Nexen will unter die Top Ten

Der Reifenhersteller Nexen Tire ist bislang die Nummer 3 im Heimatmarkt, obwohl er mit 70-jähriger Historie der älteste in Korea – gegründet als Heung-A Tire Industry – ist, obwohl er einige Benchmarks gesetzt hat wie beispielsweise 1956 die Produktion des ersten Pkw-Reifens im Lande, der ersten 15-Zöller oder der ersten Reifen mit 30er Querschnitt. Im Gegensatz zu den beiden nationalen Mitbewerbern Hankook und Kumho hat Nexen allerdings keine großen Nutzfahrzeugreifen im Sortiment, hat Nachholbedarf in der Erstausrüstung und die Internationalisierung später gestartet. Dass das Unternehmen zu neuen Ufern aufbrechen will, hatte sich bereits zur Jahrhundertwende abgezeichnet, als der alte Firmenname Woosung abgelegt und aus dem englischen „next century“ (nächstes Jahrhundert) der neue Begriff „Nexen“ kreiert wurde.

Seitdem ist alles Handeln zukunftsgerichtet: Der Firmenslogan lautet „Driving Tomorrow“, die hauseigene Imagebroschüre ist mit „The Way for Next Century“ betitelt, das Ziel lautet, in die „Global Top Ten“ der Reifenindustrie vorzudringen. Das Jahr 2012 wird dabei in der Rückschau einen historischen Platz einnehmen: Noch zum Ende dieses Jahres will man im heimischen Ersatzmarkt erstmals auf Rang 2 platziert sein (hinter Hankooks 38, aber einen Prozentpunkt vor Kumhos dann 27 Prozent). Und in diesem Jahr wird ferner das hypermoderne Reifenwerk in Changnyeong – gut drei Stunden südöstlich der Landeshauptstadt Seoul – hochgefahren.

Fokussiert aufs Pkw-Segment

Das Hauptwerk befindet sich in Yangsan, wo auch das Hauptquartier der Nexen Tire Corporation angesiedelt ist. Mit einer Jahreskapazität von 19 Millionen Einheiten beziffert der Hersteller den aktuellen Output; im Jahre 2017 sollen es 20 Millionen Pkw-Reifen sein – ein Zeichen, das das Werk bereits „dicht am Anschlag“ ist. Die Fabrik im chinesischen Qingdao steht aktuell für acht Millionen Stück, im Jahre 2017 sollen es ebenfalls 20 Millionen Einheiten sein. Das ist auch das Ziel für die neue Fabrik, in der am 1. März der erste Reifen hergestellt worden ist: Im November soll der dreimillionste Reifen vom Band laufen. Addiert ergibt sich für 2012 eine Kapazität von 30 Millionen Pkw-Reifen, 2015 sollen es 40 und 2017 gar 60 Millionen Einheiten sein, so die Planung. Vorbehaltlich der heute bekannten Pläne der Mitbewerber in diesen Sphären könnte es beim globalen Ranking also durchaus sein, dass Nexen dann in die Liga der „Global Top Ten“ aufgestiegen wäre.

Man kennt das ja: Unternehmen in dieser Branche neigen dazu, sich als „Performance“- oder gar „High-Performance“-Reifenhersteller zu bezeichnen. In den Realitäten vieler Märkte spiegelt sich das dann nicht unbedingt wider, wenn der Blick auf Marktanteile in den einzelnen Segmenten fällt. In vielen Märkten hat da sicher auch Nexen noch Defizite, schafft es unabhängig von den technischen Qualitäten der Produkte kaum über die Bezeichnung als „Budgetreifenanbieter“ hinaus und gilt eher als Anbieter im Standardsegment. In einigen Ländern wie den Vereinigten Staaten aber ist der Durchbruch bereits gelungen, Nexen im UHP-Segment überproportional gut vertreten und sogenannten „A-Brands“ dicht auf den Fersen bzw. hat diese sogar schon hinter sich gelassen, wie der Senior Managing für globales Marketing Joo Ho Song gerne aus der Statistik einer nordamerikanischen Fachzeitschrift zitiert.

Kein Vollsortimenter zu sein, hat im Markt gelegentlich Nachteile, kann aber auch Vorteile bieten: So ist Nexen als Pkw-Reifenanbieter (mit einem Spektrum bis hin zu Transporterreifen) total fokussiert auf dieses Segment. Das weckt auch das Interesse von Automobilherstellern, sodass sich Nexen Tire anschickt, vom eher nationalen OE-Lieferanten zu einem internationalen zu avancieren. Aktuell werden 92 Prozent aller Erstausrüstungsabsätze in Korea bestritten: Jeder zweite von Nexen an die heimischen Autohersteller gelieferte Reifen wird auf einem Kia montiert, der Hyundai-Anteil liegt bei 27 Prozent, zu nennen ferner Ssangyong und die GM-Marke Chevrolet, von der früher manches Modell unter dem Namen Daewoo auf die Straßen kam. Damit wäre nicht nur die Liste der koreanischen Automobilhersteller komplettiert, sondern auch die nationale OE-Kundenliste des Reifenzulieferers.

So wie früher die japanischen Transplants ihre Zulieferer in die weite Welt mitgenommen haben, montieren heute bereits beispielsweise Hyundai in China oder Kia in den USA auch Nexen-Reifen. Weil General Motors die Qualitäten der Reifen bestens kennt, verbaut der US-Konzern Nexen-Reifen in den USA, ist der Volkswagen-Konzern (mit VW und Skoda) in China auf die Marke aufmerksam geworden und konnte jüngst verkündet werden, dass auch Fiat in Europa ab 2013 mit Reifen für den Multipla sowie ab 2014 mit Reifen für den Doblo die offizielle Liste ergänzt. Darüber hinaus gibt es mit weiteren prominenten Namen eine noch nicht veröffentlichbare Aufstellung, weil die Freigabeprozeduren noch nicht abgeschlossen sind.

Nexen geht in die gleichen Märkte, in denen von einem ernstzunehmenden Zulieferer Präsenz erwartet wird, und beschränkt sich nicht darauf, diese Regionen lediglich verkaufs- oder marketingtechnisch erschließen zu wollen, sondern weiß auch um die technologischen Verschiedenheiten der Weltregionen. So arbeiten in der chinesischen F+E-Dependance 64 Mitarbeiter den 273 Kollegen in der heimischen Zentrale für Forschung und Entwicklung zu, die sich MIDAS bedienen (Most Intelligence Design Automation System), um die Produkte der Zukunft Wirklichkeit werden zu lassen, in Akron (Ohio) sind es zehn Techniker für den Raum Nordamerika und bei Frankfurt 13 aktuell für Europa.

Dass man sich für Korea als Standort für das neue „state-of-the-art“-Reifenwerk entschieden hat, begründet Joo Ho Song im Gespräch mit dieser Fachzeitschrift damit, dass man im Heimatmarkt über das überragende Know-how verfüge, das man benötige, um im Konzert der etablierten Anbieter mitspielen zu können. Gleichwohl blickt man genau auf wachsende Märkte wie Brasilien, Russland oder Indien, weiß dass bei wachsenden Erstausrüstungsanteilen in Europa und/oder Nordamerika auch dort irgendwann ein Punkt erreicht sein wird, an dem aus Träumen von heute ganz konkrete Projekte für Reifenwerke außerhalb des Kernmarktes erwachsen können.

Aber das ist vage Zukunftsmusik. Mit wachsenden Anteilen auf den weltweiten Reifenmärkten wird auch Joo Ho Songs Budget anwachsen. Einstweilen sind er und seine Marketingkollegen im Unternehmen stolz darauf, dass die Nexen Tire Corporation ihren 2010 geschlossenen Sponsoringkontrakt mit dem Profi-Baseballteam „Nexen Heroes“ – dieser Sport erfreut sich enormer Beliebtheit im Lande – bis 2013 ausdehnen konnte, zumal sich der Verein Ende Mai an die Tabellenspitze der „Korean Major League“ setzen konnte. Andere Aktivitäten gelten dem nationalen, aber auch zunehmend dem internationalen Motorsport. Neben dem nationalen „Nexen Tire Speed Racing“ und der Sponsorschaft für das „Hello Mobile Super Race“ sei vor allen Dingen der Driftsport – auch schon international – genannt. Aber wie beim Unternehmen offensichtlich üblich, werden sehr konkrete Vorgaben formuliert, in welchem Jahr man mit welchen Sportreifen für welche Rennserie parat stehen will – inklusive Formel-Rennen mit Monoposti. Ferner orientiert sich Nexen auch an den Sportarten, die in den jeweiligen Ländern populär sind. Hingewiesen sei beispielhaft darauf, dass der Reifenhersteller für die Jahre 2012/13 den Fußballneubundesligisten Eintracht Frankfurt unterstützt oder für den „Chinese FA Super Cup“ ein Sponsoringpaket geschnürt hat, schließlich haben auch die Chinesen die Fußballbegeisterung entdeckt.

Vorbei die Zeiten, als der börsennotierte Reifenhersteller noch um Know-how-Transfer buhlte – 1987 bis 1991 mit Michelin, wobei die Franzosen damals auch 15 Prozent der Anteile hielten, dann bis 1995 mit Japans Ohtsu –, heute begegnet einem im Gespräch mit dem Nexen-Management eine Mischung aus Stolz und Selbstbewusstsein, es aus eigener Kraft in die „Top Ten“ schaffen zu können. Die enorme Aufbruchstimmung, der Enthusiasmus, mit dem kurz-, mittel- und langfristige Ziele verfolgt werden, ist förmlich zum Greifen. Mit einem durchschnittlichen Jahreswachstum von 21,4 Prozent (bezogen auf den Umsatz) ist das Unternehmen seit der Umfirmierung zur Jahrhundertwende gewachsen (auf 1.430 Milliarden Won in 2011 entsprechend 927 Millionen Euro, wozu in immer stärkerem Maße der Exportumsatz in 130 Länder beigetragen hat) und legt damit ein Tempo vor, dem in der Branche nur wenige zu folgen vermögen. Die Domäne ist und wird das Ersatzgeschäft bleiben, aber konkrete Projekte lassen die Erwartung, dass im Jahre 2017 bereits jeder vierte von Nexen hergestellte Pkw-Reifen in einem Automobilwerk am Band verbaut wird, durchaus realistisch erscheinen. Was mit dem Namenswechsel zur Jahrhundertwende als Vision erschien, nimmt konkrete Formen an.

Wenn Ingenieure ihre Träume verwirklichen dürfen

Es ist gerade in der koreanischen Reifenindustrie schon recht ungewöhnlich, wenn ein hochrangiger Manager zum direkten Wettbewerb wechselt. Eung-Young Lee, als Senior Executive Vice President Werksmanager für Changnyeong, weist dann auch auf konkrete Nachfrage darauf hin, dass er zwar zwei Jahre maßgeblich am Aufbau des Hankook-Reifenwerks in Ungarn beteiligt gewesen sei, aus ganz persönlichen Gründen danach zurück ins Heimatland Südkorea gegangen und schließlich sogar anderthalb Jahre außerhalb der Reifenbranche zugebracht hat, aber als dann das Angebot kam, das neue Werk von Nexen verantwortlich zu konzipieren, sei er eben zurück in der Reifenbranche und bei einem Konkurrenten gelandet. Zum Warum gehört gewiss, wovon Eung-Young Lee schwärmt: Er habe bei diesem Projekt zahlreiche seiner ganz persönlichen Ideen und Vorstellungen als Ingenieur umsetzen dürfen bis hin zu diversen Details, die weit über den eigentlichen Produktionsprozess hinausgehen. Wenn man schon mal einem Ingenieur – hier spezialisiert auf das Produkt Pkw-Reifen – die Chance gibt, seine Träume zu verwirklichen …

… dann wird daraus wie in Changnyeong auf etwa einer halben Million Quadratmetern eines der größten, modernsten (auch weil mit den neuesten Maschinen von VMI, Harburg-Freudenberger, KraussMaffei, Kobelco, Mitsubishi etc. ausgerüstet) und umweltfreundlichsten Reifenfabriken weltweit. Nexen spricht von einer „Dream Factory“, für die im Juni 2010 die Grundsteinlegung erfolgt war und wo jetzt bereits 5.000 bis 6.000 Reifen arbeitstäglich produziert werden. Wobei beim Werksdurchgang nicht verborgen bleiben konnte, dass an so mancher Stelle eher noch von Probebetrieb gesprochen werden sollte. Was auch wenig verwunderlich ist, denn die Fabrik ist hochautomatisiert und das Zusammenspiel des jeweils modernsten Equipments der genannten Maschinenausrüster will erst entstehen.

Bis Ende dieses Jahres werden 780 Mitarbeiter Reifen vor allem der Marke Nexen, vielleicht auch der zweiten hauseigenen Brand Roadstone herstellen. Mehr als drei Millionen Stück sollen es im Rumpfjahr 2012 sein, sofern alle Pläne aufgehen, sechs Millionen im kommenden Jahr, 21 Millionen im Jahre 2018, wenn die fünf anvisierten Erweiterungsstufen realisiert sind. Mit etwa einer Milliarde US-Dollar Investitionskosten von der ersten Planung bis zu jenem Zeitpunkt in etwa einem halben Jahrzehnt kalkuliert Nexen Tire. Dass die lokale Politik mit zahlreichen Incentives auch die Kalkulation beeinflusst hat, bleibt nicht unerwähnt.

Mit dem neuen Werk will der koreanische Hersteller nicht nur seine mittel- bis langfristigen Ziele erreichen, eigene Lieferengpässe der vergangenen Jahre vergessen machen und wachsendem Bedarf gerecht werden, sondern auch ein Bekenntnis zu einem „Made of Korea“ abgeben. Die in Changnyeong hergestellten Reifen sollen nicht nur „Weltklasse“ im UHP-Segment sein, sondern auch in hohem Maße das Gütesiegel „umweltfreundlich“ tragen. Die Arbeitsbedingungen sind ergonomisch auf hohem Niveau, die logistischen Voraussetzungen – Anbindung ans Fernstraßennetz sowie Nähe zu einem Exporthafen – lassen die Standortentscheidung in einem günstigen Licht erscheinen, Wasser- und Energieversorgung (auch durch die Solaranlage auf dem Fabrikdach) sind gewährleistet – kurz: Das Werk dürfte international höchst wettbewerbsfähig sein.

Neue Jobs entstehen in der Region, mit mehr als 2.000 rechnet Nexen bis zur Endausbaustufe. Gelegen in direkter Nachbarschaft zu einem Naturschutzgebiet, wurde von vornherein das Setzen eines ökologischen Fußabdruckes nicht als Kostenfaktor, sondern als Verpflichtung gesehen. Bereits 2012 sollen die ersten Reifen, die übrigens bereits in der Erprobung sind, hinsichtlich Rollwiderstand und Nassbremsen beim europäischen Labelling das B-Rating erfüllen. Die Philosophie des „Step by Step“ glaubt man auch wiederzuerkennen, wenn man sich die Reifentests der letzten Jahre vergegenwärtigt, bei denen sich die Marke Nexen den Premiummarken genähert hat. Jahr für Jahr will die koreanische Marke beim Labelling den nächsten Schritt machen, sodass 2015 das „Triple A“ Wirklichkeit wäre. Die Zukunft hat bei Nexen Tire schon begonnen. detlef.vogt@reifenpresse.de

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