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Uniwheels kann im polnischen Stalowa Wola 8,9 Millionen Räder produzieren

Dr. Wolfgang Hiller wohnt regelmäßig für zwei bis drei Tage in Stalowa Wola. Direkt auf dem Werksgelände von der Uniwheels AG in Polen. Genauer gesagt: in einem der Gästezimmer des Bürogebäudes eines der drei Werke in der ehemaligen Stahl- und Rüstungsindustriestadt im Südosten des Landes. Von dort aus hat der Chief Operation Officer und Vorstandsmitglied des Räderherstellers den Überblick über große Teile des Werkes, kann mit allen Sinnen erleben, wie die Räder gefertigt werden, und dann das Werk verlassen. Am Tag und in der Nacht. Die NEUE REIFENZEITUNG hat den Produktionsstandort besucht.

Das deutsche Unternehmen mit Konzernzentrale in Bad Dürkheim gehört zu den größten Räderzulieferern für die Automobilindustrie. Bekannte Konzernmarken sind ATS, Rial, Alutec und Anzio. 2016 lieferte das an der Warschauer Börse notierte Unternehmen 82 Prozent seiner Räder an europäische Kunden wie BMW, Mercedes, Audi, Volvo, VW/Skoda und viele weitere. Dies waren im vergangenen Jahr fast 7,2 Millionen Räder. Weitere 1,6 Millionen Räder gingen in den Aftermarket und somit 18 Prozent der produzierten Räder. Das Unternehmen ist nach eigenen Angaben der größte Hersteller im europäischen Ersatzmarkt. Auch in diesem Bereich sieht Dr. Wolfgang Hiller eindeutig noch Luft nach oben: „Wir peilen hier zwei Millionen Räder an.“ Insgesamt will das Unternehmen 2017 die 500-Millionen-Euro-Umsatzmarke knacken.

2.600 Mitarbeiter arbeiten in den drei polnischen Werken

Über 3.000 Mitarbeiter sind dafür im Einsatz, davon allein 2.600 in Stalowa Wola. Insgesamt gibt es hier drei Werke, das neueste wurde im Sommer 2016 hochgefahren. Zwei dieser Werke in Polen leitet Joachim Jersch. Der 63-Jährige hat schon das erste Werk im Jahr 2000 mit aufgebaut. Immer wenn sein Chef Wolfgang Hiller aus Deutschland anreist, hat er für ihn die Süddeutsche Zeitung, das Handelsblatt und die TV Movie im Gepäck. Für Jersch ein unbedingtes Muss: „Ich bin als 16 Jahre alter Teenager aus Schlesien nach Frankenthal gekommen und Deutschland ist für mich Heimat. Ich muss wissen, was da läuft.“ Jersch kennt die Gründer des Unternehmens Ralf und Michael Schmid, war viele Jahre Drehereileiter bei Rial im deutschen Werk. „Einer der Hauptgründe, warum ich für sie hier in Polen das Werk mit aufgebaut habe, ist sicherlich, dass ich weiß, wie die Menschen hier ticken.“ Und das sei wichtig: „Denn die Mitarbeiter sind die Säulen des Unternehmens. Viele Menschen von damals arbeiten immer noch hier.“ Gerade in der Gießerei sei das ein enormer Vorteil: „Denn hier werden die Räder geboren, wenn das nicht ordentlich klappt, dann können die nachfolgenden Stationen nichts mehr rausholen. Deshalb ist es wichtig, dass hier Menschen mit Erfahrung arbeiten, die wissen, welchen Einfluss Luftfeuchtigkeit oder Temperatur haben und diese Erfahrungen dann auch an die nachfolgenden Generationen weitergeben.“

Joachim Jersch ist zum Bau des ersten Werkes nach Stalowa Wola gezogen. Der gebürtige Schlesier war in Deutschland aufgewachsen. Sein Herz hängt an Deutschland

Joachim Jersch ist zum Bau des ersten Werkes nach Stalowa Wola gezogen. Der gebürtige Schlesier war in Deutschland aufgewachsen. Sein Herz hängt an Deutschland

Überhaupt seien die Mitarbeiter das A und O für die Uniwheels AG. Und da der Arbeitsmarkt hier in Stalowa Wola „leer gefegt“ ist, hat der Räderhersteller drei Maßnahmen ergriffen, um die Leute anzuwerben und dann auch zu halten. „Zum einen haben wir die Löhne angemessen angehoben. Wir setzen auch vermehrt auf Frauenarbeitsplätze, und gerade bei filigranerer Arbeit sind sie den Männern überlegen. Auch kooperieren wir seit einiger Zeit mit dem Gefängnis vor Ort“, so Dr. Wolfgang Hiller. Dieses Projekt hat Joachim Jersch umgesetzt. „27 Gefangene arbeiten derzeit bei uns. Die Leute werden zu den Schichten gebracht und danach auch wieder abgeholt. Wir haben sehr positive Erfahrungen mit ihnen gemacht. Die Menschen bestätigen uns auch, dass sie durchaus gerne bei uns arbeiten, da ihnen dadurch auch nach der Haft eine Perspektive geboten wird.“

Ab 2018 können auch 24 Zoll-Räder gefertigt werden

In Stalowa Wola können momentan bis zu 8,9 Millionen Räder gefertigt werden. Es ist damit nach Unternehmensangaben der weltweit größte Standort für die Leichtmetallräder-Produktion. Die Radgrößen reichen von 14 bis zurzeit 24 Zoll. „Das erste Seriengussrad in 23 Zoll haben wir als erster Hersteller im Herbst 2016 auf den Markt gebracht“, so Hiller stolz. Ab 2018 könnten auch 24 Zoll-Räder gefertigt werden. Die Inbetriebnahme von dem fast 32.000 Quadratmeter großen Werk 3 im August 2016 nach nur einem Jahr Bauzeit sehen die Beteiligten als überaus sportlich. „Wir sind damit in der Lage bis zu zwei Millionen weitere Räder für OEM-Kunden zu produzieren und das ein Jahr früher als geplant. Und vor allem können wir hier – dem Markttrend entsprechend – größere Räder produzieren“, so Dr. Wolfgang Hiller.

Etwa 30 Prozent der gefertigten Räder im gesamten Werk seien mittlerweile glanzgedreht. Darüber hinaus kann ein nachfragegerechter Anteil der Räder nach der Flow-Forming-Technologie hergestellt werden. Als einer der Technologieführer arbeitet Uniwheels an neuen Prozessverfahren mit dem Ziel, einen signifikanten Beitrag zur Verminderung von CO2-Emissionen zu leisten. Auch das in das 2008 übernommene Werk 2 von ATS (Stahlschmidt & Maiworm) auf der gegenüberliegenden Straßenseite wird weiter investiert, „hier sollen  eine Million Räder zusätzlich und damit 5,4 Millionen Räder gebaut werden können“. 90 Millionen Euro wurden und werden hier investiert. Und auch neue Bauten sind am Standort nicht abwegig. Gerade wurden noch freie Flächen neben den Werken gekauft, und auch die öffentliche Straße zwischen den Produktionshallen soll demnächst gekauft werden. Geplant sei auch eine Produktionsanlage für weitere zwei Millionen Räder. Als Standort seien neben Mexiko auch Rumänien, Serbien und Bulgarien im Rennen. Dr. Wolfgang Hiller: „Die Hauptparameter in der Internationalisierungsanalyse sind qualitative und quantitative Kriterien mit dem Schwerpunkt auf nachhaltiger Wertschöpfung für alle Stakeholder.“

Deutscher Produktionsstandort ist das Kompetenzzentrum

Auch wenn in Polen die meisten Räder produziert werden, ist der Standort in Deutschland nach wie vor sehr wichtig. Zum einen sei es das Kompetenzzentrum und zum anderen „profitieren wir von der Kundennähe, denn die Entscheidungen fallen bei unseren Premiumkunden einfach in Deutschland, z.B. in Stuttgart oder München“. Die Zentrale der Uniwheels AG sitzt im rheinland-pfälzischen Bad Dürkheim und auch das Logistikzentrum für den Aftermarket steht hier. Im Werk im sauerländischen Werdohl werden jährlich bis zu 1,8 Millionen Räder in den Größen von 17 bis 21 Zoll für das OEM-Geschäft mit Kunden wie Mercedes-AMG, Audi, BMW, Jaguar Landrover und Volvo gefertigt. 395 Mitarbeiter sind hierfür im Einsatz. Das Werk Werdohl sei mit seinen unterschiedlichsten Fertigungstechnologien wie Tamponprint, Flow-Forming und neuester Gießereitechnologie Light Weight Perfromance Casting LPC der Innovationsträger der Gruppe. „Wir haben hier in den letzten Jahren einiges umstrukturiert und die Effizienz deutlich gesteigert. Beispielsweise haben wir unsere früher sehr hohe Schrottrate durch die verschiedensten Schritte auf einen Benchmarkwert senken können“, so Hiller.

Um die Marktposition weiter zu stärken, hat die Gesellschaft nun im 15 Kilometer vom Werk entfernten Lüdenscheid Raum für das neue 1.500 Quadratmeter große Technologiezentrum geschaffen. Die Verlegung der F&E vom derzeitigen Standort in das neue Zentrum wird im Laufe dieses Jahres abgeschlossen sein. Dann werden 35 Mitarbeiter mit modernsten Testequipment arbeiten. „Wir sind einer der Technologieführer in der Aluminiumradbranche und diese Position möchten wir weiter ausbauen. Unser Ziel ist es, als bevorzugter Entwicklungspartner der Automobilindustrie Premiumkunden den technischen Service zu bieten, den sie brauchen, und unsere klare Strategie besteht darin, erstklassige Technologielösungen am Markt anzubieten“, so Dr. Thomas Buchholz, Vorstandsvorsitzender der Uniwheels AG und fügt hinzu: „Erfahrene F&E-Experten werden unseren Best-in-Class-Produktionsprozess und dessen Effizienz weiterentwickeln und unsere Produkte im Hinblick auf Sicherheit und Qualität weiter verbessern.“ Der Standort in Fußgönheim in der Nähe von der Konzernzentrale werden Prototypen von Rädern und Räder für den Motorsport entwickelt und produziert. Die Schmiederäder für den High-End- Zubehörmarkt werden hier ebenfalls gefertigt. Ab 2017 stattet Uniwheels genauer gesagt, die Marke ATS alle drei Teams (Mercedes, Audi und BMW) der DTM mit einem speziell dafür entwickelten Design-Rad aus. Es handelt sich hierbei um Aluminiumschmiederäder in den Größen 12×18 Zoll für die Vorder- und 13×18 Zoll für die Hinterachse. Die Räder werden aus einer hochfesten Sonderlegierung hergestellt.

Dr. Wolfgang Hiller

Dr. Wolfgang Hiller

Zur Person: Dr. Wolfgang Hiller 

Dr. Wolfgang Hiller ist seit dem 1. Juni 2016 zum weiteren Vorstand des Räderherstellers Uniwheels bestellt worden. Seitdem hat der 55 Jahre alte Mann als Chef Operation Officer (COO) unter anderem die Leitung der Produktionswerke, die Leitung der Accessory-Division, das Industrial Engineering, das Gruppen-Marketing sowie den Motorsport übernommen. Der gebürtige Hamelner und in Bonn aufgewachsene Mann hat Physik, Mathematik und Informatik in Bonn studiert, anschließend in den Fachbereichen Physik und Nuklearmedizin promoviert und zunächst eine wissenschaftliche Laufbahn eingeschlagen. Dann gab es „einen Break“. Er wechselte von der Wissenschaft in die Automotive-Industrie, „mein Vater gab mir damals den Anstoß.“ Den Schritt hat er nie bereut. Mehr als 27 Jahre Erfahrungen hat er jetzt hier bereits gesammelt. In den unterschiedlichsten Bereichen und Führungspositionen. Stationen waren etwa als globaler BU-Leiter für Elektromotoren, als Boardmember und Senior Managing Director für Bosch Japan & Thailand. Bevor er zu Uniwheels kam, war er CEO beim marktführenden Hersteller von Bremsscheiben Buderus-Guss. Dem Manager ist seine Leidenschaft für die Physik mit jeder Faser anzumerken und er kann sie bei Uniwheels auch voll ausleben. „Die Giesserei-Technologie ist ausgesprochen komplex und damit spannend, insbesondere weil die wesentlichen physikalischen Zusammenhänge trotz der Jahrtausende langen Tradition nicht wirklich verstanden sind! Das bietet ein enormes Potential für kreative technisch-physikalisch interessierte Nachwuchskräfte“, so Hiller.

christine.schoenfeld@reifenpresse.de

 

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