropa“ etwa hat Bridgestone die neue Zentrale in Wien angesiedelt; dort waren einige neue Back-Office-Jobs entstanden. Während die Verwaltungen in Wien und in Spreitenbach (Kanton Aargau/Schweiz) nun also weniger Aufgaben mit weniger Mitarbeitern erfüllen müssen, so erklärt der neue Bridgestone-Geschäftsführer, habe man gleichzeitig und im Gegenzug dazu die beiden jeweiligen Verkaufsmannschaften aufgestockt. Zusätzliches Personal für den Vertrieb in Deutschland ist im Zuge der Regionalisierung allerdings nicht eingestellt worden.

Gesellschaftsrechtliche Veränderungen oder durch die Reorganisation bedingte Anpassungen in den Verkaufsmannschaften habe es – neben den oben genannten Neueinstellungen – nicht gegeben. „Für den Reifenhändler in Deutschland, Österreich oder der Schweiz ergeben sich keine Veränderungen“, betont Duffy, der in Bad Homburg erstmals in seiner 24-jährigen Karriere bei Bridgestone eine Vertriebsorganisation übernommen hat. Während die frühere Organisationsstruktur aber dafür gesorgt hat, dass mitunter schnell und unbürokratisch, sozusagen ‚auf Zuruf’, Entscheidungen in den Landesorganisationen getroffen werden konnten, sind heute die Kommunikationswege durch die neue Regionalzentrale in Bad Homburg mitunter etwas vielschichtiger. Nennenswerte Beeinträchtigungen im Tagesgeschäft gebe es indes dadurch nicht, betont Duffy. Die Ansprechpartner der Reifenhändler seien dieselben, die Logistik laufe in Europa ebenfalls wie bisher, mit einer Ausnahme: Das Lager in der Schweiz soll demnächst geschlossen werden. Stattdessen werden die Kunden dort zukünftig durch den Reifenlogistikpartner Fiege aus einem der deutschen Lager bedient. Das Lager in der Nähe von Wien bleibe weiterhin ohne Veränderungen bestehen.

First Stop: Kontinuierliche Loslösung

Im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG betont Gerry Duffy ebenfalls die Hinwendung der nationalen, jetzt regionalen Vertriebsorganisation zum „Großhandelsgeschäft mit Reifen“. Die Vertriebsgesellschaften fungieren im Grunde wie Reifengroßhändler – sie kaufen in der Europazentrale in Brüssel ein und verkaufen an ihre Kunden in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Vor dem Hintergrund dieser Interpretation des Geschäftsbetriebes erhält auch die eigene Handelstochter „First Stop“ eine neue Rolle. Wie Gerry Duffy weiter ausführt, habe sich eine „kontinuierliche Loslösung“ des Retail-Geschäftes vom anderen Geschäft der Vertriebsgesellschaften bereits in den vergangenen Jahren vollzogen. Heute macht Bridgestone in Deutschland rund 15 Prozent seines Umsatzes mit den 70 eigenen First-Stop-Niederlassungen und den 190 Franchise-Partnern. „First Stop ist ein sehr wichtiger Kunde für uns“, so Duffy weiter, „aber dominiert nicht unser Geschäft.“

Der Geschäftsführer ist sogar der Ansicht, dass sich Reifenhersteller wie Bridgestone in der Vergangenheit vielleicht „zu sehr auf ihr Retail-Geschäft verlassen“ haben. Duffy will mit dieser Aussage natürlich nicht einer Abspaltung das Wort reden, vielmehr verbirgt sich dahinter der Hinweis, dass First-Stop-Filialen bzw. -Franchiser genauso behandelt und bedient werden wie andere Kunden auch. Das operative Geschäft von First Stop wird durch die Bridgestone-Europazentrale in Brüssel geleitet, worin ebenfalls die organisatorische Unabhängigkeit des Retail-Geschäftes zu erkennen ist, obwohl es sich bei First Stop um eine Tochtergesellschaft der deutschen GmbH handelt. Folglich will Bridgestone auch nicht in weitere eigene First-Stop-Niederlassungen investieren, sondern möchte stattdessen das unabhängige Netzwerk weiter ausbauen, so ist auch bei anderer Gelegenheit betont worden, etwa im Konzernabschluss der Gesellschaft.

Gleichzeitig weist der gebürtige Schotte darauf hin, dass man in Deutschland und andernorts „keine Wachstumsstrategie auf Basis von Menge“ verfolge. Vielmehr komme es auf ein nachhaltiges Wachstum an, das es zu erhalten bzw. zu erreichen gelte. Aktuell dürfte der japanische Reifenhersteller in Deutschland einen Marktanteil von 15 bis 20 Prozent auf dem Ersatzmarkt haben, verkaufte die Vertriebsgesellschaft mit Sitz in Bad Homburg doch insgesamt über sieben Millionen Reifen in 2010. Für das laufende Jahr rechnet man mit einem leicht steigenden Wachstum. An den Gesamtumsätzen in Deutschland macht das Ersatzmarktgeschäft jeweils rund 80 Prozent aus; das Erstausrüstungsgeschäft in Europa wird durch die Zentrale in Brüssel geführt. Während Bridgestone traditionell immer als starker Sommerreifenhersteller wahrgenommen wurde, hat sich auch hier eine deutliche Entwicklung bzw. Normalisierung in den vergangenen Jahren vollzogen. Heute, so Gerry Duffy weiter, sei jeder zweite von Bridgestone auf dem deutschen Ersatzmarkt verkaufte Pkw-Reifen ein Winterreifen.

Dass Winterreifen für den japanischen Reifenhersteller besonders bedeutend sind, zeigt sich auch an entsprechenden Marketing-/Werbekampagnen. Heute tritt Bridgestone etwa als Sponsor der europäischen Welt-Cup-Rennen des Internationalen Skiverbands FIS auf. Auch unterstütze die deutsche Vertriebsgesellschaft als offizieller Reifenpartner den Deutschen Skiverband (DSV), erläutert Wilfried Rulands, Leiter Marketing und Kommunikation bei Bridgestone Deutschland in Bad Homburg. Mit dem entsprechenden Engagement könne man das Argument „Sicherheit“ in der Kommunikation unterstreichen, wobei man zwischen Sicherheit und Ökologie eigentlich keine Kompromisse eingehen möchte – beides seien wichtige Eigenschaften eines Reifens, unterstreicht Rulands weiter. arno.borchers@reifenpresse.de

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