Michelin strebt in Neuseeland vierten Saisonerfolg an

Die weite Anreise zur Rallye Neuseeland nehmen die Rallye-Profis gerne in Kauf – auf der anderen Seite des Globus warten die mit Abstand schönsten Naturstrecken des WM-Kalenders. Lange haben Marcus Grönholm, Colin McRae, Armin Schwarz und Co nicht auf die rund 1300 Kilometer lange Drift-Orgie rund um Auckland warten müssen: Fand die Rallye Neuseeland im Vorjahr noch im frühlingshaften Oktober statt, so startet sie dieses Mal bereits Anfang April – wenn vor Ort der regnerische Herbst beginnt. Als Gewinner der ersten drei Saisonläufe in Monte Carlo, Schweden und der Türkei fühlt sich Michelin ebenso gut gerüstet für die Rallye in der südlichen Hemisphäre wie die Partnerteams des französischen Reifenherstellers – auch wenn Testfahrten vor Ort nicht erlaubt waren und die beiden zulässigen Laufflächenprofile bereits acht Wochen vor Beginn des WM-Laufs bei der Motorsporthoheit FIA nominiert werden mussten. Dafür erleben die Neuseeländer gleich zwei Weltpremieren: Ford setzt mit dem Focus WRC 03 erstmals sein fast gänzlich neu entwickeltes World Rally Car ein, und auch Hyundai hat für Armin Schwarz und Freddy Loix einen Accent WRC mit neuem Turbolader und Reifen freundlicherem Fahrwerk homologiert. Zwei Siege für Citroën, einer für Peugeot: Der Saisonauftakt in der diesjährigen Rallye-Weltmeisterschaft blieb fest in französischer Hand. Dies soll sich – geht es nach dem Willen von Ford-Rallye-Chef Malcolm Wilson – bereits in Neuseeland ändern: Das britische Werksteam des amerikanischen Konzerns bringt in Auckland erstmals den nahezu komplett neu entwickelten Focus WRC 03 an den Start. Die Chancen von Michelin, den gemeinsam mit Peugeot-Pilot Marcus Grönholm errungenen Vorjahressieg zu wiederholen, schmälert diese Weltpremiere nicht: Die Ford-Piloten Markko Märtin, François Duval und Mikko Hirvonen – der noch auf einen Focus WRC 02 setzt – vertrauen ebenso auf die Pneus des 33-fachen Rallye-Weltmeisters wie die Fahrer der Werksteams von Citroën, Peugeot, Hyundai und Skoda. ”Mit diesem Auto sollten wir überall siegfähig sein”, freut sich Ford-Mann Märtin angesichts der neuen Aerodynamik, der ausgewogeneren Balance und des stärkeren Motors seines neuen Arbeitsgeräts voller Zuversicht: “In Neuseeland und in Finnland ebenso wie bei Asphalt-Rallies – solange wir keine Probleme mit der Standfestigkeit bekommen. Allerdings käme es schon einem Wunder gleich, wenn der WRC 03 gleich bei seinem ersten Einsatz gänzlich ohne Probleme laufen würde.” Gemessen an dem Vorgängermodell muss das neue Rallye-Gerät diesbezüglich eine hohe Latte überspringen: Die vergangenen 17 WM-Läufe beendete Ford stets in den Punkten. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, schließt Teamchef Wilson Überraschungen nicht aus: “Wenn der neue Focus ebenso zuverlässig funktioniert, dann gehört Markko zu den diesjährigen Titelkandidaten.” Peugeot-Pilot Richard Burns betet um Regen Nach Platz fünf bei der Rallye Monte Carlo, Rang drei in Schweden und als Zweiter der Rallye Türkei genießt Richard Burns in Neuseeland eine besondere Ehre: Als Tabellenführer muss der Brite mit seinem Michelin-bereiften Peugeot 206 WRC als erstes Auto auf die Strecke. Ob sich dies für ihn als Vor- oder Nachteil entpuppt, darüber entscheidet das herbstliche Wetter: Bleibt es trocken, dann spielt der Weltmeister von 2001 den Straßenkehrer und fegt den staubigen Sand von den Schotterpisten. Die nachfolgenden Rallye-Piloten profitieren davon: Ihre Pneus finden auf dem härteren Untergrund besseren Halt und dadurch mehr Grip – auch wenn ihre Fahrt dadurch zu einem Tanz auf der Rasierklinge wird. Hyundai-Werkspilot Armin Schwarz: “Direkt neben der freigefahrenen Spur bleibt der rutschige Splitt liegen – wenn du darauf kommst, hast du ein Problem.” Regnet es jedoch, so dürfte sich Richard Burns zumindest am ersten Rallye-Tag freuen: Je mehr Autos die Strecken umgewühlt haben, desto schlammiger und rutschiger wird es – zum Leidwesen von Schwarz, der mit seinem Accent WRC als elftes Auto auf die Strecke geht. Je nach Intensität der Niederschläge könnte es dann hektisch werden im Container-Park von Michelin: Viele Fahrer lassen sich das Profil ihrer 15 Zoll hohen Schotterpneus vom Typ Z oder ZA nach individuellen Vorstellungen per Hand nachschneiden, um zum Beispiel das Drainage-Potenzial zu optimieren – ein Arbeitsaufwand von rund 15 Minuten pro Reifensatz. Übrigens: Die Startreihenfolge für die zweite und dritte Etappe der Rallye Neuseeland orientiert sich am Ergebnis des jeweiligen Vortages: Die 15 bestplatzierten Fahrer verlassen den Parc fermé von Paparoa beziehungsweise Auckland in umgekehrter Reihenfolge, also der Langsamste als Erster. Während Burns auch in seiner zweiten Saison bei Peugeot seinem ersten Sieg am Steuer eines 206 WRC noch hinterherjagt, kann es der amtierende Weltmeister Marcus Grönholm gelassener angehen: Der Finne mit dem schwedischen Familiennamen steuerte den allradgetriebenen Löwen in Neuseeland bereits zweimal als Sieger über die Zielrampe. Als Dritter Peugeot-Pilot im Bunde geht Harri Rovanperä auf die Reise – fest gewillt, seinen in der Türkei knapp verpassten Sieg auf den wunderschön geschwungenen Schotterstrecken am anderen Ende der Welt nachzuholen. Kein Geheimtipp mehr: Citroën peilt dritten Saisonsieg an Als größter Herausausforderer könnte sich jedoch einmal mehr das schnelle Trio von Michelin-Partner Citroën entpuppen: “Monte”-Sieger Sébastien Loeb eilt zu Unrecht der Ruf als reiner Asphalt-Spezialist voraus, denn das Supertalent entschied in der Vergangenheit bereits die französische Schotter-Meisterschaft für sich. Carlos Sainz – der in der Türkei durch seinen 25. WM-Erfolg mit seinem Teamkollegen Colin McRae in der ewigen Bestenliste gleichzog – hat in Neuseeland schon viermal auf dem obersten Treppchen gestanden. Und McRae, der am Rallye-Freitag gleich hinter seinem Erzrivalen Burns auf die Strecke gehen wird, durfte sich von den “Kiwis” bereits drei Mal als Gewinner bejubeln lassen. “Die Rallye hier gehört zu den besten im gesamten WM-Kalender”, freut sich der 34-jährige Schotte. “Auf den schnellen und fantastischen Schotterpassagen sollte unser Xsara WRC gut funktionieren. Doch das Ergebnis hängt stark vom Wetter ab: Regnet es, können wir gewinnen. Bleibt es trocken, wird es schwierig für uns. Dann wird Marcus seine bessere Startposition ausspielen.” Hyundai nach ausführlichen Testfahrten zuversichtlich Mit großen Ambitionen reist auch Hyundai einmal um die halbe Welt. Bei ausführlichen Testfahrten in Spanien prüften Armin Schwarz – der in der Türkei zeitweilig auf Rang zwei geführt wurde – und Teamkollege Freddy Loix der neuen Homologation ihres Accent WRC gehörig auf den Zahn. “Der neue Turbolader sorgt dafür, dass sich die Leistung speziell im mittleren Drehzahlbereich linearer entwickelt”, verrät der fränkische Technikfreak. “Dies verbessert auch die Traktion.” Ebenfalls neu: Standfestere, selbst entwickelte Stoßdämpfer sollen auch bei härtester Belastung fortan konstanter funktionieren – eine Verbesserung, die insbesondere auch den Reifenverschleiß minimieren hilft. Entsprechend ehrgeizig definiert Schwarz sein Ziel für die Rallye Neuseeland: ein Platz unter den ersten Acht – und somit WM-Punkte für die Fahrerwertung. Dass dies nicht unmöglich ist, bestätigt auch Sven Smeets, der Copilot von Loix: “Diese Veranstaltung ähnelt der Rallye Finnland, nur die Sprünge fehlen. Wir fahren sehr hohe Tempi, ohne dabei das Auto stark zu fordern, denn die Strecken sind sehr eben. Doch in Neuseeland macht der Fahrer den Unterschied aus – nicht das Auto.” Einer Doppelbelastung sehen sich derzeit die Michelin-Partner Didier Auriol und Toni Gardemeister ausgesetzt: Neben der Arbeit mit dem aktuellen Octavia WRC kümmern sich die Skoda-Werksfahrer auch intensiv um die Entwicklung des neuen Fabia WRC. Das ungleich kompaktere Rallye-Gerät will die tschechische VW-Tochter im späteren Saisonverlauf erstmals einsetzen. Mit seinem langen Radstand soll aber auch der wuchtige Octavia noch einmal glänzen: Sein ruhigeres Fahrverhalten kommt dem geschwungenen Rhythmus der insgesamt 22 bis zu 59 Kilometer langen Neuseeland-Prüfungen entgegen. Eine Besonderheit der Statistik könnte den World Rally Car-Piloten als zusätzliche Motivation dienen: In den vergangenen vier Jahren errangen die Neuseeland-Sieger stets auch die Fahrer-Weltmeisterschaft…

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