Revival auf dem europäischen Markt für Pkw-Reifenrunderneuerungen?

In der März-Ausgabe des Jahres 2005 unseres Runderneuerungsspecials hatten wir angesichts der Entscheidungen des bedeutenden deutschen Runderneuerers Reiff Reifen + Autotechnik GmbH und des Materiallieferanten Nokian Tyres, sich aus dem Pkw-Reifenrunderneuerungsgeschäft zurückzuziehen, die Frage aufgeworfen, ob damit nicht das Totenglöcklein für dies Marktsegment läute. Einige wenige Unternehmen freilich haben nicht aufgesteckt und sich gegen die Flut von kostengünstigen Neureifen vor allem aus dem Fernen Osten gestemmt und konkurrieren mit runderneuerten Pkw-Reifen an diesem Ende des Marktes. Zeitgleich haben Faktoren wie die anhaltende Finanzkrise auf Unternehmen und Verbraucher gleichermaßen bewirkt, dass in einigen Märkten wie Großbritannien – jahrelang eine Hoch-burg der Pkw-Reifenrunderneuerung – ein starker Anstieg der Verkaufszahlen von Gebrauchtreifen verzeichnet werden musste. Dies hat dann wiederum Marktteilnehmer auf den Plan gerufen, die in bereits genutzten Reifen eine Bedrohung für die Sicherheit auf unseren Straßen und ein Hemmnis für Qualitätsprodukte sehen. Vor diesem Hintergrund hat sich die NEUE REIFENZEITUNG die Frage gestellt, ob die verbliebenen Pkw-Reifenrunderneuerer in den unter Druck stehenden reifen Märkten in Westeuropa ihre Daseinsberechtigung behalten werden.

Ohne Frage: Mit dem wachsenden Import bzw. Verkauf von Low-Cost-Reifen hat die Pkw-Reifenrunderneuerung signifikante Einbußen erlitten. Von einem „Tod“ des Marktsegmentes zu sprechen, erscheint allerdings als überzogene Formulierung; nichts deutet darauf hin, dass eine plötzliche Implosion des verbliebenen Restes des Pkw-Runderneuerungsmarktes droht, vielmehr legen jüngste Entwicklungen eher nahe, dass es doch einige Möglichkeiten für kreative Marktteilnehmer gibt, sich eine Nische für diese Produkte zu erschließen. Nicht überall in Europa herrschen die gleichen Voraussetzungen für ein Wiederaufleben des Segmentes – so in Deutschland der vielversprechende Versuch Ihles, über Baumärkte die Verbraucher zu erreichen –, sodass wir uns bei diesem Artikel auf den britischen Markt für runderneuerte Pkw-Reifen konzentrieren.

Steht Colway vor einem Comeback?

Als letzter Pkw-Reifenrunderneuerer hatte C-Tyres Ende des Jahres 2007 im britischen Markt aufgeben müssen nach etwa sechs Jahren mit der Herstellung der Marken Colway und Greenway. Im Januar 2008 wurden die Marke Colway und das Equipment der im County Durham angesiedelten Firma C-Tyres an die polnische Runderneuerungfirma MarkGum verkauft. Das Unternehmen war im Jahr 2002 gestartet, als Gary Oliver und Peter Morris mit dem Erwerb der Vermögenswerte der Runderneuerer Colway und Motorway von deren Insolvenzverwaltern C-Tyres gründen konnten. Die Nachricht, dass sich C-Tyres auf das Segment Pkw-Reifenrunderneuerungssegment konzentrieren wollte, hatte zur damaligen Zeit bei einigen Marktteilnehmern Erstaunen ausgelöst. Dieses Erstaunen dürfte sich wiederholen, wenn Realität wird, worüber aktuell gesprochen wird: ein Comeback für Colway.

Vier Jahre nach der Akquisition von C-Tyres und der dazugehörigen Anlagen durch MarkGum wollen ost- und westeuropäische Runderneuerer kooperieren und arbeitet das polnische Unternehmen an der Entwicklung eines am britischen Markt orientierten Colway-Fertigungsprogramms. Als er C-Tyres zu Beginn des Jahres 2008 an MarkGum verkaufte, hatte der bisherige Geschäftsführer Gary Oliver noch die Wunschvorstellung, die Produktionsanlagen würden an ein britisches Unternehmen gehen. Jetzt könnte sich seine damalige Hoffnung doch noch erfüllen. MarkGum-Chef George Krzyzagorski hatte immer an die Stärke der Marke Colway geglaubt, die jetzt im Raume stehende Idee erscheint relativ simpel und beinhaltet den Export in Großbritannien anfallender Karkassen nach Polen zum Zwecke der dortigen Runderneuerung und anschließender Wiedereinfuhr unter dem Markennamen Colway.

Der Geschäftsplan basiert auf der Beschaffung der richtigen Karkassqualitäten und -quantitäten von britischen Einzelhändlern. Die abgefahrenen Reifen sollen nach Polen transportiert und dort sodann runderneuert werden, sodass man sowohl von den Produktions- und Kostenvorteilen im Allgemeinen, die das osteuropäische Land bietet, als auch vom Wechselkurs des Zloty im Besonderen profitieren kann. Mit der Argumentation ökologischer und ökonomischer Vorzüge soll der Runderneuerte als Volumenprodukt gegenüber Neureifen und als eine bessere Alternative zu Gebrauchtreifen positioniert werden. Ob die prognostizierten und mit hohen Stückzahlen verbundenen Skaleneffekte erreicht werden, mag ebenso zu einem Schlüssel zu Erfolg oder Misserfolg der Unternehmung werden wie die Frage, ob es gelingt, die gewünschte Karkassenversorgung zu erreichen.

Und noch eine Geschäftsidee

Der im britischen Markt vermutlich bekannteste Pkw-Reifenrunderneuerer ist Kingpin Tyres, gegründet 1973 von Jack Crangle (der auch heute noch Chairman des Unternehmens ist). Neben der Firma Panther Tyres, die ihre Nische gefunden hat und Taxis vom Standort Liverpool beliefert, ist Kingpin so ziemlich als einziger nennenswerter Spieler in diesem Segment verblieben – alle anderen haben so ihre eigenen Geschichten zu erzählen vom Niedergang der Pkw-Reifenrunderneuerung in Großbritannien, aber auch in anderen Teilen Europas. Immerhin: Kingpin Tyres trotzt den vorherrschenden Winden des Marktes und ist auch durch gleich drei Brände im Verlaufe der letzten fünf Jahre und dem Verlust des Status als anerkannter Recycler durch die zuständige Instanz im Jahre 2008 nicht in die Knie gegangen.

Auf ihrem Höhepunkt hat Kingpin Tyres mehr als 20.000 Runderneuerte wöchentlich direkt auf dem heimischen Markt absetzen können – eine Zahl, die nur von der damaligen Technic Group (Burton-on-Trent) übertroffen werden konnte. Vor seinem Exitus um die Jahrtausendwende hatte Technic sogar 50.000 Pkw-Reifenrunderneuerungen in der Woche herstellen und vermarkten können, von denen allerdings viele für den Export bestimmt waren. Bereits kurz nachdem bei der Technic Group ein Insolvenzverwalter die Zügel in die Hand bekam, gab er sie auch gleich wieder ab und verkaufte das Geschäft an Phil Blood (einem der ursprünglichen Gründer) und Lucia Farmer (Witwe des zweiten Gründers Tony Farmer).

Nun heißt es im Markt, dass ein Team von erfahrenen und mit der Reifenrunderneuerung vertrauten Fachleuten bereits sehr weit fortgeschritten sei mit ihren Plänen, eine neue Pkw-Reifenrunderneuerung aufzubauen. Dazu soll ehemaliges Technic-Equipment – von einer inzwischen ebenfalls stillgelegten kanadischen Produktionsstätte, wohin die Maschinen damals verkauft worden waren – zurückgeholt werden soll, um als Grundlage für eine Produktion runderneuerter Pkw-Reifen für Marktnischen zu dienen. Um diese Pläne umzusetzen, will die Gruppe, die sich Evo-Tech Europe nennt, die alten Formen und älteren Maschinen wieder auf Vordermann bringen. All dies geschieht vor dem Hintergrund, Spezialprodukte herzustellen, wobei beispielsweise die Rede von Runflats für fünf bis sieben Jahre alte BMW-Modelle ist sowie anderer in die Jahre gekommener Luxusmodelle.

Auch dieses Modell hat nur Aussicht auf Erfolg, wenn es gelingt, an genügend Qualitätskarkassen über professionelle Altreifendepots in Großbritannien heranzukommen. Bei allen Parallelen hinsichtlich Konzept und Timing, die diese beiden Projekte aus Großbritannien aufweisen, so gibt es doch auch Unterschiede: Während MarkGums Geschäftsidee darauf basiert, eine recht große Anzahl Reifen zu geringen Kosten herzustellen, will das Evo-Tech-Team eher bedarfsorientierter produzieren, hat also geringere Volumina im Auge und beabsichtigt eher, die „richtige Anzahl“ – also sicher absetzbarer – Qualitätsprodukte herzustellen. Dass die beiden Ansätze sich nicht überschneiden, mag man als eine gute Nachricht werten, denn das bedeutet, dass sich die beiden Firmen nicht um die gleichen Karkassen balgen müssen.

Etwas anders geartet mag das Evo-Tech-Modell auch hinsichtlich des Verkaufspreises sein. Bekanntlich gilt die Nutzung runderneuerter Reifen als ökologisch sinnvoll, weil viel weniger fossile Brennstoffe anfallen, die für die Herstellung eines neuen Reifens benötigt werden. Bliebe also zu hoffen, dass – analog zum recht beachtlichen Erfolg ökologischer Produkte in Skandinavien – der Verkauf runderneuerter Reifen auf der Grundlage ihrer Umweltfreundlichkeit an Flotten und Behörden in ausreichendem Maße funktioniert. Die Betriebsaufnahme soll noch im letzten Quartal dieses Jahres erfolgen, die Anlagen stehen weitgehend parat; jetzt gilt es für das Management-Trio, die richtigen Mitarbeiter zu finden, damit wurde bereits begonnen.

Mit zwei recht weit fortgeschrittenen Ansätzen nimmt ein Revival für die Pkw-Reifenrunderneuerung in Großbritannien bereits recht konkrete Formen an und Befürworter dieses Segmentes wie Kritiker positionieren sich. Ob sich die beiden Geschäftsideen oder eine davon als tragfähig erweist, wird allein die Zeit zeigen. Klappt die länderübergreifende Kooperation zwischen Ost und West, funktionieren die Versorgungswege mit brauchbaren Karkassen (in dieser Hinsicht gibt es Widerstände zu überwinden), so könnten Geschäftsideen aus Großbritannien zur Vorbildfunktion für Unternehmer aus der Runderneuerungsbranche in Festlandeuropa werden. chris.anthony@tyrepress.com/dv

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