Studie warnt vor minderwertigen Reifen

Die Leistungen mancher Importreifen entsprechen nicht den An­forderungen des europäischen Straßenverkehrs. Wissen­schaftler verglichen das Leistungsspektrum des ADAC-Testsiegers von 2010 auf nasser Fahrbahn mit zwei asiatischen Produkten, die bei dem ADAC-Sommerreifentest 2010 ganz hinten lagen. Die Ergebnisse werden Anfang 2012 veröffentlicht. Im Gespräch mit der Agentur Pilot:Projekt (Hannover) redeten die Verantwortlichen be­reits Klartext.

Können minderwertige Reifen aus Asien der Grund für zahlreiche mysteriöse Unfälle auf nassen Straßen sein? Besonders dann, wenn sie bei einer Mischbereifung an die Hinterachse montiert werden? Durchgeführt wurde die Studie von Wissenschaftlern der Technischen Universität Ilmenau unter der Leitung von Prof. Dr. Klaus Augsburg, der Abteilung Unfallanalyse der Dekra (Stuttgart) sowie der Europäischen Vereinigung für Unfallanalyse und Unfallforschung (EVU/Graz).

Im Gespräch mit der Kommunikationsagentur Pilot:Projekt GmbH erläuterte Professor Dr.-Ing. Egon-Christian von Glasner, Präsident der EVU, nach welchen Kriterien die getesteten Reifen ausgewählt wurden: „Auslöser für diese Untersuchungen war der Sommerreifentest 2010 des ADAC. Wir haben uns einen der besten Reifen, den Pirelli Cinturato P6, vorgenommen und sein Leistungsspektrum mit dem Schlusslicht in diesem Test verglichen. Als dritte Vergleichsgröße diente der Vorletzte des ADAC-Sommerreifentests, weil er die schlechteste Note in der wichtigsten Testdisziplin aufwies, nämlich in der Bremsleistung auf Nässe.“

Diese Disziplin gliedert sich beim ADAC-Reifentest in die Bereiche Bremsen auf Beton/Asphalt, Aquaplaning längs und quer, Handling, Kreis- und Seitenführung. „Anders als beim Bremsen geradeaus auf nasser Fahrbahn geben die ADAC-Tester bei der Querdynamik nur subjektive Einschätzungen ab“, führte Christian von Glasner gegenüber Pilot:Projekt aus. „Wir aber wollten objektive Messwerte für die Leistung in Querrichtung, also zur Stabilität des Fahrzeugs, ermitteln.“

Neben Fahrversuchen mit nur den drei Reifentypen wurden auch Mischbereifungen an das Testfahrzeug, einen Mercedes der C-Klasse mit Heckantrieb, montiert. Dabei kamen die chinesischen Reifen auf die Hinterachse, die Cinturato P6 auf die Vorderachse. „Auf Grund der geringeren Leistungsfähigkeit der untersuchten chinesischen Reifen ist das die ungünstigste Kombination. Denn in diesem Fall fehlen dem Fahrzeug etwa 20 bis 30 Prozent der für die Fahrstabilität erforderlichen Seitenführungskräfte an der Hinterachse“, berichtete Professor von Glasner.

Anschließend nutzten die beteiligten Wissenschaftler der TU Ilmenau sowie die Unfallforscher von Dekra und EVU den Innentrommel-Prüfstand der TU Karlsruhe. Dort wurde das Verhalten der drei Fabrikate auf trockener Fahrbahn sowie auf einem Wasserfilm von einem Millimeter und zwei Millimetern Dicke gemessen. Die Ergebnisse untermauerten die Resultate aus den Fahrversuchen. Mit den chinesischen Reifen wurde das Fahrzeug deutlich instabiler, und beim Beschleunigen in der Kurve auf Nässe brach das Heck trotz ESP abrupt aus.

Mit ihren Ergebnissen wollen Professor von Glasner und die Dekra in Kooperation mit dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat DVR (Bonn) die zuständigen politischen Instanzen der EU dazu bewegen, Qualitätskriterien und Anforderungen für die Mindestleistungsfähigkeit von Reifen zu definieren. Sein Fazit gegenüber der Hannoveraner Agentur Pilot:Projekt: „Die Leistungsfähigkeit dieser Importreifen entspricht nicht den Anforderungen des europäischen Straßenverkehrs, was wir in unserer Studie wissenschaftlich bewiesen haben. Der schlechtere der beiden Importreifen hatte bei einer Vollbremsung aus 80 km/h auf Nässe einen 51 Meter längeren Bremsweg als der Pirelli-Reifen. Das ist völlig undiskutabel. Indem die EU derartige Reifen für den europäischen Markt zulässt, torpediert sie ihr Ziel, die Zahl der Verkehrsunfälle und der Verkehrstoten dauerhaft zu senken.“ dv

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