Wettbewerb der Produktionsstätten verschärft sich weiter

Die Automobilindustrie sieht weiterhin großes Kosteneinsparpotenzial durch Offshoring. 65 Prozent der europäischen Top-Manager in der Automobilindustrie gehen von mindestens einem Viertel niedrigerer Produktionspreise bei der Verlagerung der Fabriken in Niedriglohnländer aus. Demnach ließen sich bei der Fertigung eines Massenvolumen-Fahrzeuges bis zu 2.200 Euro einsparen. China und Osteuropa gelten als attraktivste Produktionsstandorte in Niedriglohnländern für die Automobilindustrie. Fast Dreiviertel der befragten Top-Manager sehen hier ideale Voraussetzungen für ein effizientes und profitables Offshoring. Zu diesen Ergebnissen kommt eine aktuelle Untersuchung der internationalen Strategie- und Technologieberatung Booz Allen Hamilton anlässlich des jährlichen Automotive-Roundtables mit führenden Vertretern aus der Automobilindustrie.

Innerhalb der osteuropäischen EU-Länder schätzen jeweils 35 Prozent der Automobil-Entscheider Tschechien und Polen als attraktivste Offshoring-Länder ein. Dagegen sehen nur jeweils vier Prozent der Befragten bei Ungarn und Bulgarien das größte Potenzial. Bei den europäischen Niedriglohnländern, die nicht Teil der EU sind, wird Russland klar am besten bewertet (35 Prozent). „Die große Bedeutung, die Russland, China und – mit Abstrichen – Indien zugesprochen wird, liegt vor allem an deren gewaltigem Marktpotenzial und den vielen gut ausgebildeten Fachkräften“, erklärt Bernhard Rieder, Partner und Geschäftsführer bei Booz Allen Hamilton. „Die reinen Kostenvorteile sind längst nicht mehr entscheidend.“ Dies erklärt auch das auf den ersten Blick überraschend schwache Abschneiden von weiteren typischen Niedriglohnländern in Asien, denen lediglich vier Prozent der Befragten ein großes Potenzial bescheinigen.

Durch Überkapazitäten drohen Werkschließungen in Westeuropa

Kritisch für die gesamte Automobilindustrie werden vor allem die weiter anwachsenden Überkapazitäten gesehen. 63 Prozent gehen davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzt. Als Folge dieser Entwicklung kann es deshalb zu Fabrikschließungen in Westeuropa kommen. „Allerdings“, so Rieder, „haben sich insbesondere in Deutschland viele Werke durch eine höhere Flexibilität bereits auf den weiter steigenden Wettbewerb eingestellt und können heute mit ihren Stärken den Kostennachteil oftmals ausgleichen.“ Nach Ansicht der Berater stellt sich demnach vor allem die Frage, wie lange die Niedriglohnländer brauchen, um das Flexibilitätsniveau beispielsweise der deutschen Werke zu erreichen.

Allerdings steigt gleichzeitig auch das Lohnniveau in den heute typischen Offshoring-Ländern. Dies, so ein Drittel der Automobil-Entscheider, verringert auf Dauer den Vorteil der Low Cost Locations gegenüber den traditionellen Produktionsstätten wieder etwas. Als weiterer Vorteil von inländischer Produktion wird die hohe Servicequalität gesehen: So klagen laut einer internationalen Studie von Booz Allen Hamilton über 70 Prozent der Unternehmer über Probleme bei der Servicequalität nach der Auslagerung der Produktion.

Mix aus Flexibilität, Kosten, Qualifizierung und Marktpotenzial ist entscheidend

Auffallend ist die Uneinigkeit bei den Top-Managern, in welchen Ländern Autos zukünftig produziert werden. Während die eine Hälfte der Befragten von einer ausgewogenen Verteilung der Automobilproduktion ausgeht, sieht die Gegenseite eine zunehmende deutliche Abwanderung in die Niedriglohnländer. In den Hochlohnländern verblieben am Ende dieser Entwicklung lediglich Kernbereiche des Managements und der Entwicklung. „Die Untersuchung unterstreicht, wie hart der Wettbewerb der Produktionsstätten geworden ist. Sicher ist, dass jeder Einzelne den richtigen Mix aus Flexibilität, Kosten, Qualifizierung und Marktpotenzial für sich finden muss“, fasst Bernhard Rieder zusammen.

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