Evolution, nicht Revolution: Dunlops neuer „RoadSmart II“

Eigentlich sei eine Ablösung des „RoadSmart“ ja noch gar nicht nötig, meint Sharon Antonaros, europäischer Vertriebs- und Marketingdirektor für Dunlop-Motorradreifen, mit Blick beispielsweise auf den noch gar nicht so lange zurückliegenden Testsieg dieses Modells beim Vergleich von Tourensportreifen durch die Zeitschrift Motorrad in diesem Frühjahr. Dennoch hat man jetzt mit dem „RoadSmart II“ nachgelegt, denn schließlich schläft auch der Wettbewerb nicht und haben Marken wie Bridgestone oder Michelin seit der 2007 erfolgten Premiere des ersten Dunlop-Motorradreifens aus der „Smart“-Generation im Tourensportsegment ebenfalls neue Kreationen in den Markt gebracht.

Angesichts der Leistungen seines Vorgängers spricht Antonaros davon, dass bei der Entwicklung des neuen Reifens „mehr Evolution als Revolution“ im Vordergrund gestanden habe. Gefeilt wurde demnach trotz der diesbezüglich guten Gene des ersten „RoadSmart“ zwar freilich auch an Verbesserungen auf trockener Fahrbahn oder im Nassen, aber eines der Hauptaugenmerke wurde auf eine höhere Laufleistung des Neuen gelegt. Zusätzlich hat man – sagt Patrice Omont, Forschungs- und Entwicklungsdirektor Motorsport und Motorrad bei Dunlop – außerdem Verbesserungen im Bereich Komfort angestrebt.

Zumal sich Antonaros zufolge die Einstellung der Verbraucher zu den Reifen an ihren Maschinen gewandelt hat „Sie wollen mehr von ihren Reifen und suchen heute immer mehr nach einem Allrounder“, berichtet er in diesem Zusammenhang von einem starken Wachstum des Marktsegmentes radialer Tourensportreifen in Europa, dem der „RoadSmart II“ ebenso wie sein Vorgänger zuzuordnen ist. Seinen Worten zufolge hat die Nachfrage nach Tourensportreifen radialer Bauart von 2002 bis 2010 in Europa um immerhin 52 Prozent zugelegt, während der Absatz von Reifen für das Hypersportsegment beispielsweise „nur“ um 19 Prozent und der europäische Motorradreifengesamtmarkt um lediglich zehn Prozent gewachsen sei.

Insofern ist der Neue für Dunlop ein wichtiges Produkt für einen wichtigen Teilmarkt. Gleichzeitig setzt Dunlop mit dem „RoadSmart II“ eine beispiellose Produktoffensive fort, die mit der vor vier Jahren erfolgten Vorstellung seines Vorgängers eingeläutet wurde: Seither hat man jedes Jahr wenigstens einen neuen Motorradreifen vorgestellt. Und so wie sich die Aussagen des Vertriebs- und Marketingdirektors für Dunlop-Motorradreifen anhören, will man auf dem eingeschlagenen Kurs in den kommenden Jahren munter weiter fortschreiten. Immerhin setze man Jahr für Jahr weltweit rund fünf Millionen Motorradreifen ab, unterstreicht Antonaros die Bedeutung dieses Marktsegmentes für den Reifenhersteller.

Doch bevor die nächsten Neuheiten aus dem Konzern eintreffen, erst einmal zurück zum „RoadSmart II“: Denn der soll schon ab Oktober in den Größen 120/60 ZR17 und 120/70 ZR17 fürs Vorderrad verfügbar sein sowie in den Dimensionen 150/70 ZR17 160/60 ZR17, 180/55 ZR17 und 190/50 ZR17 fürs Hinterrad. Für den 1. April 2012 sind dann noch die zusätzlichen Größen 110/70 ZR17, 110/80 ZR18, 120/70 ZR18 und 110/80 R19 für vorne sowie 150/70 R17, 170/60 ZR17, 160/60 ZR18 und 190/55 ZR17 für hinten angekündigt. Die Entwicklung des neuen Modells hat nach den Angaben von Patrice Omont übrigens etwa 22 Monate in Anspruch genommen, wobei alle wichtigen Forschungs- und Entwicklungszentren bzw. Testeinrichtungen des Goodyear-Dunlop-Konzerns mit eingebunden gewesen seien.

Mit Blick auf die involvierten Standorte in Birmingham (Großbritannien), Hanau (Deutschland), Colmar-Berg (Luxemburg), Montluçon und Mireval (Frankreich), Buffalo und Akron (USA) sowie Kobe (Japan) spricht Omont im Zusammenhang mit dem „RoadSmart“-Nachfolger denn auch von einem „globalen Produkt“. Ebenso breit wie der Ansatz bei der Entwicklung des neuen Reifens soll sich bei alldem dessen Eignung für verschieden Maschinentypen darstellen. „Unser Ziel war es, mit dem ‚RoadSmart II’ eine möglichst große Vielfalt an Maschinen abdecken zu können“, unterstreicht Antonaros und hat dabei schwere leistungsstarke Motorräder von Roadstern über Naked Bikes bis hin zu großen Straßenmaschinen vor dem geistigen Auge.

Dieser Strategie entsprechend hat man Omont zufolge einen vergleichsweise hohen Aufwand bei der Entwicklung des „RoadSmart II“ getrieben. „Allein an Prototypenreifen haben wir 88 verschiedene Spezifikationen bzw. alles in allem 670 Stück gefertigt“, rechnet der Forschungs- und Entwicklungsdirektor für Motorsport- und Motorradreifen vor. Selbstredend hat man mit deren Herstellung allein natürlich noch nichts gewonnen, erst durch Tests wird die weitere Entwicklungsrichtung klar. „Bei Prüfstandsversuchen kamen so über eine halbe Million Kilometer zusammen, bevor bei Fahrtests dann weitere knapp 150.000 Kilometer abgespult wurden“, erklärt er.

Wie Omont sagt, standen dabei neben Dingen wie den Hochgeschwindigkeitseigenschaften, dem Nass- und Trockenhandling sowie insbesondere eben die Themen Laufleistung und Komfort im Vordergrund. Das vor allem deshalb, weil man mit dem „RoadSmart-II“-Vorgänger bezüglich der zuerst genannten Kriterien ohnehin bereits ein recht hohes Niveau erreicht habe, erklärt er. Wie das gemeint ist, zeichnet er beispielhaft anhand der Verbesserung der Nässeeigenschaften des Reifens nach. Habe man im Vergleich zum „D205“ aus dem Jahre 1996 als Bezugspunkt mit dem sechs Jahre später vorgestellten „D220“ um 20 Prozent bessere Eigenschaften im Nassen erreichen können, seien die erste und die zweite „RoadSmart“-Generation – obwohl elf respektive 15 Jahre später im Markt als die herangezogene Referenz – halt „nur noch“ 35 Prozent bzw. 40 Prozent besser als der „D205“.

Oder anders formuliert: Die erzielbaren Entwicklungssprünge innerhalb eines bestimmten Zeitabschnittes sind kleiner geworden. „Außerdem liegt der ‚RoadSmart II’ in Sachen seiner Nässe-Performance ohnehin schon recht nahe an dem Optimum“, sagt Omont und beziffert Letzteres für einen reinen Regenreifen mit einer um 60 Prozent besseren Nässeleistung als die „D205“-Referenz. „Der ‚RoadSmart’ ist nach wie vor ein guter Reifen“, betont Antonaros vor diesem Hintergrund ein weiteres Mal. Doch bekanntlich ist das Bessere trotzdem der größte Feind des Guten. Und selbst wenn die Fortschritte bezüglich mancher Kriterien kleiner sein mögen als bei anderen, so lässt Dunlop dennoch keine Zweifel daran aufkeimen, dass der Neue in der Summe seiner Eigenschaften gegenüber seinem Vorgänger im Vorteil ist.

Doch auch den Vergleich mit der Konkurrenz scheut das Unternehmen durchaus nicht. Offen spricht Antonaros aus, dass man sich unter anderem an Michelins „Pilot Road 3“ als Benchmark orientiert und das Ziel verfolgt habe, diesen bezüglich seiner einzelnen Leistungsparameter entweder überbieten oder ihm doch wenigstens so nahe wie möglich kommen zu wollen. Und glaubt man einem bei der Vorstellung des Reifens von Omont gezeigten Diagramm, ist dieses Vorhaben geglückt. Um der zur Präsentation gekommenen Fachpresse die Gelegenheit zu geben, solche Aussagen selbst nachvollziehen bzw. selbst „erfahren“ zu können, standen auf dem Goodyear-Dunlop-Testgelände im südfranzösischen Mireval identische Maschinen bereift mit Konkurrenzprodukten – neben Michelins „Pilot Road 3“ außerdem noch Bridgestones „Battlax BT-023“ – genauso bereit wie solche mit den neuen Dunlop-Gummis.

„Wir sind die Einzigen, die gegen den Wettbewerb testen lassen“, so Sharon Antonaros selbstbewusst und vollauf überzeugt von den Qualitäten des „RoadSmart II“. Vor diesem Hintergrund verweist er gleichzeitig darauf, dass man im Motorsport – so wie beispielsweise etwa in der Internationalen Deutschen Motorradmeisterschaft (IDM), wo außer Dunlop noch andere Reifenhersteller an den Start gehen – den Wettbewerb ebenfalls nicht scheue. Bei alldem sollen dabei freilich auch die Serienprodukte des Herstellers von seinem Motorsportengagement profitieren, weil neueste Technologien früher oder später von den reinrassigen Renn- in die Straßenreifen übernommen werden.

Zu diesen Dingen gehört beim „RoadSmart II“ beispielsweise Dunlops „Multitread“ genannte Mehrkomponentenlaufflächenmischungstechnologie, die bei dessen Hinterradausführung zum Einsatz kommt. Das bedeutet, dass hier in der Laufflächenmitte mit Blick auf die Laufleistung eine härtere, eher verschleißfeste Mischung verwendet wird, während zu den Schultern eine weichere, haftfähigere Mischung für den Grip in Schräglage verantwortlich zeichnet. Gleichfalls dem Rennsport entstammend ist die JLB-Technologie des neuen Motorradreifens. Das Akronym steht für Jointless Belt und beschreibt eine Art der Gürtelkonstruktion, mit der Dunlop letztlich unter anderem ein Plus an Feedback sowie Stabilität in Kurven verbindet.

Zwar wird der Karkasskonstruktion mit vorn wie hinten aufgespultem JLB-Stahlgürtel aus Flex Steel mit über die Lauffläche variierender Wicklungsdichte auch ein Beitrag zur Verbesserung des Komforts beim „RoadSmart II“ zugeschrieben, weil sich so die Eigendämpfung des Vorderradreifens sowie die laterale Steifigkeit des Hinterradreifens erhöhen lässt sowie damit zusätzlich noch die Hochgeschwindigkeitsstabilität. Doch JLB und „Multitread“ sind prinzipiell nichts Neues, können doch andere Motorradreifen der Marke und insbesondere auch der Vorgänger ebenso bereits mit diesen beiden Designmerkmalen aufwarten. Allerdings haben die Dunlop-Ingenieure hier augenscheinlich „Feintuning“ nach dem Motto „Evolution statt Revolution“ betrieben.

Zur Erhöhung der Laufleistung bei dem jetzt vorgestellten Modell sollen darüber hinaus aber noch ein innovatives Mischverfahren und eine neue Generation funktionalisierter Polymere zur Herstellung der Laufflächenmischungen beigetragen haben. Dank der so bezeichneten „Liquid-Polymer“-Technologie seien mit dem neuen Verfahren ein gleichmäßigerer Verschleiß und damit konsistentere Fahreigenschaften über den Lebenszyklus der Reifen hinweg erzielt worden, erklärt Patrice Omont. Gleichzeitig wird der optimierten Silica-Dispersion in der Mischung abgesehen von einem Laufleistungszugewinn noch ein positiver Einfluss auf die Haftung und das Bremsverhalten bei Nässe bzw. bei niedrigen Temperaturen attestiert.

Unterstützung gerade in Bezug auf die Nässeeigenschaften und in Sachen Laufleistung liefert zudem das neue Profildesign des „RoadSmart II“: Am Hinterrad nimmt das Negativprofil zu den Flanken hin zu, um bei Schräglage auf nasser Straße möglichst viel Wasser abzuführen, während man mit einem minimalen Negativprofil in der Reifenmitte den Anforderungen hinsichtlich Traktion und Verschleiß bei Geradeausfahrt Rechnung tragen will. Der Vorderradreifen hat demgegenüber bei allen Schräglagen ein weitgehend konstantes Verhältnis zwischen Positiv- und Negativprofil, um dadurch ein lineares Fahrverhalten zu unterstützen. Die Profilierung ist dabei laut Omont entsprechend dem Kraftlinienverlauf an Vorder- und Hinterrad gestaltet worden.

Des Weiteren ist die Kontur des „RoadSmart II“ gegenüber seinem Vorgänger modifiziert worden. „Der Vorderradreifen hat bei allen Schräglagen eine weitgehend konstante Kontaktfläche und bewirkt so ein sehr lineares Fahrverhalten. Beim Hinterradreifen wurde dagegen gesteigerter Wert auf maximale Kontaktfläche bei großer Schräglage gelegt, um ein Maximum an Haftung bei hoher Kurvengeschwindigkeit zu gewährleisten“, heißt es vonseiten des Reifenherstellers. In Summe seiner Eigenschaften stelle er sich damit als idealer Reifen für anspruchsvolle Tourenfahrer dar, denen herausragende Sicherheitsreserven im Trockenen wie im Nassen ebenso wichtig sind wie hohe Laufleistung und gleich bleibende Eigenschaften, die aber bei sportlicher Gangart den Grip und die Präzision eines Sportreifens nicht missen möchten, ist man überzeugt. christian.marx@reifenpresse.de 

 
Produktoffensive: Seit der Vorstellung der ersten „RoadSmart“-Generation 2007 hat Dunlop jedes Jahr wenigstens einen neuen Motorradreifen vorgestellt  

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