JHV des BRV: Gut gewählt: „Stadt der Wissenschaft“

Circa 200 Mitglieder kamen am 8. Juni zur 21. Versammlung ihres Verbandes nach Dresden, um sich über alles was war informieren zu lassen sowie zu erfahren, was der Reifenfachhandel im laufenden Jahr vermutlich an positiven wie negativen Entwicklungen noch zu erwarten hat. Die allgemein anzutreffende Stimmung entsprach dem, was der geschäftsführende Vorsitzende Peter Hülzer an den Anfang seiner Rede stellte: „Es gibt keinen Grund zum Jammern. Die Branche kann mit der Geschäftsentwicklung 2006 bedingt zufrieden sein.“

Bürgermeister Detlef Sittel begrüßte in Vertretung des aus juristischen Gründen verhinderten und unter großem Druck stehenden Oberbürgermeisters Deutschlands Reifenhändler. Und das geschah alles andere als lustlos. Sittel ist sichtbar stolz auf „Dresden, die Stadt der Wissenschaft“, die mehr Geburten als Todesfälle registrieren kann; und er beschreibt Dresden als eine durch die eigene Entwicklung wachsende Stadt, die inzwischen mehr als 500.000 Bürger in ihren Stadtmauern zählt. Dresden ist positiv, in Dresden geht es mit Riesenschritten voran, Dresden ist gar völlig schuldenfrei. Doch dann weist Sittel schnell noch auf die immer noch sehr großen Unterschiede zwischen Stadt und Land hin, die immer noch größer als solche in Westdeutschland sind. Nun weiß jeder Zuhörer auch gleich, dass die Sache mit dem „Soli“ Sinn macht und dieser weiter erhoben werden muss. Der Bürgermeister ist groß in Fahrt und bereitet den Herren des BRV große Sorgen, denn aus den paar gedachten netten Grußworten machte der Vertreter Dresdens in seiner Begeisterung eine fulminante Begrüßungsrede. Der Zeitplan war damit halbwegs Makulatur.

Die bereits eingangs erwähnte Hülzer-Rede brachte keine wirklichen Neuigkeiten. Eine Kritik ist dies allerdings nicht, denn dank eigener elektronischer Informationsangebote berichtet der BRV über seinen Newsletter die Mitglieder nahezu perfekt, so umfangreich und zeitnah, dass es einfach schwerfallen muss, Neuigkeiten herauszupicken. So wurden mit 27,4 Millionen Stück zum zweiten Mal in Folge wieder mehr Winterreifen als Sommerreifen abgesetzt, womit man allerdings weit hinter der eigenen Prognose geblieben ist. Nach Gründen war nicht zu fahnden, der Winter ist einfach ausgeblieben. Wärme schadete der StVO-Novelle. Was wäre wohl mit Unterstützung des Wettergotts möglich gewesen? Oder anders ausgedrückt: Diese Novelle und die „Initiative PRO Winterreifen“ haben den Fachhandel vor einem kräftigen blauen Auge bewahrt. Dennoch werden ein paar harte Fakten für die kommende Saison zu beachten sein.

Unter Bezug auf „nahezu alle Branchenexperten“ rechnet der BRV wegen „des fast euphorischen Dispositionsverhaltens“ im Vorjahr mit einem Lagerbestandsaufbau im Frühjahr 2007 von 3,4 Millionen Winterreifen. Das allein genügt dem Verband, indirekt vor Preiskämpfen zu warnen, jedenfalls sei unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten nichts Gutes zu erwarten.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Zulassungszahlen der Automobilindustrie – nur oder überwiegend wegen der höheren Mehrwertsteuer?? – einen gravierenden Knick aufweisen und aus dieser Ecke somit wenig Entlastung erwartet werden kann. Und als ob alles dies nicht schon genug sei, kommen nun auch noch die negativen DAT-Schätzungen hinzu. Die jährlichen Fahrleistungen gingen im Vorjahr um acht Prozent gegenüber den Vorjahren zurück. Gestiegene Autokosten führen offensichtlich zu einer Einschränkung der Mobilität.

Trotz aller negativen Entwicklungen am Horizont stimmen die Zahlen von Januar bis April 2007 immer noch. Neuere gab es in Dresden noch nicht. Trotz nennenswerter Zuwächse in diesem Zeitraum sieht Hülzer aber noch keinen Anlass, die Minus-Prognose des BRV zurückzunehmen.

Reifenfachhandel – eine Macht

Allen Unkenrufen zum Trotz kann sich der Reifenfachhandel trotz vielfältiger Angriffe immer noch sehr gut behaupten. Derzeit reklamiert er einen Anteil von 55 Prozent an der Gesamtdistribution. Vor zehn Jahren habe dieser Anteil aber noch bei 60 Prozent gelegen; was nach Unterlagen der NRZ allerdings auf einer optimistischen Schätzung beruhte.
Die freien und markengebundenen Automobilwerkstätten kämpfen um einen Anteil von knapp 30 Prozent, aber es ist klar sichtbar, dass sie allmählich das Ende der Fahnenstange erreicht haben.

Peter Hülzer nahm die von ihm vorgetragenen Zahlen zum Anlass, seine Mitglieder auf einen Kampf um die „absolute Mehrheit“ einzuschwören, die in Gefahr geraten könnte. Beispielsweise durch die zwar zur Zeit nur langsam wachsenden unterschiedlichsten Online-Angebote, die allerdings spürbar zu Lasten des Reifenfachhandels gehen könnten.

In dieser angespannten Situation kann es sich der Fachhandel nicht leisten, ohne massive Gegenwehr weitere Marktanteile abzugeben. Das Geschäft mit Winterreifen ist so schwierig, weil es sich auf wenige Wochen konzentriert und zu absoluten Spitzenzeiten viele Kunden einfach nicht bedient werden können und zwangsweise abwandern. Aufgabe müsse es daher sein, den ungeduldigen Kunden von Winterreifen irgendwo bei sich halten zu können durch flexible Verhaltensweisen beispielsweise. Doch Hülzer erkennt selbst, dass dies leicht gesagt und schwer gemacht ist.

Nachholbedarf hat der Handel offenbar auch hinsichtlich Zielgruppenmarketing. Bei jungen Reifenkäufern erreicht der Handel nur sehr geringe Werte. Das Internet erklärt aber dennoch nicht alles, denn dieselbe Altersklasse wendet sich sehr stark den freien Werkstätten zu. Aber auch die Altersklasse der 50- bis 60-Jährigen hat sich nicht als Favorit des Fachhandels entpuppt.

Preisentwicklung gibt zur Sorge Anlass

Obwohl der Konjunkturverlauf eher für eine Entspannung sprechen sollte, zeichnet sich eine solche nicht ab und der BRV erwartet auch keine Entspannung an der Preisfront. Man sieht sich einer „Mentalität des Schnäppchenjägers“ gegenüber. Die Werbekampagnen „Geiz ist geil“ etc. tragen ihre Früchte. Und selbst wenn man dem nun „die Marke ist geil“ entgegensetzen will, wird man auch nicht an der Erkenntnis vorbei kommen, dass der Verbraucher zwar Marken haben will, aber billiger. Das ist wie es ist: Geil!

Was das Internet anbelangt, kristallisiert sich deutlich heraus, dass sich Industrie und Handel gegenseitig den Schwarzen Peter zuspielen möchten. Verwunderlich ist das nicht. Jedermann ist klar, dass die Internetpräsenz zu einem Preisdruck führt, zu einem feststellbaren Absinken des Preisniveaus. Der Handel verlangt von der Industrie, etwas zu tun, die Industrie will abwarten und genau beobachten. Damit dürfte feststehen: Weder Industrie noch Handel haben Antworten, sondern bewegen sich im Kreis. Das Internet ist ein Faktum.

Online-Vermarktung war in Dresden bereits ein großes Thema und es wird erst noch ein richtig großes Thema werden. Reifenhändler springen offensichtlich auf jeden Zug auf, melden sich bei „reifen-vor-ort“ an, auch bei Tyre24, verfluchen deren Tun, um alsdann mit diesen partnerschaftlich zu arbeiten. Inzwischen klagen selbst die Kooperationen darüber, dass manches ihrer Mitglieder bei Tyre24 und ähnlichen Anbietern Waren bezieht, die sich dann einer gemeinsamen Verbonifizierung entziehen und so zur Schwächung der Gemeinschaft und zur Stärkung des Internetanbieters führen. Ob das rasante Wachstum dieser Anbieter allerdings mit Problemen bei der Warenverfügbarkeit richtig beschrieben ist oder ob es nicht doch viele andere Gründe gibt, ist hier schwer zu klären.

Den Flotten nachrennen

Deutschlands Reifenfachhandel macht um das Flottengeschäft Pkw-Reifen ein der Sache kaum angemessenes Tamtam. Der BRV legt Zahlen vor, denen zu entnehmen ist, dass sich derzeit lediglich etwa 500.000 Pkw mit Vollservice auf deutschen Straßen befinden. Es geht somit um einen Markt von rund einer Million Reifen, der zudem auch nur sehr, sehr langsam wächst. Diesen Markt teilen sich Reifenhändler, aber eben auch Autohäuser, Anbieter wie ATU und pit-stop. Und in den Großstädten gibt es naturgemäß mehr zu tun als in der Fläche. Zu verdienen ist damit nicht so schrecklich viel Geld, denn die Reifenhersteller haben schon kräftig Rabatte abgeladen und für die zu erbringenden Dienstleistungen bleibt nicht mehr viel. Hinzu kommt, dass die Abrechnungsmodalitäten nicht so effizient gehandhabt werden wie sie sollten und auch dadurch noch viel Geld in die Verwaltung abfließt. Dieses gesamte Geschäftsfeld wird viel genauer zu durchleuchten sein als bisher geschehen. Zudem ist Differenzierung dringlichst erforderlich, das Nutzfahrzeugreifengeschäft funktioniert grundlegend anders als das Pkw-Reifengeschäft.

„Rahmenprogramm“

Verbandsversammlungen sind so notwendig wie Jahreshauptversammlungen von Aktiengesellschaften. Man mag sie oder auch nicht. Dem BRV ist zu bescheinigen, ein wirklich ansprechendes Programm erstellt zu haben. Vielen war das aber nicht anziehend genug und so blieben selbst dieses Mal auch einige der so bezeichneten „Meinungsbildner“ daheim; mit dem Freitag als „Brückentag“ ließ sich das Wochenende gut gestalten.

Den nach Dresden gekommenen Verbandsmitgliedern wurden indes viele neue Informationen gegeben. So beschrieb Dr. Geißler die Welt aus seiner Sicht, James Remfrey beschrieb Trends und Technologien für die Mobilität von morgen und zeigte, dass Continental Automotive Systems für die Zukunft gerüstet ist. Der branchenerfahrene Joachim Krahl referierte über Entlohnungssysteme im Reifenfachhandel; und last but not least ermöglichte der Vortrag von Professor Gerstengarbe einen besseren Einblick in Probleme, die im Zusammenhang mit der Klimadebatte von Bedeutung sind. Viel, zu viel Information auf einen Schlag, könnte man meinen. Dem widersprachen einige wenige Besucher. Wohl deshalb, weil sie erst gegen 11:00 „aufgelaufen“ waren und damit zu einem Zeitpunkt, als wesentliche Informationen bereits gegeben worden waren. Doch diese Tatsache stört Kritiker dann nicht wirklich. So ist es, ändern lässt es sich nicht.

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