Runderneuerungsmarkt bleibt in Bewegung – Trotz oder wegen der Zölle

Groß waren die Erwartungen in den Reihen der europäischen Runderneuerer, als 2018 in Europa die Diskussionen über die Einführung von Antidumping- und Antisubventionszöllen aufkochten, die dann zum Ende des Jahres hin auch rechtskräftig – für fünf Jahre – eingeführt wurden. Ein Blick auf die neuesten Marktkennzahlen, wie die European Tyre & Rubber Manufacturers‘ Association (ETRMA) sie nun der NEUE REIFENZEITUNG bereitgestellt hat, zeigen dabei aber, dass das erste, fast explosive Wachstum um knapp 400.000 runderneuerte Reifen 2018, was einem Plus von nahezu zehn Prozent entsprach, mittlerweile wieder einer Stagnation gewichen ist. Aktuelle Zahlen zeigen, dass 2019 der Markt für runderneuerte Reifen wieder um gut 50.000 Stück geschrumpft ist, was 1,2 Prozent entspricht. Dennoch sind Marktbeobachter angesichts solcher Zahlen nicht unglücklich, stellt Stagnation für sie doch bereits einen Erfolg dar, blickt man zurück auf ein jahrelanges Schrumpfen des europäischen Runderneuerungsmarktes. Die Prognosen sind dementsprechend ebenfalls eher zweideutig.

Diese und weitere Zahlen zum „Runderneuerungsmarkt Europa“ finden Sie hier in der neuen Menü-Kategorie unter „Zahlen und Fakten“.

 Dieser Text ist in der jüngsten Runderneuerungsbeilage „Retreading Special“  erschienen, die Sie hier auch als E-Paper lesen können. Sie sind noch kein Leser? Kein Problem. Das können Sie hier ändern.

Da im Jahr 2018 die Lkw-Reifenimporte nach Europa – maßgeblich auch von den drohenden und dann beschlossenen Zöllen beeinflusst – um 750.000 Stück bzw. 17 Prozent einbrachen, schien die Hebelwirkung der Zölle bewiesen. Doch dass davon, wie zumindest zu Beginn der Zolldiskussion immer wieder betont, vorwiegend die europäischen Runderneuerer profitieren würden, ließ sich leider nicht beweisen. Im Gegenteil sogar. Während die Runderneuerer zwar, wie eingangs beschrieben, 2018 in Summe 400.000 Reifen mehr verkaufen konnten, legte der Markt für Neureifen gleichzeitig um eine Million Stück zu. Im vergangenen Jahr nun beruhigte sich die Entwicklung wieder etwas. Während sich der Absatz von Neureifen noch einmal erhöhte, und zwar um 150.000, gab der Runderneuerungsmarkt wieder um rund 50.000 Stück nach. Gleichzeitig legten die Importe erneut um 330.000 Stück zu.

Wie kann man solche Zahlen nun interpretieren? Es ist zumindest schwer, die europäische Runderneuerung als Gewinner der Zollentscheidung zu präsentieren. Es scheint ganz klar zu sein, dass vornehmlich die Neureifenhersteller mit Produktionsstätten in Europa von den Rückgängen bei den Importen, die bekanntlich vorwiegend aus China stammen, profitieren können. Jeder, der in Europa Reifen kauft und verkauft, weiß: Lkw-Reifen der Zweit- und Drittmarken etablierter hiesiger Hersteller hatten zwischenzeitig sogar mit handfesten Lieferengpässen zu kämpfen.

Diese Entwicklung lässt sich auch mit einem Blick in die sogenannten Europool-Zahlen für Neureifen nachskizzieren. Während die Absätze von Tier-3-Neureifen aus hiesiger Produktion in der Zeit vor den Zöllen (2017) bis zum vergangenen Jahr – Jahr eins nach der Zollentscheidung – von 500.000 auf 1,3 Millionen Stück anschwellte, wuchsen die Absätze in Tier 2 und Tier 1 deutlich, wenn auch weniger deutlich. In absoluten Zahlen: Tier 2 – plus 300.000 Stück auf jetzt drei Millionen; Tier 1 – plus 200.000 Stück auf jetzt 6,5 Millionen Stück.

Unterdessen haben sich auch Hersteller aus China auf die neue Situation eingestellt, haben seit 2018 doch nicht wenige ihre Lkw-Reifenproduktion nach Südostasien verlegt, etwa nach Vietnam oder Thailand. Mittlerweile ist sogar bei dem einen oder anderen Hersteller die Rede von Investitionen in Reifenfabriken in Osteuropa. Die EU-Zölle gegen Lkw-Reifenimporte aus China hatten demnach durchaus eine Wirkung, jedoch nicht die, die man uns im Rahmen der Zolldiskussionen 2018 prognostiziert hatte. Das Fazit für den Moment lautet demnach: Zölle halten Hersteller aus Fernost nicht auf, mit günstigeren Reifen den europäischen Markt zu bedienen und sie werden – mehr oder weniger – erfolgreich bleiben, solange die Nachfrage nach solchen vermeintlichen Billigprodukten vorhanden ist.

Spricht man mit Marktbeobachtern, dann ist die Erwartung für das laufende Jahr, dass der Runderneuerungsmarkt weitestgehend stabil bleibt. Das liege nicht zuletzt auch daran, weil sich etablierte Produzenten – aufseiten der Industrie wie auch aufseiten des Handels – ihrer Absatzkanäle sicher sein können. Während die Industrie runderneuerte Lkw-Reifen zunehmend in ihr Flottenangebot integriert und damit das Argument der Optimierung der Kosten pro Kilometer untermauert, kann der Handel, ebenfalls von solchen Argumentationen profitierend, auf seinen stabilen Zugriff auf langjährige Kunden vertrauen. Wichtig sei für beide Anbietergruppen, neue Kunden zu gewinnen, ohne Frage. Aber unterm Strich stehe man mit den vermeintlichen Billigreifen aus Fernost eh nicht im direkten Wettbewerb, sodass man auch bei einem Wiedererstarken der Importe nicht vollumfänglich getroffen würde. Gerade in den Reihen der etablierten deutschen Runderneuerer, die über eigene Absatzkanäle, also Filialen, verfügen, blickt man auf weitestgehend stabile Entwicklungen während der vergangenen Jahre zurück. Der Grund: Anstatt über das Preisargument zu verkaufen, wird hier ganz bewusst im Beratungsgespräch die Qualitätskarte gespielt. „Unser Absatz ist nicht vom Zoll abhängig“, sagt dementsprechend ein großer deutscher Runderneuerer im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG. „Wir setzen seit jeher auf Premiumqualität, die die Kunden überzeugt und sie am Ende am günstigsten kommt.“ Laufleistung und die Kosten pro Kilometer seien hier viel überzeugender als die Einstandskosten. Sollte die Vermarktung von runderneuerten Lkw-Reifen in naher Zukunft schwieriger werden, dann nicht aufgrund wieder erstarkter Reifenimporte aus Fernost, sondern eher aufgrund allgemeiner konjunktureller Entwicklungen.

Dennoch: Bewegungen in den verschiedenen Warenströmen ziehen immer auch Bewegungen in den anderen nach sich; Veränderungen scheinen auch in den kommenden Jahr gewiss zu bleiben. arno.borchers@reifenpresse.de

 

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