Imponiergehabe im Auto ist eine typische Männerdomäne

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Ein Zwanzigjähriger rast im März 2019 in einem gemieteten Sportwagen mit geschätzten 165 Stundenkilometern durch die Innenstadt Stuttgarts, rammt einen Kleinwagen und tötet dessen Insassen. Er habe vor seinen Freunden angeben wollen, soll er vor Gericht erklärt haben. Er ist bei weitem kein Einzelfall. Die Verkehrspsychologin Sherine Pola Franckenstein von TÜV Nord erklärt, was Raser wie ihn antreibt.

„Verbotenes Kraftfahrzeugrennen“ heißt der Tatbestand, wenn Autofahrer auf öffentlichen Straßen rücksichtlos rasen, sei es im Wettstreit mit Gleichgesinnten oder einfach, um der Geschwindigkeit willen. „Die Zahlen steigen“, berichtet Sherine Pola Franckenstein, verkehrspsychologische Gutachterin des TÜV Nord in Dortmund. 2018 registrierten die Behörden in Nordrhein-Westfalen 474 illegale Autorennen, gut ein Drittel mehr als im Vorjahr. Die Zahl der dabei verursachten Unfälle hat sich sogar verdoppelt.

Seit zwei Jahren gilt das Delikt nicht mehr als Ordnungswidrigkeit, sondern als Straftat: Wer verbotene Autorennen fährt oder veranstaltet, kann bis zu zwei Jahre ins Gefängnis gehen. Bis zu zehn Jahre Haft drohen, wenn er dabei jemanden schwer verletzt oder tötet. Anfang 2019 wurden in zwei prominenten Fällen lebenslange Freiheitsstrafen wegen Mordes verhängt. Das Gericht erkannte in den Taten typische Mordmerkmale: niedrige Beweggründe, arglose Opfer und ein gemeingefährliches Mittel, das Auto. Auch in minderschweren Fällen können die Behörden eine medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) verlangen, um die Eignung zur Teilnahme am Straßenverkehr zu prüfen. Dabei müssen sich die Prüflinge selbstkritisch mit dem eigenen Fehlverhalten auseinandersetzen. Warum haben sie das getan? TÜV-Gutachterin Sherine Pola Franckenstein hört häufig dieselbe Antworte: Es gehe um den Adrenalinkick, den Geschwindigkeitsrausch. ‚Sensation Seeking‘ heißt das Verlangen nach Risiken und Aufregung in der Fachsprache.

Das Rasen wecke außerdem Gefühle von Macht und Stärke, erläutert die Psychologin weiter. „Viele kennen keine andere Möglichkeit, sich Anerkennung zu verschaffen. Sie wollen ihre Fahrkünste und ihre Männlichkeit demonstrieren. Nur selten sitze eine Frau am Steuer. Imponiergehabe im Auto ist eher eine typische Männerdomäne.“

Nach Franckensteins Erfahrung sind sich die Raser der Risiken kaum bewusst. Sie überschätzen ihre Fähigkeiten und scheren sich nicht um die Regeln, nach dem Motto: Ich kann das, also darf ich das. „Sie glauben das Auto besser zu beherrschen, als es die physikalischen Gesetze zulassen“, sagt die Psychologin. Endet das Rennen in einem Crash, suchen sie die Schuld nicht bei sich.“

Nach einem schweren Unfall falle die Einsicht besonders schwer, hat Franckenstein beobachtet. Die meisten könnten mit der Schuld, einen Menschen verletzt oder getötet zu haben, nicht leben. Psychologisch sei es einfacher, auf einen ‚dummen Zufall‘ oder auf das Opfer, das „in einem ungünstigen Moment“ über die Straße gelaufen sei, zu verweisen. Manche könnten die Perspektive der Betroffenen zwar rational nachvollziehen. Aber sie seien nicht imstande, sich emotional in die Betroffenen hineinzuversetzen.

Wie kann man diese Hochrisikogruppe zum Umdenken bewegen? Die Bundesanstalt für Straßenwesen habe knapp 2.000 repräsentativ ausgewählte 15- bis 24-Jährige in standardisierten Interviews nach ihrem Lebensstil, ihren Werten und Einstellungen befragt, hießt es beim TÜV Nord. Ergebnis: Der „autozentrierte Typ“, von dem im Straßenverkehr die größte Gefahr ausgeht, interessiert sich wenig für Verkehrssicherheit. Um Risiken zu vermitteln, brauche die Botschaft deshalb eine angemessene „Verpackung“. Sherine Pola Franckenstein zeigt uneinsichtigen Rasern deshalb allgemeingültige physikalische Grenzen des Fahrens auf, zum Beispiel die Länge der Bremswege. Ihre Botschaft: Wenn niemand zu Schaden kommt, ist das Glück – und nicht etwa Können. cs

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