Überwiegend „gutes“ Reifenjahr 2005 im Handel

Obwohl das Marktvolumen in Stück im Reifenersatzgeschäft in Deutschland im vergangenen Jahr insgesamt erneut stagnierte, konnten Reifenfachhandel und -handwerk ihren Gesamtumsatz leicht steigern. Das meldet der Bundesverband Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk e.V. (BRV) als aktuelles Fazit zur Geschäftsentwicklung der Branche im Geschäftsjahr 2005. „Damit heben wir uns im Vergleich zu zahlreichen anderen Einzelhandelsbranchen, die über teilweise zweistellige Umsatzrückgänge klagen, positiv vom gesamtwirtschaftlichen Trend ab“, so Peter Hülzer, geschäftsführender Vorsitzender des bundesweit tätigen Branchenfachverbandes. „Der ganz überwiegende Teil des Reifenfachhandels gibt dem Gesamtjahr 2005 deshalb auch das Gesamtprädikat ‚gut’, was jedoch nicht bedeutet, dass es nicht noch Optimierungspotenziale gäbe.“

„Vor allem darf das Durchschnittsergebnis nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Entwicklung in den einzelnen Geschäftsfeldern, aber auch regional sehr heterogen ist“, ergänzt er. Wachstumsimpulse resultierten demzufolge hauptsächlich aus dem Absatz von Pkw-Reifen, während alle anderen Geschäftsfelder – mit Ausnahme von Reifen für Erdbewegungsmaschinen (EM-Reifen) – im Umsatz stagnierten bzw. teilweise sogar unter Vorjahresniveau blieben. „Sorgenkind“ der Branche sei vor allem das Lkw-Reifengeschäft, in dem erneut ein deutlicher Rückgang des Marktvolumens zu verzeichnen war.

Pkw-Reifen

Mit 47,4 Millionen vom Handel an Verbraucher gelieferten Pkw-Reifen wurde der Mengenabsatz des Vorjahres um 0,8 Prozent leicht übertroffen. Dabei wurden 2005 in diesem Segment erstmalig bundesweit mehr Winter- als Sommerreifen abgesetzt. Mit 24,3 Millionen Winterreifen verkaufte der deutsche Reifenfachhandel im vergangenen Jahr rund acht Prozent mehr als 2004. Dank dieses Zuwachses konnte ein Rückgang des Stückabsatzes an Sommerreifen um rund sechs Prozent auf 23,2 Millionen sogar überkompensiert werden. Bezogen auf den Gesamtbestand an Fahrzeugen stieg die Umrüstquote auf Winterreifen im Jahr 2005 um 3,3 Prozentpunkte auf 53,7 Prozent. Positiv wirkte im Sommerreifensegment trotz des rückläufigen Stückabsatzes ein anhaltender Trend hin zu höherwertigen Produktgruppen wie UHP(Ultra-High-Performance)-Reifen (Hochleistungsreifen der Geschwindigkeitskategorien H, V, W/Y/Z), deren Anteil sich mit knapp zwei Dritteln an der Gesamtstückzahl von Pkw-Sommerreifen weiter auf hohem Niveau stabilisiert hat. Weiterhin positiv entwickelte sich auch der Trend bei Offroad- und SUV-Reifen.

Ebenfalls erstmalig stieg der Absatz von Runflat-Reifen in 2005 mit einem Plus von 1,5 Prozent auf 708.000 Stück über die Ein-Prozent-Marktanteilshürde im Pkw-Reifenersatzgeschäft. Das Verhältnis Sommer- zu Winterreifen lag in diesem Segment bei etwa 1:4. „Günstig für den Reifenfachhandel wirkten sich im Geschäftsfeld Pkw-Reifen auch ein insgesamt stabiles Niveau der erzielten Produkt- und Dienstleistungspreise – sogar mit leichter Aufwärtstendenz – sowie der anhaltende Trend zur Nachfrage preiswerterer Zweit- und Drittmarken zulasten der Premiumfabrikate aus“, ergänzt BRV-Geschäftsführer Hans-Jürgen Drechsler. „Da sich der Reifenfachhandel durch hohe Sortimentsbreite und -tiefe auszeichnet, ermöglichte ihm insbesondere diese Verschiebung der Nachfragestruktur, den Marktanteil gegenüber dem Hauptwettbewerber Autohaus/Kfz-Werkstatt auf hohem Niveau zu stabilisieren.“ Der Anteil der einzelnen Distributionskanäle am Sell-Out Pkw-Reifen (Absatz Handel an Verbraucher) entsprach nach BRV-Angaben mit 56 Prozent durch den Reifenfachhandel, 28 Prozent durch Autohaus/Kfz-Werkstatt, zwölf Prozent via Fachmarktschiene (im Wesentlichen ATU, Pit-Stop) sowie jeweils zwei Prozent im Onlinevertrieb bzw. über „sonstige“ Vertriebskanäle verkaufter Reifen dem Niveau des Vorjahres.

Nutzfahrzeugreifen

Mit 5,91 Millionen Stück lag der Absatz von Nutzfahrzeugreifen in 2005 erneut um ein Prozent unter Vorjahresniveau. Auch hier gab es jedoch gegenläufige Entwicklungen der einzelnen Produktgruppen. Während bei Leicht-Lkw(Llkw)-Reifen mit 2,66 Millionen Stück der Vorjahresabsatz um 3,1 Prozent gesteigert werden konnte, sank das Marktvolumen im Lkw-Bereich um 4,2 Prozent auf einen Stückabsatz von 3,2 Millionen. Bei runderneuerten Lkw-Reifen fiel das Minus mit 7,1 Prozent noch deutlicher aus als bei Lkw-Neureifen (- 2,1 Prozent). Entsprechend lag die Runderneuerungsquote in der Produktgruppe Lkw-Reifen im vergangenen Jahr bei 40,6 Prozent. „Mit dieser insgesamt anhaltend negativen Entwicklung hat sich das Ersatzgeschäft mit Lkw-Reifen nunmehr seit über einem Jahr vom langfristig insgesamt leicht aufwärts gerichteten Trend abgekoppelt“, resümiert BRV-Geschäftsführer Drechsler. Ursachen hierfür sieht der Verband hauptsächlich in

  • einem Erstausrüstungsboom, der darauf zurückzuführen ist, dass Lkw heute viel eher wieder als Gebrauchtfahrzeuge verkauft, exportiert und auf dem heimischen Markt durch Neufahrzeuge ersetzt werden – was den Ersatzbedarf im Inland entsprechend verringert,
  • einem durch das Streben nach Kostensenkung im Transportgewerbe bedingten, verstärkten Trend zum „Ausflaggen“ ganzer Nutzfahrzeugflotten nach Osteuropa, mit der Folge, dass auch der entsprechende Ersatzbedarf in die Auslandsmärkte „umgesiedelt“ wird,
  • der anhaltenden Konjunkturkrise in der Bauwirtschaft, die sinkende Transportleistungen und damit ein Schrumpfen des Ersatzbedarfs verursacht, und
  • der Erhöhung der Laufleistung der Lkw-Reifen, insbesondere im internationalen Fernverkehr.

Von dem im Branchendurchschnitt negativen Trend im Segment Nutzfahrzeugreifen konnten sich insbesondere diejenigen (meist kooperationsgebundenen) Reifenfachhandelsbetriebe mit positiven Firmenkonjunkturen abkoppeln, die sich auf die Betreuung regionaler und überregionaler Flotten spezialisiert haben und ihren Kunden ein umfassendes Dienstleistungspaket – inklusive 24-Stunden-Breakdownservice – bieten. Weniger professionelle Nutzfahrzeugreifenvermarkter dürften nach Überzeugung des BRV entsprechend an Boden verloren haben. Der Distributionsanteil des Reifenfachhandels insgesamt liegt in dieser Produktkategorie aber nach wie vor bei nahe 100 Prozent.

Fazit 2005/Prognose 2006

Trotz der insgesamt recht erfreulichen Entwicklung der Absatz- und Umsatzzahlen beurteilt der Bonner Fachverband das Geschäftsjahr 2005 im deutschen Reifenersatzgeschäft nicht uneingeschränkt positiv. „Das Jahr 2005 war für unsere Branche schwierig und – wenn überhaupt – können wir mit den Ergebnissen nur bedingt zufrieden sein“, sagt Peter Hülzer. „Die Umsätze lagen zwar leicht über Vorjahr, die Erträge und Ergebnisse zeigten jedoch teilweise eine Abwärtstendenz. Die Robustheit der Branche, die uns trotz lahmender Konjunktur in den vergangenen Jahren von anderen Einzelhandelsbranchen positiv abhob, zeigt erste deutliche Schwächen, insbesondere in betriebswirtschaftlicher Hinsicht.“ Als weitere stimmungsdämpfende Faktoren wertet der Bonner Fachverband

  • die Tatsache, dass es nach wie vor erhebliche regionale Unterschiede im Geschäftsverlauf gibt; so zeigen sich z.B. deutliche Gefälle zwischen traditionell eher schneereichen und schneearmen Regionen, aber auch zwischen alten und neuen Bundesländern,
  • den anhaltenden, extremen Wettbewerb, der durch eine zu hohe Anzahl an Distributionsstellen bedingt ist, und
  • die starke saisonale Abhängigkeit der Branche (in insgesamt acht Wochen werden rund 80 Prozent des Jahresumsatzes realisiert), gekoppelt mit einer zum Teil in Saisonspitzenzeiten nur sehr unbefriedigenden Warenverfügbarkeit durch die Industrie, die die Realisierung eines Teils des vorhandenen Umsatzpotenzials durch den Reifenfachhandel verhindert.

Insofern ist auch die Prognose für das Geschäftsjahr 2006 eher verhalten optimistisch. „Die wichtigsten Parameter für die Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Konjunktur bestehen in der Entwicklung der Energiepreise und dem Fortgang des Reformprozesses in Deutschland durch die neue Bundesregierung. Was wir diesbezüglich seit Jahresbeginn beobachten, lässt uns allerdings befürchten, dass die Konjunktur keine nennenswerten Impulse erhalten und solche dementsprechend auch für unsere Branche nicht liefern wird“, bedauert Verbandschef Hülzer. Diese Einschätzung deckt sich mit einem Ergebnis aus der aktuellen Jahresumfrage im Reifenfachhandel, die die Unternehmensberatung MMS Marketing + Managementsysteme GmbH (Bad König) alljährlich durchführt. „Mit 56 Prozent erwartet die Mehrheit der Unternehmen in 2006 keine Veränderungen in konjunktureller Hinsicht“, heißt es in dem Umfragebericht. Dennoch ist die im Reifenhandel insgesamt beobachtete Grundstimmung positiver als noch im Jahr zuvor: „Von neun Prozent im Vorjahr auf jetzt 32 Prozent ist der Anteil der Händler deutlich gestiegen, die ihre Geschäftslage günstiger beurteilen. Zugleich hat sich der Anteil derjenigen, die aus konjunktureller Sicht eine ungünstigere Entwicklung erwarten, von 24 Prozent im Vorjahr auf nunmehr zwölf Prozent glatt halbiert“, meldet die MMS GmbH.

„Zweifellos wird unsere Branche von der Novellierung der Straßenverkehrsordnung profitieren, die allen Kraftfahrzeughaltern neuerdings die Verwendung ‚geeigneter Bereifung’ ins Pflichtenheft schreibt. Und dies nicht nur in beiden Produktsegmenten Pkw- und Nutzfahrzeugreifen, sondern auch im Hinblick auf Sommer- wie Winterreifen“, stellt BRV-Geschäftsführer Drechsler in Aussicht. „Denn obwohl viele Medien die StVO-Novelle als versteckte Winterreifenpflicht interpretieren, darf man nicht vergessen, dass auch ein Winterreifen im Sommer nicht als ‚geeignete Bereifung’ im Sinne der neuen StVO-Vorschrift gelten kann!“ Als weiteren positiven Impuls für den Reifenfachhandel wertet der Verband die „rasante rad-/reifentechnologische Entwicklung“. Denn immer stärker kristallisiere sich heraus, dass die Komplexität der mittlerweile von der Reifenindustrie angebotenen Produktpalette für konkurrierende Vertriebswege kaum noch zu bewältigen ist. „Diese Tendenz müssen wir uns noch deutlicher bewusst machen und das hoch entwickelte Spezialistentum unserer Branche stärker als bisher als Wettbewerbsvorteil nutzen – zum einen durch Sicherung des Kompetenzvorsprungs mittels weiter notwendiger Investitionen in Personal-Know-how und modernste technische Ausstattung, zum anderen durch geeignete Maßnahmen, mithilfe derer wir diesen Kompetenzvorsprung gegenüber den Verbrauchern auch aktiv kommunizieren“, meint Drechsler.

Konkret prognostiziert der BRV für das laufende Geschäftsjahr ein nur geringes Zuwachspotenzial von etwa einem Prozent im Pkw-Reifenersatzgeschäft sowie ein insbesondere aus der Produktgruppe Lkw-Reifen zu erwartendes Plus von etwa 1,9 Prozent im Segment Nutzfahrzeugreifen. Insgesamt, so die Einschätzung aus dem Verband, werden sich 2006 die Rahmenbedingungen bestenfalls auf dem Niveau des Jahres 2005 bewegen, sodass der Reifenfachhandel erneut gefordert ist, die eigenen betrieblichen Bedingungen zu optimieren. „Das heißt im Klartext: nachhaltig an deutlichen Effizienzsteigerungen und Kostenreduktionen arbeiten und die Preiserhöhungen der Industrie an die Kunden weitergeben, um trotz schwächelnder Umsatzaussichten die Rendite zu sichern“, heißt es vonseiten des BRV.

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