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Unternehmensnachfolge: Stephan Helm wollte keinen Einstieg ins gemachte Nest

Stephan Helm ist seit fünf Jahren Geschäftsführer von Reifen Helm. Er hat das Unternehmen von seinem Onkel Klaus übernommen. Das Unternehmen mit Stammsitz in Hamburg hat mittlerweile 50 Filialen im norddeutschen Raum inklusive Berlin. Der studierte Betriebswirt hatte vor Eintritt ins Familienunternehmen mehrere berufliche Stationen außerhalb des Reifenhandels. Die NEUE REIFENZEITUNG hat den 38-Jährigen, der seit Juni auch Vorsitzender des Bundesverbandes Reifenhandel und Vulkaniseurhandwerk (BRV) ist, zu seinen Erfahrungen bei der Unternehmensnachfolge befragt.

NRZ: Herr Helm, seit wann ist das Thema Unternehmensnachfolge ein Thema in Ihrem im Unternehmen?

Stephan Helm: Unser Unternehmen wird seit 1912 durchgehend durch die Inhaberfamilie, aktuell in vierter Generation, geführt. Insofern sehen wir das Thema Unternehmensnachfolge nicht als statistisches/einmaliges Ereignis, sondern als einen kontinuierlichen Prozess. Ich kenne das Thema von Kindesbeinen an. Dies war eine laufende und ergebnisoffene Diskussion. Natürlich gibt es in so einem Prozess auch klare Entscheidungspunkte, zu dem alle Beteiligten „Farbe bekennen“ müssen.

NRZ: Wann wurde entschieden, dass Sie das Unternehmen übernehmen? Wann wurde Ihnen klar, dass Sie das auch machen möchten?

 Stephan Helm: Mein Onkel hat das Unternehmen über 40 Jahre geführt und das Thema Nachfolge laufend im Auge gehabt. Ich hatte frühzeitig ein Interesse an dem Geschäft, was sich etwa in Praktika im Unternehmen und in der Branche oder auch durch die Teilnahme an Unternehmensveranstaltungen ausgedrückt hat. Ein erster wesentlicher Entscheidungspunkt war hierbei die Wahl der Ausbildung. Mit dem Studium der Betriebswirtschaftslehre und einem Auslandspraktikum bei einem Reifenhersteller wurden bereits erste Akzente in Richtung Nachfolge gesetzt. Mir persönlich wurde in dieser Phase klar, dass ich jedoch keinen direkten Einstieg ins „gemachte Nest“ wählen wollte. Daher habe ich meinen Berufseinstieg bewusst außerhalb der Branche und außerhalb des familiären Netzwerkes gewählt. Bei der Wahl meiner beruflichen Stationen hatte ich jedoch immer im Auge: Was kannst du mit Blick auf eine eventuelle Nachfolge lernen. Insbesondere: Welche Erfahrungen brauche ich, die mir das Familienunternehmen nicht bieten kann. Ich würde nicht sagen, dass jeder einzelne Schritt langfristig geplant war. Im Hinterkopf hatten jedoch alle Beteiligten, dass sich hier eine Chance ergeben könnte. Und siehe da: Es hat gepasst.

NRZ: Haben Sie klare Spielregeln für die Übernahme festgelegt? Wenn ja, für wie wichtig halten Sie die?

Stephan Helm: Nein, wir haben keine Spielregeln und formale Kompetenzen festgelegt, sondern situativ entschieden, wie weit wir Prozesse gemeinsam gestalten oder wo wir bereits „abgeben”. Auch ein Zeitplan stand nicht fest. Dieses Vorgehen fordert sicherlich viel Vertrauen von allen Beteiligten, hat sich für uns aber ausgezahlt. Wir hatten ein gemeinsames Ziel und konnten den Generationswechsel nach zirka drei Jahren abschließen.

NRZ: Haben Sie im Übergabeprozess eine neutrale Person beauftragt, die den Wechsel moderierte?

Stephan Helm: Was das eigentliche Geschäft betrifft, haben wir dies ohne externe Beratung vollzogen. Die formalen Prozesse wie Umstrukturierung der Firmengruppe, Anteilsübertragung, aber auch langfristige Ausrichtung wie etwa Erbverträge haben natürlich externe Profis begleitet. Die Erfahrungen aus anderen Unternehmerfamilien haben uns sehr geholfen. Nicht zuletzt spielen steuerliche Themen eine wesentliche Rolle. Alles Themenfelder, die einem im operativen Geschäft zwar nicht weiterhelfen. Wenn man sie jedoch nicht richtig regelt, können sie das Unternehmen gefährden. Und der Erhalt des Unternehmens und seiner Arbeitsplätze stehen bei uns an erster Stelle.

NRZ: Wird die Übergabe eines Betriebes an ein Familienmitglied bei den Mitarbeitern anders angesehen als wenn jemand Fremdes ins Unternehmen kommt?

Stephan Helm: Das müssen Sie unsere Mitarbeiter fragen. Mein Gefühl war jedoch, dass mir im Familienunternehmen sehr viel Vertrauen entgegengebracht wurde. Ich bin überall mit sehr offenen Armen empfangen worden und habe alle Unterstützung erhalten, die nötig war. Das habe ich im Konzern auch schon mal anders erlebt.

 NRZ: Bietet die Zeit der Firmenübergabe auch die Chance zu doppelter Power, als ideales Zeitfenster für Veränderung und Innovation?

 Stephan Helm: Veränderung ist immer ein „heißes Eisen”. Und in der Tat bietet dieses Zeitfester einen guten Rahmen für Veränderungen. Ich denke, kontinuierliche Veränderung wird unser Unternehmen und unsere Branche in den nächsten Jahren laufend auf Trab halten. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich nur sagen, dass die letzten Jahre eine Phase der persönlichen Aufbruchsstimmung waren. Ich denke, dass uns eine Menge Aufbruch und Veränderung gelungen ist. Ob dies an dem persönlichen Transportieren der Aufbruchsstimmung, am Generationenwechsel ganz allgemein oder an unserer guten Mannschaft liegt, kann ich ehrlich gesagt nicht beurteilen – vermutlich an allem gemeinsam. Zurzeit genieße ich einfach die positive Phase, die das Unternehmen durchläuft.

christine.schoenfeld@reifenpresse.de

 

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