Point S kann wieder Fahrt aufnehmen, Austrittswelle gestoppt – Kosten im Griff

Kooperationen wie point S sind entstanden, weil ohne solche Zusammenschlüsse nach der Überzeugung der sogenannten Gründerväter der einzelne Reifenfachhändler ohne Zukunftschancen zu sein schien. Und point S war durchaus erfolgreich. Knapp 700 Betriebe bilden in Deutschland derzeit ein dichtes Netz, verstärkt durch etwas weniger als 80 Automeister-Betriebsstätten. Die Zahlen schwanken, aber es ist kein Geheimnis, dass point S möglichst bald mehr als 1.000 Betriebe „am Netz“ haben möchte.
Erfolge machen Mut, manchmal verführen sie auch zu Übermut. Zwar wird es nicht so zum Ausdruck gebracht, doch es dürfte klar sichtbar sein, dass einer Reihe von Aktionen aus der Vergangenheit wenig Erfolg beschieden war. Das wird leider erst in der Rückschau mehr als deutlich. So wurden vor wenigen Jahren neue Geschäftsführer geholt, die Reifen noch nicht so gut verkauft hatten wie sich selbst und die davon überzeugt waren, frischen Wind ins Reifengeschäft bringen zu können, indem Ideen aus dem Einzelhandel auf Reifenservicebetriebe übertragen werden sollten. Inzwischen ist auch deutlich geworden, dass Expertise, Erfahrungen aus und im Reifenmarkt nicht schaden kann. Und nach Ansicht dieser Zeitschrift lag ein großes Manko darin, dass die Geschäftsführer gestalten und managen wollten, sich um Einfluss durch noch massivere Bündelung von Einkaufsvolumen bemühten und der dienende Aspekt, das heißt Erarbeitung von Serviceleistungen zur Entlastung des einzelnen Kooperationspartners, viel zu kurz geriet. Überspitzt gesagt: Sie wollten Handelskette spielen und schienen vergessen zu haben, „nur“ eine Kooperation zu sein.
So schien vor einigen Monaten das Chaos bei point S perfekt zu sein. Erst tritt ein Geschäftsführer ab, dann wird ein zweiter hinauskomplimentiert. Warum? Die Erfolge waren ausgeblieben, die Geschäftsführung hatte mehr versprochen als sie auch nur ansatzweise halten konnte. Und dann auch noch die Sache mit dem Geld. Viel wurde offenbar „verbrannt“ für Beraterverträge mit zweifelhaftem Nutzen und für Entertainment. Als dann auch noch – ausgelöst durch das zweimal nacheinander schwach ausgefallene Wintergeschäft – der Finanzrahmen enger wurde, war der Zeitpunkt für einen Neuanfang gekommen, mit einer neuen Geschäftsführung und mit einem neuen Beirat.
Dass es zu personellen Verwerfungen kommen würde, hatte die NEUE REIFENZEITUNG bereits frühzeitig berichtet. Während sich diese auch recht bald bestätigten, erwies sich die weitere Sorge, dass der Finanzrahmen aus den Fugen geraten könnte, als überzogen. Zwar arbeitet die Kooperation inzwischen mit Fremdkapital, aber offenbar in einem normalen und eher geringen Umfang. Nicht etwa, dass Geld keine Rolle spielen würde, aber es gibt auch keine irgendwie bedrohliche Situation.
Die letzten Monate 2007 wie die ersten des Jahres 2008 waren geprägt durch eine nicht mehr unter der Decke zu haltende Unzufriedenheit nicht weniger Partner. Dabei war 2006 noch eines der ganz guten Jahre in der point-S-Geschichte gewesen. Und dann kam im Jahr 2007 der Einbruch, ausgelöst durch ein wirklich sehr schwaches Winterreifengeschäft. Die, wenn man es so formulieren darf, Einschätzungen des Marktes, also die Einschätzung befragter Reifenhändler und Reifenhersteller, verhieß wenig Gutes. So kam die Übernahme des Beiratsvorsitzes durch Jürgen Pischinger zu einem denkbar schwierigen Zeitpunkt. Der leidenschaftliche Jäger war bereit, den Stier bei den Hörner zu greifen und ließ die Situation auch nicht einfach nur schönreden. Ja, es habe Kündigungen gegeben, diese seien auch als Signal verstanden worden, klar sei zudem, dass einige nicht mehr mit der Kooperation ausreichend zufrieden seien. Wie viele Betriebe die Kooperation denn nun verlassen möchten, wollten weder Jürgen Pischinger noch sein Vertreter Rolf Alterauge sagen. Und zwar aus gutem Grund. Verlassen hat die Kooperation noch kein Betrieb und gemeinsam werde man alles daran setzen, die einmal getroffene Entscheidung der Kollegen noch einmal umzudrehen. Und Alterauge verdeutlicht zusätzlich, dass er für mehr Offenheit als bisher stehe. Von der Presse erwarte er alles andere als Hofberichterstattung, er sei bereit, ständig Rede und Antwort zu stehen, und vor allem geht es ihm darum, den Informationsfluss untereinander zu optimieren. Die Partner haben nun mal, so seine Aussage, das Recht genau zu wissen, was in der Kooperation so vor sich geht. Im Übrigen, das gilt für Pischinger und Alterauge gleichermaßen, werde sich der neue Beirat stärker als seine Vorgänger auch auf die Kontrollfunktionen konzentrieren. Insgesamt aber wird das Jahr 2008 kein gutes Jahr für point S werden können, weil zu viele Dinge zu regulieren waren. Dafür wird für 2009 die klare Wende in Aussicht gestellt, weil die Kostenanpassungsmaßnahmen dann wirken und zwar selbst dann ausreichend wirken können, wenn es bei den bisherigen Austritten der Partner, die bereits gekündigt hatten, bleiben würde.
Mit spürbarem Elan ist Pischinger an seine vor ihm liegende Aufgabe gegangen. Man solle auch diese Krise als Chance begreifen, meint er. Mit Krise sind nicht die Vorgänge um point S allein gemeint, sondern der gesamte Reifenhandel stürzt durch das spürbar rückläufige Winterreifengeschäft in Probleme. Schnee und Eis haben lange zudecken können, wenn hier und dort Dinge nicht 100-prozentig in Ordnung waren. Es wird zu Umwälzungen kommen, aber auch darin liegen nach Ansicht der beiden Beiräte noch reichlich Vorteile. Pischinger verweist darauf, was alles bereits in nur wenigen Wochen geschehen ist. Man habe sich neu formiert, eine Reihe höchst wirksamer Maßnahmen auf den Weg gebracht, die sich teils nur mit einer zeitlichen Verzögerung niederschlagen.
Pischinger setzt auf „Bodenhaftung.“ Es geht ihm darum zu verdeutlichen, dass Reifenhändler auf der Suche nach einem „Nest“ von point S gut bedient werden können. Diese Kooperation wird so effizient wie selten zuvor arbeiten, der Druck auf die Zentrale zur Kostenreduzierung geht ganz gewaltig von diesem Beirat aus. Das Dienstleistungsangebot soll spürbar verbessert werden, und es wird kein Geld mehr ausgegeben für irgendwelche „heiße Luft“. Der Beirat will investieren, aber kein Geld für sinnlose Dinge verbrennen lassen.
Konnten vor 25 Jahren Reifenhändler allein die Zukunft nicht mehr gestalten bzw. trauten sich dieses nicht zu, so steht für Jürgen Pischinger fest, dass dies heute erst recht völlig ausgeschlossen ist. Die Anforderungen bzw. die gesamte Branche haben sich in den letzten Jahren so massiv geändert wie zuvor in drei Jahrzehnten nicht, und der Reifenfachhandel steht im Wettbewerb mehr und mehr mit dem Rücken an der Wand. Es müssen Antworten auf das Internetgeschäft und die damit einhergehende Transparenz gefunden werden. Das Hightechprodukt Reifen wird so unzulässig verramscht. Bis vor einiger Zeit habe auch das Geschäft mit Aluminiumrädern noch „Luft“ geschaffen. Doch dieses Geschäft ist ebenfalls unter großen Druck geraten. In dieser Situation, das beschreibt Pischinger geradezu leidenschaftlich, kommt es nach seiner Überzeugung mehr denn je auf funktionierende und funktionsfähige Kooperationen an. Pannendienst und Flottenservice seien ohne Kooperation nicht machbar und auf diesen Teil des Marktes kann man einfach nicht verzichten. Wiederholt verweist er darauf, dass es um Wertschöpfung gehe in einem Markt, der kein Wachstum mehr zeige, sondern Erfolg davon abhängt, in welchem Umfang Wettbewerber verdrängt werden können. Das aber ist nicht einfach, denn immer stärker treffen mittelständische Reifenfachhändler auf große Ketten der Hersteller.
Größte Aufmerksamkeit genießt bei point S nach Pischingers Worten der Bereich Automeister. Natürlich reichen die derzeit rund 80 Betriebe nicht aus, um ein starkes Netz bilden zu können, die Organisation ist auch – noch – zu klein, um kraftvolle Systeme entwickeln und durchsetzen zu können. Doch im „qualifizierten Dienstleistungsbereich“ liegt nach Überzeugung der point S der Schlüssel zum Erfolg. Und ein auf beiden Beinen stehender Unternehmer mit Bodenhaftung wie Pischinger wird dafür Sorge tragen, dass alles das, was gefordert wird, auch geleistet werden kann. Die Zentrale muss mitdenken und vorausdenken, muss Antworten auf von Partnern gestellte Fragen liefern können.
Es ist schon schwer, von Pischingers Optimismus nicht angesteckt zu werden. „2008 ist sicher kein Glanzjahr für point S. Es ist in der Vergangenheit Geld ausgegeben worden für Dinge, deren Nutzen nicht zu erkennen ist. Das haben wir überprüft und für die Zukunft abgestellt.“
Pischinger und auch Alterauge wollen nicht an Ankündigungen gemessen werden, sondern an den Taten, die solchen Ankündigungen dann auch tatsächlich folgen. Als „Knackpunkt“ wird Loyalität bezeichnet. Die Partner müssen sich zueinander und gegenüber der Zentrale loyal verhalten und zu mehr Verbindlichkeit gegenüber den Lieferanten kommen. Gemeinsam mit der neuen Geschäftsführung will der Beirat die Instrumente schaffen, die einen solchen Prozess ermöglichen und zu einer dynamischen Entwicklung führen.
Mit der erst vor wenigen Tagen bekannt gegebenen Zusammenarbeit von point S und team im Flottengeschäft ist beiden Kooperationen ein großer Schritt nach vorn gelungen. Das Zustandekommen dieser Zusammenarbeit ist auf das Einwirken der beiden Beiratsvorsitzenden Pischinger und Lüdorf überwiegend zurückzuführen. Damit ist klar gestellt worden, egal wie sich diese Zusammenarbeit letztlich entwickeln wird, dass es jedenfalls für point S wieder eine neue Richtung geben soll, weiter nach vorne. Es lohnt sich wohl wieder, sich mit point S einzulassen.

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