Kommentar von Klaus Haddenbrock: Konzernvorstände in den Knast? Das muss nicht sein!

Sein Jahreseinkommen von zehn Millionen Euro entspreche der „Relevanz des Unternehmens für die Volkswirtschaft“ und beinhalte „das persönliche Risiko, dass ich als Chef immer mit einem Bein im Gefängnis stehe“, meint Ex-VW-Chef Matthias Müller. Der Hinweis auf das Gefängnis ist angebracht, weil der Volkswagen-Konzern wegen „Dieselgate“ derzeit ein paar Gefängnisinsassen zu versorgen hat, darunter einen für sieben Jahre in Amerika einsitzenden Manager, einen Ex-Audi- und nun Porsche-Manager sowie den aktuellen Audi-Boss. Der Aktionsradius seines Vorgängers Martin „Wiko“ Winterkorn ist dramatisch geschrumpft. Unter seiner Führung muss die VW-Relevanz für die Volkswirtschaft noch weitaus größer und das Risiko, in einer Gefängniszelle zu landen, noch ausgeprägter gewesen sein, wie denn sonst wären Jahreseinkommen zwischen 15 bis 17 Millionen sowie sonstige Segnungen zu rechtfertigen? Da die zum „Dieselgate“ ausgeuferten Manipulationen und Betrügereien unter seiner Ägide vorgenommen worden sind, wird seine Bewegungsfreiheit durch einen internationalen US-Haftbefehl eingeschränkt, vor dessen Vollstreckung ihn am besten schützt, wenn er sich nur auf deutschem Boden aufhält.

Bis zu einer Million Euro soll der Betriebsratsvorsitzende Osterloh jährlich bekommen haben, dessen Wirken vor seiner Wahl zum Vorsitzenden zuvor mit deutlich weniger als einem Zehntel dessen vergütet wurde. Auch hier ermittelt wieder einmal die Staatsanwaltschaft. Gewerkschafter wollen diesen Riesensprung mit der großen Verantwortung begründen. Wäre Verantwortung das Kriterium, ja was müsste dann den Leitern und Leiterinnen diverser VW-Kindergärten bezahlt werden, die ja schließlich das Wertvollste, das Menschen haben können, in Obhut genommen haben?

Es geht um „Dieselgate.“ Bereits im April letzten Jahres wurde der Volkswagen-Konzern, nachdem er sich schuldig bekannt hatte, zur Zahlung von 4,3 Milliarden Dollar verurteilt. An das Land Niedersachsen musste in diesen Tagen deswegen eine Milliarde Euro Bußgeld bezahlt werden. Zweistellige Milliardenbeträge sind fällig zur Entschädigung von US-Verbrauchern, weltweit sind weitere Nacharbeiten fällig; bis jetzt haben die Manipulationen und Betrügereien den VW-Konzern schon etwa 30 Milliarden Euro gekostet. Und die Affäre wird Volkswagen noch auf Jahre hinaus beschäftigen. Und weitere Milliarden Euro kosten.

Volkswagen war schon zuvor als spezielles Unternehmen aufgefallen. Die Rotlichtaffäre, eine Verflechtung von Filz, Sex, Politik, von Bundestagsabgeordneten, die ihr Gehalt bei Volkswagen weiter bezogen, obwohl sie nicht mehr für den Konzern arbeiteten, und die enge Zusammenarbeit zwischen dem Personalvorstand und dem Betriebsratsvorsitzenden. Ersterer erhielt eine Gefängnisstrafe von 24 Monaten gerade noch so zur Bewährung ausgesetzt, Letzterer bekam knapp drei Jahre Gefängnis ohne Bewährung.

Wie konnte es bei Volkswagen, einem Unternehmen mit diesen vier Unternehmensgrundsätzen, soweit kommen?

  1. Höchstleistung. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen nicht unter- und nicht überfordert werden, sie sollen Höchstleistungen und „mit Freude ihr Bestes erbringen.“
  2. Vorbildliche Führung. Das Management „führt, fordert, fördert.“ Durch „vorbildliche Führung und gute Zusammenarbeit zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern werden die Ziele erreicht.“
  3. Konzernweite einheitliche Mitarbeiterbefragung als Stimmungsbarometer.
  4. Soziale Verantwortung. Die Unternehmenskultur hat den Menschen im Fokus. Dazu gehört „gelebte kooperative Konfliktbewältigung zwischen Betriebsrat und Unternehmensleitung.“

Das klingt alles prima, ist zunächst aber nur eine Aneinanderreihung von Phrasen. Mitarbeiter sollen „Höchstleistungen und mit Freude ihr Bestes erbringen“ es geht um „gelebte Konfliktbewältigung zwischen Betriebsrat und Unternehmensleitung“, und wie stets „führt, fordert, fördert“ das Management und arbeitet vorbildlich mit den Untergebenen zusammen. Denkt man an „Dieselgate“ und an die unvergessenen „Rotlichtaffäre“, in denen Management und Betriebsräte sich gegenseitig vor- und verführten, liegt die Vermutung nahe, dass die Verantwortlichen die Unternehmensgrundsätze als Teil eines unterhaltsamen Lustspiels betrachtet haben.

Doch nun soll ja alles besser werden, ein „Kulturwandel“ findet statt. Was das heißt? Volkswagen will offenbar ein besserer Corporate Citizen, also „Unternehmensbürger“, werden. War das ernst gemeint oder hatte Müller im Verlauf der „Dieselgate“-Affäre nur einen rabenschwarzen Tag, als er in einem US-Radio Interview schlankweg behauptete, die Dieselaffäre sei kein ethisches, sondern ein technisches Problem. Man habe bei Volkswagen nicht gelogen, sondern leider das amerikanische Recht „nicht richtig interpretiert“. Mit anderen Worten: Man wollte den Kunden nur ein wenig hinter die Fichte bugsieren und ist nun tief erschrocken, dass die US-Behörden die VW-Relevanz zur Volkswirtschaft geringer und ein „technisches Problem“ dramatisch gravierender behandeln als deutsche Behörden? Gäbe es denn eine „gelebte konstruktive Konfliktbewältigung“, wäre der Umgang mit allen mit „Dieselgate“ beschäftigten US-Behörden anders und damit aufrichtiger erfolgt; vermutlich im Ergebnis auch deutlich billiger für Volkswagen.

Der gute Unternehmensbürger lügt und betrügt nicht, korrumpiert nicht und lässt sich nicht korrumpieren, er achtet Gesetze und sonstige Vorschriften und ist sich seiner Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit jederzeit bewusst. So einfach ist das im Grunde. Was ein Unternehmen zum „guten Unternehmensbürger“ macht, kann ein Journalist recht einfach niederschreiben. Was ist zu tun, was ist unabdingbar?

  • Der Kunde ist zu respektieren. Er hat die Wahl, er kann jederzeit ein anderes Produkt kaufen. Er bestimmt über das Wohl und Wehe des Unternehmens, und er ist es letztlich, der die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bezahlt. Der Kunde ist Chef des Unternehmens.
  • Die Belegschaft ist zu respektieren. Es geht darum, ein Umfeld zu schaffen, in dem alle Belegschaftsmitglieder ihre Fähigkeiten und ihre Kreativität zur Geltung bringen können.
  • Die Aktionäre sind zu respektieren. Von ihnen hängen die Entwicklungsmöglichkeiten des Unternehmens, sein Wachstum und sein Fortbestand ab.
  • Fakten sind zu respektieren. Überall gibt es Rahmenbedingungen, Vorschriften. Alles, was vorgegeben ist, muss respektiert werden. Wenn ein Management meint, etwas überdehnen, interpretieren oder überinterpretieren zu können, spielt es mit dem Feuer. Es bringt das Unternehmen möglicherweise gar an den Abgrund und stürzt sich selbst ins Unglück.
  • Die Umwelt ist zu respektieren. Das ist schon deshalb pure Selbstverständlichkeit, weil wir alle Teil dieser Umwelt sind.
  • Übernahme von Verantwortung. Wenn Konzernchefs oder Betriebsratsvorsitzende auf ihre große Verantwortung hinweisen, müssen sie noch lernen zu respektieren, dass es eine kleine Verantwortung nicht gibt. Jeder im Unternehmen trägt auf seinem Niveau volle Verantwortung für sein Tun und hat sich gegebenenfalls vor dem Management, den Kollegen, Aktionären und auch Kunden zu verantworten.

Diese Grundsätze passen auf jedes Unternehmen, ob groß oder klein, Industrie- oder Handelsunternehmen. Also, alles gar nicht so schwer, oder? Übrigens, was hier in wenigen Worten beschrieben worden ist, entstammt der bei Michelin bereits 2002 eingeführten „Charta – Leistung und Verantwortung“, in der deutlich die Handschrift des da gerade mal 36 Jahren alten charismatischen Unternehmenschefs Edouard Michelin, der 2006 auf tragische Weise ums Leben kam, zu lesen ist. Bei anderen Reifenherstellern werden Unternehmenskulturen unter Überschriften wie „Basics“ bzw. „Gründe, an das Unternehmen zu glauben“ mehr oder minder erfolgreich gepflegt.

Abschließend noch das Ergebnis einer kleinen „Gegenprobe“. Affären wie „Dieselgate“ kann es nicht geben, wenn man Achtung vor Kunden behält, statt diese mit manipulierten Ergebnissen zu täuschen. Solche kann es erst recht nicht geben, wenn man Achtung vor der Umwelt hat und diese weder heimlich noch unnötig belastet. Denn dass es auch anders geht, leben Autohersteller mit ihren aus dem Hut gezauberten „Updates“ urplötzlich vor. Es sind zeitlose Werte wie Respekt, Anstand, Fairness und Loyalität, die der hanseatische Kaufmann, und nicht nur dieser, hochhält. Wer das beherzigt, läuft nur geringe Gefahr, mit seinen Füßchen in einem hässlichen Gebäude zu landen. klaus.haddenbrock@reifenpresse.de

2 Kommentare
  1. willy matzke says:

    Ein höchst beeindruckendes Paket aus fundamentalem Wissen und perfekter Wortwahl, ein echter Haddenbrock eben. Da könnten sich Viele was hinter die Ohren schreiben, aber nicht nur in jenem Autokonzern, der halt gerade im Fokus steht. Kundentäuschung ist viel weiter verbreitet, als man glaubt. Manche werden noch einige Jahre brauchen, um zu begreifen, mit welchen Täuschungsstrategien e-mobility und Energiewandel vorangetrieben werden.

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