Pirelli: „Sieben-Grad-Regel“ für Winterreifen kein Marketing-Gag

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Als eine der Faustregeln für Verbraucher, wann sie von Sommer- auf Winterreifen umrüsten sollten, hat sich die sogenannte „Sieben-Grad-Regel“ in der Branche etabliert. Das heißt: Liegen die Tagestemperaturen im Schnitt unter der Marke von sieben Grad Celsius, wird den Autofahrern der Wechsel auf Winterreifen nahegelegt. Da sich an diesem Ratschlag in der Vergangenheit bereits die eine oder andere Diskussion entzündet hat, ist Pirelli der Frage nachgegangen, ob mehr dahintersteckt als nur ein vermeintlicher Marketing-Gag der Reifenindustrie. In diesem Zusammenhang hat man die Meinung von Prof. Dietmar Göritz vom Fachbereich Polymerphysik der Universität Regensburg eingeholt. Seiner Auffassung nach ist Regel unter physikalischen Aspekten zwar willkürlich gewählt, aber dennoch ein guter Anhaltspunkt für Autofahrer. „Fakt ist: Die Idealtemperatur für die Gummimischung eines Sommerreifens liegt über 20 Grad Celsius. Fällt die Temperatur unter diese Idealtemperatur, verliert die Mischung mit jedem Grad kontinuierlich an Elastizität und damit an Haftungsfähigkeit, bis sie ihre sogenannte Glastemperatur erreicht. In diesem Zustand ist die Mischung komplett verhärtet und hat so gut wie keinen Grip mehr“, erläutert Göritz. Daher erzielten etliche Sommerreifen bereits bei Temperaturen um fünf/sechs Grad Celsius schlechtere Bremswerte als gute Winterreifen.

„Um die Sieben-Grad-Argumentation der Industrie zu verstehen, muss man Eigenschaften des Gummis kennen“, ergänzt der Professor. „Wird Gummi verformt, kehrt es erst nach einer gewissen Zeit in seinen Ausgangszustand zurück. Diese zeitliche Verschiebung heißt Hysterese“, erklärt er. Wird der Reifen durch die Erhebungen in der Fahrbahnoberfläche gestaucht, werden im Gummi Reaktionskräfte erzeugt, die das Material mit zeitlicher Verzögerung wieder in seinen ursprünglichen Zustand drücken. „Diese Kräfte wirken dem Durchrutschen des Reifens auf der Fahrbahn entgegen und sorgen für Haftung“, so Göritz weiter. Ebenfalls wichtig sei der sogenannte Elastizitätsmodul von Gummi, der dessen Steifigkeitsgrad bzw. Widerstand gegen Verformungen charakterisiert. Eine weiche Gummimischung weist einen niedrigen Modul auf. Fällt die Temperatur, steigt der Modulwert: Das Material wird steif und spröde. Steigt hingegen die Temperatur, sinkt der Modulwert, und das Material wird wieder flexibel und elastisch.

Seine größte Hysterese und gleichzeitig eine akzeptable Geschmeidigkeit erreiche Gummi im Bereich der Glasübergangstemperatur. Dann hafte der Reifen am besten, weiß der Wissenschaftler zu berichten. Je weiter der Wert unter die Glasübergangstemperatur fällt, desto härter werde das Gummi und der Grip lasse nach. Demnach lautet das Ziel der Reifenentwickler, für die Laufflächen von Sommerreifen eine Glasübergangstemperatur zu erreichen, die im Bereich von etwa plus 20 Grad Celsius liegt, während sie für Winterreifen im Minusbereich angesiedelt ist. „Messungen bei Bremsvorgängen zeigen, dass die Leistung von Wintermischungen bei etwa minus vier Grad Celsius am besten ist und dann mit zunehmender Temperatur schwächer wird. Bei der Sommermischung hingegen liegt das Optimum bei etwa 18 Grad Celsius und wird schwächer, je kälter es wird“, sagt Michael Borchert, Geschäftsführer Marketing und Vertrieb der Pirelli Deutschland GmbH. Da sich die beiden Leistungskurven meist im Bereich zwischen sechs und acht Grad Celsius schneiden, sei die Sieben-Grad-Regel zweifelsohne eine sinnvolle Faustregel für Autofahrer, meint er.

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