Nexen Tire in Europa: Neues Werk, neues F&E-Zentrum, neue Retail-Vertriebsmannschaft

Für Nexen Tire steht in Europa eine Zeitenwende bevor. Der koreanische Reifenhersteller will noch im Laufe dieses Jahres mit dem Bau seiner ersten Reifenfabrik auf europäischem Boden – namentlich in Tschechien – und dem Bau eines neuen European Technical Centers (NTEC) bei Frankfurt beginnen. Auch wenn die Produktion in dem neuen Werk dann erst 2018 aufgenommen werden soll, passt Nexen Tire derzeit bereits seine europäischen Strukturen an und bemüht sich gleichzeitig intensiv um eine vielschichtige Verankerung der Marke im europäischen und im deutschen Reifenmarkt. Im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG erläuterte Seung-Do Jin, Präsident von Nexen Tire Europe (Eschborn), was das Unternehmen jüngst bewegt hat und was es demnächst noch alles bewegen will in Europa.

Nexen Tire hat in Europa mit seinen bestehenden Strukturen eine Kapazitätsgrenze erreicht, und zwar bei Forschung und Entwicklung, Produktion und Vertrieb. Entsprechend muss sich beim koreanischen Reifenhersteller in naher Zukunft einiges ändern, damit das Unternehmen weiterhin auf seinem eingeschlagenen Wachstumskurs bleiben kann. Das Unternehmen habe eigenen Aussagen zufolge im vergangenen Jahr in Europa rund acht Millionen Pkw-Reifen vermarktet, die samt und sonders aus den Fabriken in Korea und China hierher verschifft werden mussten; von diesen acht Millionen Reifen seien – wieder eigenen Aussagen zufolge – allein zwei Millionen auf dem deutschen Reifenmarkt verkauft worden. Ein immenser logistischer, Zeit- und Kostenaufwand steckt in dieser Art der Marktbetreuung aus der Ferne. Es kann bis zu 16 Wochen dauern, bis die bestellten Reifen per Container beim Kunden in Europa ankommen. Der europäische Reifenmarkt ist demnach für Nexen Tire mehr als groß genug, um die Produktionskapazitäten einer Reifenfabrik vor Ort weitestgehend auszulasten.

Einen entsprechenden Beschluss hat der Vorstand des Unternehmens im vergangenen Jahr gefasst. Parallel zu Kapazitätserweiterungen in den bestehenden Fabriken – allein in diesem Jahr sollen in Korea und China die Kapazitäten von 35 auf 40 Millionen Stück ausgebaut werden – will Nexen Tire in den kommenden Jahren 1,2 Billionen Won (aktuell eine Milliarde Euro) in die Errichtung einer neuen Pkw-Reifenfabrik in Nošovice in Tschechien investieren. Bis 2018 will der Hersteller dort in zwei Phasen Kapazitäten zur Herstellung von zwölf Millionen Pkw-Reifen installieren, die dann vorwiegend für eine Vermarktung vor Ort – also innerhalb Europas – zur Verfügung stehen. Nexen Tire sieht in der 2012 eröffneten Reifenfabrik im koreanischen Changnyeong, die nach ursprünglichem Plan bis 2018 auf eine Kapazität von 21 Millionen Pkw-, LLkw- und SUV-Reifen ausgebaut werden soll, den Benchmark für die neue Fabrik in Tschechien, insbesondere auch in technologischer Hinsicht.

Auch wenn eine neue Fabrik in Europa in den bestehenden Fabriken in Korea und China die Verfügbarkeiten verbessert, müssen doch dort dann keine Reifen mehr für den hiesigen Markt produziert werden, liegt der Fokus der Großinvestition in Tschechien doch ganz klar auf dem europäischen Reifenmarkt, wie Seung-Do Jin, Präsident von Nexen Tire Europe, im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG betonte. „Es geht uns ganz klar um das Wachstum in Europa“, so Jin, und unterstrich, dass sich eine Produktion vor Ort überaus positiv auf die Qualität der Dienstleistungen des Reifenherstellers auswirken werde. Mit anderen Worten: Nexen Tire und seine Kunden können von kurzen Lieferzeiten, hohen Verfügbarkeiten und geringen Vertriebskosten profitieren.

Der Nexen N’blue HD Plus hat im aktuellen AutoBild-Sommerreifentest in der Reifengröße 185/60 R15 84 H eine „vorbildliche“ Benotung erhalten und gehört damit zu den Testsiegern; Nexen-Europapräsident Jin dazu: „In unsere F&E-Einrichtungen haben wir viel investiert; dies ist jetzt das Ergebnis“

Der Nexen N’blue HD Plus hat im aktuellen AutoBild-Sommerreifentest in der Reifengröße 185/60 R15 84 H eine „vorbildliche“ Benotung erhalten und gehört damit zu den Testsiegern; Nexen-Europapräsident Jin dazu: „In unsere F&E-Einrichtungen haben wir viel investiert; dies ist jetzt das Ergebnis“

Der europäische Reifenmarkt zähle, was sein Volumen und seinen technologischen Standard betrifft, zu den wichtigsten der Welt, das sieht man auch bei Nexen Tire so. Reifenhersteller, die sich hier fest etablieren können, dürfen sich zu den führenden Reifenherstellern der Welt zählen. Zu diesem Standing gehört freilich auch die Etablierung einer Marke als Erstausrüstungsmarke in der europäischen Automobilindustrie. Jeder weiß: Die Zusammenarbeit mit Erstausrüstern ist allein schon auf logistischer Ebene recht anspruchsvoll. Folglich ist eine Fabrik in Europa von zentraler Bedeutung für die weitere Verbesserung der Zusammenarbeit mit den Automobilherstellern unter den Nexen-Tire-Kunden. „Durch eine Fabrik vor Ort werden wir hier deutlich flexibler“, so Jin. Nexen Tire hat vor rund drei Jahren damit begonnen, auch Reifen an die europäischen Erstausrüster zu liefern, erst im Kleinen wie in kleinen Größen. Aber das Geschäft habe sich ebenfalls kontinuierlich entwickelt, wie der Europapräsident dazu feststellte. Aktuell liefert der koreanische Reifenhersteller seine Produkte etwa an Volkswagen (VW Polo, Skoda Octavia und Rapid), an Fiat (500, Doblo und Multipla) sowie an die Hyundai Kia Automotive Group. Der koreanische Automobilkonzern betreibt im Übrigen in direkter Nähe zur neuen Nexen-Tire-Fabrik in Tschechien eine eigene Hyundai-Fabrik; Kia fertigt in der benachbarten Slowakei. Man stehe zwar „noch am Anfang“, was die europäische Erstausrüstung betrifft, musste Jin zugeben, er sehe aber klare Zeichen eines weiter deutlichen Wachstums mit zusätzlichen Erstausrüstungskunden und insbesondere mit größeren Reifendimensionen.

Wichtig für die Intensivierung des Erstausrüstungsgeschäftes sind – natürlich: neben der richtigen Produktqualität – vor allem auch entsprechenden Kapazitäten in Forschung und Entwicklung. Derzeit betreibt Nexen Tire in Frankfurt-Höchst sein europäisches Technikzentrum, das „Nexen European Technical Centre“ (NTEC). Der Hersteller hat die Einrichtung 2011 parallel zu den ersten Homologierungen bei europäischen Erstausrüstungskunden eingerichtet und beschäftigt dort heute unter der Leitung von Hee-Jong Lee 22 Ingenieure und Techniker. Das bestehende NTEC sei mittlerweile aber viel zu klein geworden, so Europapräsident Jin gegenüber dieser Zeitschrift, und bestätigte damit noch einmal den Plan für den Bau eines neues NTEC, über den die NEUE REIFENZEITUNG erstmals im vergangenen Oktober berichtet hatte. In der Lokalpresse wird von einem Investitionsvolumen von rund zehn Millionen Euro berichtet, was Jin indes noch nicht bestätigen wollte.

So oder so, noch im Laufe dieses Jahres sollen die Bauarbeiten am neuen NTEC-Standort in Kelkheim (Taunus) beginnen, knapp zehn Kilometer vom derzeitigen NTEC in Frankfurt-Höchst entfernt gelegen. In einer ersten Auf- und Ausbaustufe soll das neue European Technical Center bis zu 35, in einer zweiten Stufe bis zu 50 und langfristig einmal bis zu 70 Ingenieuren und Technikern Arbeit bieten. In welchem zeitlichen Ablauf diese Entwicklungsstufen vollzogen werden, steht noch nicht sicher fest; allerdings sollen bis 2020 wohl die 50-Mitarbeiter-Grenze erreicht werden. Sehr wohl steht aber schon konkret fest: Bis Ende 2016 wird das neue NTEC bezugsfertig sein.

Unabhängig von der genauen Entwicklung ist es für Europapräsident Seung-Do Jin wichtig zu betonen, dass der Hersteller durch den Umzug und den Ausbau der F&E-Kapazitäten vor allem mehr Know-how, Expertise und Wissen in Europa und für Europa anhäufen und sich nutzbar machen kann. Dies werde sich in weiter verbesserten Produkten niederschlagen, zeigte sich Jin überzeugt. In diesem Zusammenhang sei es wichtig zu betonten, dass Nexen Tire mit seinen Produkten qualitativ bereits auf Premiumniveau angekommen sei. So hat der neue Nexen N’blue HD Plus etwa im aktuellen AutoBild-Sommerreifentest der Reifengröße 185/60 R15 84 H eine „vorbildliche“ Benotung erhalten und gehört damit zu den Testsiegern noch vor etlichen anderen Premiummarken. In der jüngsten Vergangenheit hat Nexen Tire immer wieder gute Testergebnisse von verschiedenen Medien und Organisationen erhalten. „In unsere F&E-Einrichtungen haben wir viel investiert; dies ist jetzt das Ergebnis“, erklärte Jin im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG diese Entwicklung.

Dass das neue Nexen European Technical Center in Kelkheim (Taunus) natürlich eng mit den anderen bestehenden F&E-Einrichtungen des Unternehmens verbunden und in diese integriert sein wird, ist eine Selbstverständlichkeit; derzeit betreibt Nexen Tire noch weitere solche Einrichtungen in Korea, China und in den USA (wo das Untenehmen im Übrigen kein Werk betreibt). Auch wird das neue NTEC natürlich eng an das neue Reifenwerk in Tschechien angebunden sein, allein schon, um die Aufträge aus der Automobilindustrie in der industriellen Fertigung umzusetzen.

Neue Vertriebsstrukturen

Parallel zu der wachsenden Präsenz des Herstellers in Europa sowohl auf den Ersatzmärkten wie auch bei den Erstausrüstungskunden erwartet man in der Nexen-Tire-Europazentrale in Eschborn bei Frankfurt auch einen immer stärker werdenden Pull-Effekt. Mit anderen Worten: Die Nachfrage steigt und kommt zunehmend aus der Breite des Marktes. Bisher hat sich der koreanische Hersteller in Europa immer stark auf das sogenannte „Factory-Direct-Container“-Geschäft (FDC) konzentriert, wobei eine handvoll Großhandelskunden containerweise Reifen aus den Nexen-Tire-Werken bezogen und für diese dann den Weiterverkauf übernahmen, die Kleindistribution eben. Geschätzt mindestens jeder zweite in Europa verkaufte Reifen – dazu gehört auch die Nexen-Zweitmarke Roadstone, die in Deutschland aber nahezu keine Rolle in der eigenen Vermarktung spielt, konzentriere man sich doch ausschließlich auf die Erstmarke – wird direkt per Seecontainer an die Kunden im Großhandel geliefert.

Man verbreitet kein Geheimnis wenn man sagt, dass der europäische Reifengroßhandel zuletzt überdurchschnittlich stark unter Druck geraten ist; übervolle Läger haben bei voller Markttransparenz zu sinkenden Preisen und einem immensen Margenverfall geführt; Geschäfte mit dem Reifengroßhandel sind mitunter auch für die Reifenindustrie nur noch schwer zu planen. Ohne bestehende Lieferantenbeziehungen infrage zu stellen, wie Europapräsident Jin mehrfach betonte, will Nexen Tire Europe seinen Vertrieb in Zukunft differenzieren und „in alle Vertriebskanäle investieren“. Weiter: „Langfristig wollen wir unseren Retail-Kanal auf- und ausbauen, und zwar neben dem Großhandel.“ Dies werde zuletzt auch dadurch nötig, weil die Marke Nexen zunehmend bei Reifenhandelsorganisation bzw. -kooperationen gelistet ist; dazu zählen in Deutschland etwa point S und die Freie Reifeneinkaufs-Initiative (FRI). Deren Mitglieder wollen regelmäßig persönlich und vor Ort betreut werden, auch wenn es ‚nur’ um ein paar Hundert Reifen im Jahr geht.

Dass eine entsprechende Neuorientierung im Vertrieb nicht mit der bestehenden Mannschaft zu leisten ist, liegt auf der Hand. Entsprechend will Nexen Tire Europe „so schnell wie möglich“ auch eine neue Abteilung mit erfahrenen Verkäufern aufbauen, die sich speziell um die Retail-Kunden in Deutschland kümmern soll – das sind neben den Reifenhändlern auch Autohäuser. Dem Vernehmen nach soll die Abteilung aus zunächst acht neuen Mitarbeitern bestehen (einer davon im Back-Office der Zentrale); Vorstellungsgespräche in Eschborn liefen bereits, bestätigte Jin beim Gespräch mit dieser Zeitschrift Ende März.

Es komme jetzt darauf an, diese Abteilung „mit Leben zu füllen“, hieß es dazu vonseiten Nexen Tire Europe. Dass nicht lediglich das richtige Personal eingestellt werden muss und sich dann der Erfolg quasi über Nacht und von alleine einstellt, liegt ebenfalls auf der Hand, von den Reaktionen des Wettbewerbs ganz zu schweigen. Neben den notwendigen Abstimmungen mit den bestehenden FDC-Kunden in Deutschland kann der Aufbau des Retail-Kanals nur dann für Nexen Tire Europe erfolgreich sein und eine stärkere Verankerung im Markt mit sich bringen, wenn alle offenen Fragen etwa auch in Bezug auf ein europaweites Pricing beantwortet sind – ein wichtiger Erfolgsfaktor.

Ebenfalls ein zentraler Erfolgsfaktor: die Logistik. Derzeit betreibt Logistikpartner Goldbach Kirchner das europäische Nexen-Tire-Zentrallager zwischen Fulda und Frankfurt. Daran soll sich auch bei einem wachsenden Retail-Geschäft und dem Produktionsbeginn in Tschechien nichts ändern, so Jin. Von dort könnten Händler auch in Zukunft weiterhin ab zwei Reifen die Ware ohne Versandgebühr erhalten. Darüber hinaus will Nexen Tire aber „noch im Laufe dieses Jahres“ ein weiteres Lager in Italien einrichten. Außerdem plant das Unternehmen „bald“ auch die Einrichtung eines entsprechenden Lagers in Frankreich. „Auf diese Weise können wir unseren Lieferservice noch weiter verbessern“, betonte der Europapräsident weiter.

Zusätzlich zur neuen Fabrik, dem neuen NTEC und einer Neuorientierung im Vertrieb will Nexen in Zukunft weiterhin an seiner Markenbekanntheit in Europa und insbesondere in Deutschland arbeiten. Wie Europapräsident Seung-Do Jin erläuterte, sei man aktuell bei zehn Erstliga-Fußballvereinen als Sponsor aktiv; in Deutschland sind dies weiterhin Eintracht Frankfurt (der laufende Vertrag wurde gerade für zwei weitere Jahre bis Sommer 2017 verlängert) und der 1. FSV Mainz 05, aber auch Atlético Madrid und Lazio Rom werden vom koreanischen Reifenhersteller gesponsert. „Fußball ist weltweit die Nummer eins“, so Jin, und das nationale und internationale Interesse an dem Sport nehme eher noch weiter zu, medial wie auch in den Stadien selbst. Folglich sei Fußball eine ideale Plattform, um für die eigene Marke zu werben und ein entsprechendes Leistungsversprechen abzugeben; die Markenbekanntheit könne so gesteigert und der Markeninhalt positiv aufgeladen werden. Darüber hinaus geht das Nexen-Tire-Engagement im Motorsport in dieselbe Richtung. Als Kundenbindungsinstrument nutzt der koreanische Hersteller die Rennstrecke zum Gedankenaustausch in lockerer Rennatmosphäre. Beide von Nexen Tire unterstützte Teams treten dabei in der VLN Langstreckenmeisterschaft Nürburgring an und treten „in emotionalem Kontakt mit unseren Kunden“, so Jin weiter. Sowohl das Engagement im Fußball wie auch im Motorsport sei außerdem dazu geeignet, im Rahmen von Incentive-Veranstaltungen zur allgemeinen Kundenbindung beizutragen. arno.borchers@reifenpresse.de

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