Com4Tires wird immer autarker

Mit etwa zwei Dritteln der aktuell 118 Gesellschafter veranstaltete die Systemzentrale der Reifenhandelskooperation Com4Tires Mitte August ihre alljährliche Herbsttagung, das Motto dieses Mal: „Stärke, Strategie und Leidenschaft“. Die Partner wurden aber nicht nur auf das anstehende Wintergeschäft eingeschworen, eine zentrale Botschaft lautete: Die Kooperation agiert künftig immer autarker. Das bedeutet eine Änderung des Blickwinkels: Com4Tires wird immer weniger vom Großhändler Reifen Gundlach „alimentiert“, sondern „fordert“ dessen Leistungsspektrum ein.

Ca. 150 Gesellschafter (zwölf neue Partner allein von März bis Juli dieses Jahres) sollen es bis zum Ende des Jahres 2007 sein, berichtet Gundlach-Geschäftsführer Gebhard Jansen im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG. Freilich wird er selbst immer weniger in die Arbeit der Kooperation eingebunden sein und sich statt dessen auf die ja nicht weniger werdenden Aufgaben bei dem – wie Com4Tires – ebenfalls expansiven Geschäft des Großhändlers konzentrieren. Neuestes Projekt: Durch die in der 50. Kalenderwoche in Betrieb gehende (so der derzeitige Planungsstand) vollautomatische Komplettradmontage wird Gundlach auch in diesem Segment zu den führenden Anbietern im deutschen Ersatzgeschäft aufsteigen. Im puren Großhandelsgeschäft mit Reifen sieht man sich bereits unter den „Top Five“ hierzulande.

Als immer leistungsfähiger werdender Großhändler wächst auch die Gundlach-Kompetenz als Serviceprovider für die Kooperation, Gundlach macht sich gewissermaßen attraktiver für die bereits im Boot sitzenden Händler von Reifen und sonstigem Autozubehör, aber auch für potenzielle Neumitglieder. Heiko Marmé – Leiter Com4Tires – nennt Gundlach denn auch das „Mutterhaus“ für die Kooperation.

Giti Tire und mehr

Die wichtigste Marke für den Großhändler wie für Com4Tires freilich ist die selbe: GT Radial. Die Reifen der exklusiv von Gundlach importierten Marke werden bei Giti Tire (China/Singapur) hergestellt, zur Gruppe gehört auch der renommierte indonesische Hersteller P.T. Gajah Tunggal. Michael Andre kennt den Großhändler und die Kooperation auch noch aus Zeiten, als er selbst für Gebhard Jansen und dessen beiden Mitgeschäftsführer in Raubach tätig war. Heute ist er Verkaufsdirektor für Giti Tire Europe (Hilversum/Niederlande) und in dieser Funktion für eine Reihe von Ländern in Europa zuständig, so auch für Deutschland und damit für Gundlach und dessen Handelspartner von Com4Tires, die immerhin knapp jeden fünften Reifen aus dem neuen Großlager und Distributionszentrum in Daufenbach beziehen. Dort lagern aktuell mehr als 500.000 Reifen, überwiegend für die Wintersaison, und warten auf Abruf. Gundlach hat sich „bis unters Dach“ (Jansen) bevorratet, profitieren sollen davon die Handelspartner.

Die Winterreifen des von ihm vertretenen Reifenherstellers haben vor Jahresfrist im so wichtigen ADAC-Test in einigen Disziplinen Nachholbedarf gezeigt, räumt Andre ziemlich unumwunden ein. Aber: Giti steht im Ranking der weltgrößten Reifenhersteller aktuell auf Platz 13, ist der vielleicht am schnellsten wachsende mit einer aktuellen Kapazität von 30 Millionen Reifen aus sechs (bald sieben) chinesischen Fabriken – vor allem: Giti hat Spitzentechniker von den renommierten Wettbewerbern rekrutiert, um einerseits auch in Europa in den Reigen der etablierten Erstausrüster vordringen zu können: bei Pkw- wie bei Lkw-Reifen (hier wohl zuerst für den Trailereinsatz).

Dazu bedarf es natürlich Produktqualitäten, um sich mit den renommierten Herstellern auf Augenhöhe bewegen zu können. Beim HP-/UHP-Produkt Champiro HPX habe man das Niveau der Premiummarken bereits erreicht, berichtet er und geht davon aus, dass auch die beiden aktuellen Hauptprodukte für den Winter – der Champiro WT Plus und der WT-AX – an das Niveau eben der Premiummarken im Wintergeschäft herangeführt worden sind. Die Voraussetzungen jedenfalls sind dafür geschaffen worden: In die Produktion wurde kräftig investiert, um jetzt zum Beispiel Vollsilicareifen fertigen zu können. In anderer Hinsicht – so bei den ab 2009 in Kraft tretenden Geräuschstandards – erfüllt GT Radial die Anforderungen bereits heute, auch in anderen ökologischen Fragen (so die Verwendung von gereinigten, niedrigaromatischen Ölen ohne PAK-Schadstoffe) ist man ebenfalls den gesetzlichen Bestimmungen voraus und leistet durch Engagement in sonstige Umwelt- und soziale Bereiche viel und sollte darum nicht in die „Sippenhaft“ genommen werden, der aktuell vor allem in den USA, aber auch in Europa chinesische Produkte ausgesetzt sind.

Giti hat in Europa ambitionierte Ziele: In 2007 sollen hier 6,5 Millionen Pkw- und 0,4 Millionen Lkw-Reifen verkauft werden. Die europäische Vertriebsorganisation hat unabhängige Tests durchführen lassen und wisse inzwischen von den Fortschritten bei den Winterreifenqualitäten. Was man noch nicht so genau wisse, wie dieser Leistungszuwachs am besten kommuniziert werden sollte. Zufriedene Händler aus dem Kreis der Com4Tires-Gesellschafter und deren zufriedene Kunden dürften helfen, dieses Defizit zu beheben und Giti als ein weißes Schaf (neben möglicherweise anderen) aus einer Herde schwarzer Schafe aus dem Reich der Mitte herauszuheben.

Im Rahmen einer Hausmesse der „strategischen Marken“ der Kooperation war auch das Spitzenmanagement aus dem Hause Kumho Tire Europe um den Executive Management Director Jae-Suk Cho und deren deutsche Repräsentanten Michael Zirnzak (Senior Sales Manager) und Franz Kruse (für die Key Accounter verantwortlich) stark vertreten und setzte ihr Unternehmen und dessen Produkte ins rechte Licht. Kumho ist in der europäischen Erstausrüstung bereits angekommen und hat auch schon die ersten Testerfolge einfahren können, ist also dort, wo Giti mit GT Radial bereits möglichst kurzfristig hin will. Technologisch ist natürlich die Winterreifeninnovation I’ZEN KW23 mit dem Zusatz XRP (steht bei Kumho für Reifen mit Runflat-Technologie) heraushebenswert, aber auch der Ganzjahresreifen Solus Vier KH21 (mit Schneeflockensymbol auf der Seitenwand), dokumentiert doch die in Buchstaben ausgeschriebene „Vier“ die Bedeutung, die die Koreaner dem deutschsprachigen Markt beimessen.

Ebenfalls auf der „Hausmesse“ – neben Giti und Kumho – vertreten die anderen strategischen Hauptmarken des Großhändlers wie der Kooperation (in alphabetischer Reihenfolge): Bridgestone, Continental, Firestone, Mastercraft, Nokian, Semperit, Uniroyal und Vredestein. Wobei darauf hinzuweisen ist, dass Michelin aus diesem Kreis der bevorzugten Marken vor wenigen Jahren ausgeschieden ist und sich mittlerweile herauskristallisiert, dass Bridgestone in die Rolle der privilegierten Premiummarke hineinzuwachsen scheint.

Der bundesweiten Ausdehnung näher gekommen

Wie bei allen anderen renommierten Großhändlern auch reicht das Kerneinzugsgebiet von Reifen Gundlach „um den Kirchturm“ mit einem Radius von ca. 200 bis 400 Kilometern mit all den Auswirkungen, die das für die Kooperationspartner von Com4Tires hat. Je weiter weg von der Systemzentrale in Raubach, desto größer werden die weißen Flächen auf Bundesebene und desto schwieriger ist es – jedenfalls bislang – neue Mitglieder zu rekrutieren. Trotz eines leistungsfähiges Paketservice fällt es mit zunehmender Distanz immer schwerer, die Mitglieder in kürzester Zeit und in vollem Umfang mit der Ware zu versorgen, die aktuell benötigt wird.

Abhilfe ist bereits bzw. wird gerade geschaffen: In Hamburg wurde eine Distributionsstation geschaffen mit aktuell zwei Verkaufsberatern und zwei Außendienstmitarbeitern mit der Betreuung der Partner vor Ort. Fünf Auslieferungsfahrzeuge stellen sicher, dass für GT Radial und andere Reifenmarken ein zweiter Versorgungsradius gezogen werden kann, wie er rund um den Westerwald bereits besteht. Ca. 5.000 Pkw-, 1.000 Lkw-Reifen sowie 1.000 Stahl- und 400 Aluminiumfelgen sind in dem Hamburger Satellitenlager stets vorrätig, für bei Bedarf täglichen Nachschub aus dem Daufenbacher Zentrallager ist gesorgt. Ein ähnliches Grundsortiment wurde auch in München zur Versorgung der dortigen Region aufgebaut (ans Netz am 3. September), um vor allem Kleinmengen auch umgehend zustellen zu können.
Um auch bei großen Volumina die Leistungsfähigkeit zu verbessern, wurden unlängst vier neue Sattelschlepper angeschafft. Darüber hinaus gelten die Investitionen aber vor allem einem Ausbau von „Manpower“. Bislang wurden die Mitglieder von Com4Tires über die Gundlach-Zentrale bedient, die den Partnern zugesagte „bevorzugte“ Behandlung drohte da so manches Mal auf der Strecke zu bleiben. Jetzt allerdings ist die „Abteilung“ Com4Tires – übrigens auch räumlich – losgelöst vom Großhandel. Jeder Händler hat seinen individuellen Ansprechpartner. Und damit auch weiterhin Optimierungen im Ablauf initiiert werden können und Sorgen und Nöte, aber auch Anregungen aus der Praxis ins Leistungsspektrum der Kooperation Eingang finden können, wurde ein achtköpfiger Beirat installiert. So dürfte gewährleistet sein – gewollt ist es –, dass sich zwischen Kooperation und Großhandel ein gewisses „Spannungsfeld“ aufbaut, dass Gundlach zwar weiterhin fördert, Com4Tires aber vermehrt auch fordert.

Dass Com4Tires im Bereich Werbung mit Tageszeitungsbeilagen, Kinofilmen, Buswerbung auf (Kölner) Linienbussen und – neu und bislang in der Branche so noch mit Alleinstellungsmerkmal – auf Toiletten von Autobahnraststätten „gut unterwegs“ sei, ließ Marmé auf der Tagung ebenso nicht unerwähnt wie Vertriebsleiter Jörg Lehnhäuser die Marktsituation präsentierte und analysierte (anhand von Zahlen, die der BRV zur Verfügung gestellt hatte) und dabei selbstverständlich auf das kommende Winterreifengeschäft einen Schwerpunkt legte, angesichts der vielerorts noch aus dem letzten Jahr liegen gebliebenen Bestände für den Gesamtmarkt aber auch ein wenig auf die Euphoriebremse trat. Mit GT Radial und im Offroadbereich auch mit Mastercraft hat der Verbund jedoch zwei exklusive Eisen im Feuer.

Motivation fürs Wintergeschäft

Damit sollten die Com4Tires-Partner eigentlich positiv eingestimmt sein aufs bevorstehende Wintergeschäft. Dennoch hatte man für die Tagung mit Coach Markus Ries (34) – der im Übrigen auch intern in Raubach bereits seine Spuren hinterlassen hat – einen Motivator erster Güte aufgeboten, wie sie auf vielen solchen Tagungen ihre Sicht der Dinge über den Tellerrand der Branche hinaus zum Besten geben. Obligatorischer Motivator? Ja und nein: Ries sprach von „modischen“ Begriffen wie „Change Management“, wollte die „Lust auf Veränderung wecken“ und „Lust auf Training“ machen – und das mündete in sehr handfeste Anleitungen, sich aus festgefahrenen Schemata zu befreien.

Und ein Überraschungs- und Unterhaltungsprogramm gab’s auch, wobei die „Tour der Hoffnung“ auf ihrer Goodwill-Radtour zum Einsammeln von Spenden für krebskranke Kinder ein Highlight bildete und am Zentrallager in Daufenbach nicht nur vorbeiradelte, sondern gleich hindurch. – Mit dabei auch Prominente wie der ehemalige Spitzenturner Eberhard Gienger, die zumindest für den ersten und den dritten Begriff des Tagungsmottos „Stärke, Strategie und Leidenschaft“ stehen und die Frage „Wer bietet mehr?“ zum rhetorischen Anhängsel machen.

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